Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Baby? Immer mehr Frauen in Deutschland sind bei der Geburt ihres ersten Kindes 35 Jahre alt und älter. Foto: dpa

Mit interaktiver Grafik - Längere Ausbildungszeiten, mehr Freiheiten und höhere Ansprüche: Frauen in Deutschland bekommen immer später Kinder. Aber hat das Nachteile?

Bonn/Stuttgart - Sie denkt lange nach, rührt, in Gedanken versunken, mit dem Löffel in ihrer Kaffeetasse. „Ich glaube, bei uns ist das nun mal erst ab 30 ein Thema“, sagt Isabell dann. Uns, damit meint sie ihre Generation. Isabell ist 35. Nächstes Jahr will sie heiraten – und dann auch schwanger werden.

„Kinder kriegen, das kann ich mir erst seit etwa einem Jahr für mich vorstellen“, sagt Isabell. Mit 20, 25 und auch mit 29 sei das für sie kein Thema gewesen. „Nie!“, sagt sie vehement. Es habe einfach nicht in ihr Leben gepasst. Nach dem Abitur hat die junge Frau aus Mainz BWL studiert, bei ihrem Uni-Abschluss war sie 26 Jahre alt. „Danach wollte ich auch erst mal arbeiten – wozu hatte ich schließlich so lange studiert“, sagt sie. Als dann endlich alles stimmte, der Beruf, der Wohnort, fehlte noch ein entscheidender Part: der Mann. „Jetzt bin ich beruflich und privat angekommen, und jetzt kann ich mir auch vorstellen, Kinder zu bekommen.“

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Längere Ausbildungswege, Mobilität im Berufsleben und die Freiheit, sich später für eine feste Beziehung entscheiden zu können, nennen auch Fachleute als Gründe dafür, dass Frauen in Deutschland immer später Kinder bekommen. Zum Leitbild verantworteter Elternschaft gehöre zudem, den Kindern möglichst viel bieten zu können. Vom schön eingerichteten eigenen Zimmer über modische Kleidung bis zur optimalen Förderung und Bildung, sagt Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden. „Viele bekommen erst Kinder, wenn das alles erfüllt ist.“

Die Statistik gibt ihm recht: Jedes fünfte Neugeborene in ­Deutschland hat laut Statistischem ­Bundesamt eine Mutter, die ­mindestens 35 Jahre alt ist. Der Anteil ist in den vergangenen zehn Jahren ständig gestiegen. Im Schnitt sind Frauen in Deutschland bei der Geburt ihres ersten Kindes 29 Jahre alt. „Viele wollten eigentlich früher Kinder haben. Die Umstände verhindern aber das Ideal“, sagt Dorbritz.

Doch wann ist nun der richtige Zeitpunkt, Nachwuchs in die Welt zu setzen? Lieber früh, wenn man selbst noch jung und fit und vielleicht auch etwas naiv ist? Oder doch lieber warten, bis man den richtigen Job, die perfekte Wohnung und den Seelenverwandten gefunden hat? Welche Chancen und Risiken haben ältere Eltern – und welche haben ihre ­Kinder?

Wer noch jung Mutter werden will, sollte zumindest eine abgeschlossene Ausbildung haben, empfiehlt Karriereberaterin Claudia Enkelmann. Der Vorteil in den 20ern: „Sie haben noch sehr fitte Großeltern.“ Die seien als Netzwerk unersetzbar. Mit 40 seien die Kinder außerdem aus dem Haus, Frauen könnten dann noch mal karrieremäßig durchstarten. „Allerdings muss ich dafür beweisen: Ich bin hoch motiviert, habe beispielsweise aus eigenem Antrieb Weiterbildungen gemacht.“ Ein klarer Nachteil: Finanziell sei meist kein großes Polster vorhanden, mit dem man sich Kinderbetreuung oder Urlaube leisten könne.

Neben den ganzen äußeren Umständen verdrängen viele Frauen die biologischen Fakten: Es ist kein Geheimnis, dass die Zahl der befruchtungsfähigen Eizellen mit dem Alter abnimmt. Und auch wer auf natürlichem Wege nicht schwanger wird, hat bei künstlicher Befruchtung die besten Chancen vor dem 35. Geburtstag. Von daher könnte man sagen: je jünger, desto besser.

Allerdings: „Wir haben nur begrenztes Wissen darüber, wie viele Frauen mit 40 Jahren auf natürlichem Wege schwanger werden und wie lange sie es versucht haben“, erklärt Bettina Toth, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Es gibt keinen biologischen Marker, der Frauen sagt, wie lange sie noch fruchtbar sind. „Wer älter als 35 Jahre ist, muss wissen: Je länger man es hinausschiebt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich der Kinderwunsch erfüllt“, sagt Toth, die die Kinderwunschambulanz an der Uniklinik Heidelberg leitet. Statistisch gesehen steigt bei älteren Müttern außerdem die Zahl der Fehlgeburten und Fehlbildungen beim Kind.

