Fünfzehn Jahre sind seit dem 30. September 2010 vergangen. Vergessen ist nichts. Doch die Stadtgesellschaft ist nicht mehr zerrissen, meint unsere Polizeireporterin Christine Bilger.
Hunderttausende sind im Lauf der Jahre wegen und vor allem gegen Stuttgart 21 auf die Straße gegangen – und der Rest der Republik staunte, wie im eher braven Schwaben die Menschen der Politik die Meinung geigten, kreativ mit Schwabenstreich und Zeltdorf im Schlossgarten. Doch selten war eine Demo so emotional, so traurig und wütend, wie jene am 1. Oktober 2010, dem Tag nach dem Ereignis, das als schwarzer Donnerstag in die Geschichte Stuttgarts einging.
Da zogen etliche mit durch die Stadt, die bis dato gar nicht dabei gewesen waren beim Protest. Jene Demo am Tag danach hatte eine zentrale Botschaft: „Das ist nicht unser Stuttgart, so geht man hier nicht miteinander um, so ist unsere Polizei nicht.“ Ein eindrucksvoller Protestmarsch – begleitet und gesichert von der Stuttgarter Polizei, die die geballte Wut der Stadt traf. Der Tag hat Stuttgart verändert. Für immer? Nein. Aber für lange Zeit – und etwas ist geblieben von dem Ärger jener Tage.
Kann man der Polizei noch trauen?
Damals schien es vielen, als würden die Wunden nie mehr heilen, als wäre für immer ein Riss in der Gesellschaft. Wem kann man noch trauen, wenn die Polizei gegen die bürgerliche Mitte – aus der kam ein Großteil der Protestierenden – so brutal vorgeht? Waren die Einsatzkräfte gar zu Marionetten der Politik geworden? Ausgerechnet in der Stadt, die mit der Stuttgarter Linie der Polizei „So viel Freiheit wie möglich – so viel Sicherheit wie nötig“ über Jahrzehnte gut gefahren war?
Hinterher weiß man immer mehr: Fünf Jahre nach dem 30. September 2010 urteilte das Stuttgarter Verwaltungsgericht, dass der Einsatz der Polizei gegen die Demonstrierenden nicht rechtmäßig war.
Seither verbietet es sich, für das nicht nachvollziehbare harte Vorgehen der Polizei die Formulierung „aus dem Ruder gelaufen“ zu verwenden. Zwar ist der Einsatzleitung vieles auch aufgrund des Chaos an diesem Tag entglitten – aber: Es geschah Unrecht. Das ist gerichtlich geprüft und verurteilt – die Wut der Stuttgarterinnen und Stuttgarter war nach dem Schwarzen Donnerstag gerechtfertigt – und wichtig, um den Verantwortlichen zu spiegeln, dass sie den Pfad des guten Miteinanders verlassen hatten.
Was ist geblieben – was ist aus der gespaltenen Stadt geworden? Wenn es so etwas wie das seinerzeit viel beschworene „kollektive Gedächtnis“ einer Stadtgesellschaft gibt, so ist den Bürgerinnen und Bürger der Tag düster und als schweres Erbe in Erinnerung. So wollte man sich vorher und nachher nicht begegnen am Bauzaun. Die Protestierenden sind sauer gewesen, hartnäckig geworden – und friedlich geblieben. Bis heute herrscht bei dem Thema Stuttgart 21 keine Einigkeit. Wer damals gegen den Abriss und den Baubeginn war, ist bis heute kaum von der Sinnhaftigkeit zu überzeugen.
Sehnsucht nach dem Ende der Bauarbeiten
Viele engagieren sich weiter, etwa im aktuellen Bürgerbegehren gegen die Vermarktung der frei werdenden Fläche. Sie wollen, dass diese für eine bessere Bahninfrastruktur genutzt wird. Die andere Gruppe erwartet nichts sehnlicher als ein Ende der Bauarbeiten und des damit verbundenen quälend langen Umwegs – liebevoll-spöttisch „Fernwanderweg“ genannt – zu den Gleisen. Und hofft auf das versprochene Wunder der Reiseerleichterung.
Diese Meinungen prallen auch heute noch aufeinander. Zu innerfamiliären Zerwürfnissen führt das aber nicht mehr, und taugt auch nicht mehr als Stimmungskiller auf Partys. Es ist eine politische Meinungsverschiedenheit geworden, wie man sie in einer pluralistischen Gesellschaft aushalten muss und kann. Auch die aufrichtige Entschuldigung des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann an die Verletzten hat zur Versöhnung beigetragen.
Was aber ist aus dem Verhältnis zur Polizei geworden? Kurz nach dem Schwarzen Donnerstag ließ sich der Polizeipräsident Siegfried Stumpf in den Ruhestand versetzten. Sein Nachfolger Thomas Züfle setzte auf Kommunikation und Transparenz. Nach Züfles Unfalltod führten seine Nachfolger diese Linie fort. Auch wenn es heute noch am Rande von Demos zu Konflikten und Auseinandersetzungen kommt – Überraschungen wie nicht angekündigte Wasserwerfer gibt es nicht mehr.
Es werden weiterhin welche in der Stadt eingesetzt – aber dann weiß man es. Anti-Konflikt-Teams begleiten seit 2011 viele Demos – um kommunikativ auf die Stimmung einzugehen. Auch das eine Lehre aus dem 30. September. Man geht wieder normal miteinander um, anerkennt die Rolle des Gegenübers. Es ist nichts vergessen. Aber die Wut jener Tage ist gewichen.