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Schlossgarten wird im Streit um S21 unterschätzt - Projektgegner: Kultur und Emotionen.

Stuttgart - Am 30.September 2010 bekommt der Streit um S21 ein hässliches Gesicht. Es gibt Gewalt auf beiden Seiten - Polizei und Demonstranten. Dass speziell im Park die Eskalation droht, hat sich abgezeichnet. Doch Warnsignale wurden falsch gedeutet oder ignoriert.

Als der Schauspieler Walter Sittler im November 2009 im Schlossgarten auf dem künftigen Baufeld von Stuttgart21 ein Loch buddelt und einen "Widerstandsbaum" pflanzt, wirkt das trotz aller Symbolik harmlos, beinahe naiv. Ernst nimmt das Wort vom "Widerstand" kaum einer.

Auch als die Parkschützer-Initiative fünf Monate später im Schlossgarten ihr erstes öffentliches "Training für den Ernstfall" abhält, bei dem sich 25 Aktivisten an Bäume ketten und im Kanon "Wehrt euch, leistet Widerstand..." singen, erscheint das mehr wie eine PR-Aktion.

Den Bürgern ist der Wert des Parks als grüne Lunge und als sozialer Freiraum bewusst. Seit 1997 weiß man auch, wie der neue Hauptbahnhof den Mittleren Schlossgarten durchschneidet. Jahrhundertealte Bäume werden dafür gefällt und eine einzigartige Liegewiese zerstört. Trotzdem bleibt es jahrelang ein Randaspekt. Dass die Konfrontation um den Schlossgarten einmal das Ende der CDU-FDP-Landesregierung einläutet und die Deutsche Bahn so tief wie nie in die Defensive drängt, ahnt niemand.

Das ändert sich im Sommer 2010. Als die Bahn im August mit dem Abbruch am Nordflügel am alten Bahnhof beginnt, wirkt das auf die S-21-Gegnerschaft wie ein Katalysator: Alle paar Tage legt eine anschwellende Protestwelle die City lahm; Zehntausende Bürger demonstrieren. Mit dem Bahnhofsprojekt hat es nur teilweise zu tun. "Damals hat sich die Kraft verstetigt gegen eine Politik, die offenbar alles für ihre Ziele opfert", meint SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch, der heute einer der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart21 ist.

Nachdem der Nordflügel abgerissen ist, wird der Park zum "neuen Ort der Konfrontation" (Rockenbauch) erklärt. Manche sehen die Protestbewegung auf dem Rückzug, zumal mit dem Bau von S21 schon im April 2010 offiziell begonnen worden war. Doch das stimmt nicht. Erst im Schlossgarten erklärt sich der Protest zum "Widerstand". Jetzt kämpft man nicht um leblose Steine, sondern um lebende Pflanzen. Das lädt den Protest emotional auf, macht ihn nachvollziehbar, mehrheitsfähiger. Mit dem Park hat der bis dahin politisch, verkehrs- oder finanztechnisch motivierte Protest so etwas wie eine Seele gefunden.

Der Schwarze Donnerstag beginnt

Mit Pathos appellieren Parkschützer an Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU), er solle die "irrsinnige Brutalität" stoppen. Die Töne werden schriller, die Aktivitäten hektischer. Anders als beim Nordflügel, wo der Abriss Tage dauerte, glaubt man im Park schnell sein zu müssen. Ein Baum sei schließlich rasch gefällt, heißt es. Ein Alarm via Internet und Mobilfunk soll deshalb in Sekunden Tausende Projektgegner mobilisieren. Nur: Für Zwischentöne lässt ein solcher Alarm keinen Spielraum.

Der Polizei gelingt es in dieser angespannten Situation nicht mehr, eine tragfähige Verbindung zu den führenden Köpfen des Protests aufzubauen. So werden viele Warnsignale, dass es am Tag X mehr als nur die übliche Demo geben könnte, ignoriert.

Und noch etwas wird unterschätzt: Die Protestbewegung kristallisiert sich im Sommer 2010 nicht nur an der Ablehnung von S21 - sie formiert sich auch als bunte, soziale und vor allem kulturelle Bewegung. "Der Protest hat ein kreatives, kritisches Potenzial in der Stadt geweckt, das bisher im Verborgenen schlummerte", sagt damals Rainer Benz, dessen Agentur einen Großteil der öffentlichen Veranstaltungen organisiert hat. Die Kultur und die Kreativität aller Beteiligten hätten die Qualität des Protests noch gesteigert, meint Stadtrat Rockenbauch rückblickend. Erst daraus habe der Protest "Kraft, Selbstbewusstsein und letztlich seine Hartnäckigkeit" gezogen.

Offiziell lehnen das Aktionsbündnis und die Parkschützer Gewalt ab. Die besagte "Hartnäckigkeit" wird aber ein wichtiger Faktor beim Schwarzen Donnerstag: Dass so viele Demonstranten verbissen um jeden Meter Park kämpfen, auch Reizgas und dem Wasserwerfer nicht weichen und so Verletzungen in Kauf nehmen, hat die Polizei vorher nicht für möglich gehalten. Der trotzige Ruf der Projektgegner, "Das ist unser Park!", wurde nicht für voll genommen. Bis heute demonstriert ein großes, illegales Zeltlager im Schlossgarten das Selbstverständnis von Teilen der Protestbewegung.

Das Aktionsbündnis sei sich seiner Verantwortung im Sommer 2010 bewusst gewesen, beteuert Rockenbauch: "Wir haben zwar gesagt, dass dieses Projekt nicht gegen den Widerstand der Bürger machbar ist. Wir haben den Park aber nicht zur Entscheidungsschlacht um S21 stilisiert." Dass es trotzdem so weit kommt, hätten trotzdem alle wissen müssen - die Protestbewegung, die Polizei, Medien, Politik, Öffentlichkeit.

Am 30.September 2010 rückt die Polizei aus, um das Baufeld im Park abzusperren. Der Schwarze Donnerstag beginnt.

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