Alte Eltern stoßen körperlich an ihre Grenzen

Aber auch nach der Geburt könne sich das Alter der Mutter gesundheitlich nachteilig auswirken: „Wir sehen bei älteren Müttern längere Erholungszeiten nach Kaiserschnitten und auch nach natürlichen Geburten“, sagt der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, Christian Albring. „Zudem haben sie oft weniger Reserven für die kraftraubende erste Zeit mit dem Baby und mit Klein- und Schulkindern, für die Schlafunterbrechungen für Stillen und Wickeln, leiden häufiger unter schweren Rückenschmerzen durch das Tragen.“ Toth ergänzt: „Auch Väter um die 60 stoßen mit ihren körperlichen Möglichkeiten an Grenzen.“

Und nicht zuletzt: Je älter eine Mutter ist, desto höher ist die Gefahr, dass sie ihr Kind nicht mehr so lange begleiten kann. Schließlich steigt das eigene Risiko, beispielsweise eine Herzerkrankung zu bekommen.

Auch die Gesellschaft ist von den späten Kinderfreuden betroffen. Das seit Jahren steigende Alter von Frauen beim ersten Kind wirke sich auf das Geburtenniveau insgesamt aus, sagt Dorbritz vom BiB. Denn die Statistik zeige: „Wer drei Kinder hat, hört nicht später auf, sondern fängt früher an.“

„Die Wahrscheinlichkeit, Geschwister zu bekommen, die Eltern noch lange zu erleben und viel Zeit mit den Großeltern zu verbringen, ist geringer“, zählt auch Andreas Eickhorst vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) die Nachteile auf. Zudem müssten Kinder älterer Eltern oft Hänseleien von Freunden ertragen. Manche wüchsen auch mit schweren Krankheiten eines Elternteils auf. Sie müssen früh lernen, damit umzugehen.

Dennoch: Psychologe Eickhorst und Geschlechterforscherin Waltraud Cornelißen vom DJI betonen vor allem die Chancen für ältere Eltern und ihre Kinder. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass spätere Mütter schlechtere Mütter sind“, sagt Cornelißen. „Ältere Paare haben meist bessere Voraussetzungen als sehr junge Paare.“ Als Beispiel nennen die Wissenschaftler höhere Einkommen, stabilere Partnerschaften und mehr Lebenserfahrung. „Ältere Paare sind auch meistens besser auf die Geburt eines Kindes vorbereitet“, sagt Eickhorst. „Die Chance auf eine gute Eltern-Kind-Beziehung ist bei Älteren höher.“

Die Frage nach dem richtigen Alter fürs Kinderkriegen hänge heute auch mit der Vielzahl der möglichen Lebensmodelle zusammen, glaubt Diplom-Psychologe Matthias Petzold. „Die Spielräume sind größer geworden. Das bedeutet aber auch: Ich muss mir darüber klarwerden, was ich will, und das noch mit meinem Partner abgleichen.“ Manches Paar fühle sich dadurch überfordert und schiebe die Babyfrage hinaus. Frauen hätten außerdem höhere Ansprüche an ihren Partner: „Der Mann soll sie nicht nur finanziell unterstützen, sondern auch bei der Kindererziehung aktiv mithelfen.“

Für Isabell ist 35 das perfekte Alter, um über Kinder nachzudenken. Auch in ihrem Freundeskreis hätten die meisten erst vor zwei oder drei Jahren angefangen, sich mit der Frage der Familienplanung auseinanderzusetzen. Heute sei es einfach nicht mehr so wie früher, sagt Isabell. „Man lernt heute nicht aus als Frau und bekommt dann Kinder.“ Nach der Ausbildung oder dem Studium müsse man heute einfach eine Zeit lang im Beruf stehen und sich etwas aufbauen, wohin man nach der Kinderpause zurückkehren kann.

So sieht es auch Karriereberaterin Enkelmann. Frauen in den 30ern hätten meist schon einige Jahre gearbeitet und sich in ihrem Job bewiesen. „Das ist ein anderes Standing, wenn sie zurückkommen“, sagt sie. In den 30ern sind Frauen zudem finanziell meist so abgesichert, dass sie sich eine Tagesmutter oder einen Babysitter leisten können. Die finanzielle Absicherung ist auch für Isabell ein wichtiger Punkt. „Mit einem Einkommen kann man doch heute als Familie in einer Großstadt nicht mehr gut leben. Man ist zumindest zum Teil auf ein zweites Einkommen angewiesen“, sagt sie.

Doch bei aller Planung: Die Natur und ob es auch gleich klappt mit dem Kinderkriegen, kann weder Frau noch Mann beeinflussen. In ihrer Idealvorstellung bekommt sie zwei Kinder, sagt Isabell. „Jetzt fangen wir mal mit einem an und schauen dann mal.“ Sie weiß natürlich, dass beim Kinderkriegen nicht immer alles nach Wunsch verläuft. „Wir haben nun lange gewartet, dann sollte es jetzt auch schnell gehen“, sagt sie ­hoffnungsvoll.

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