Immer mehr schwangere Stuttgarterinnen finden keine Hebamme mehr. Junge Frauen und Mütter mit Migrationshintergrund und Sprachproblemen sollen besonders schlecht versorgt sein. Auch Kinderärzte spüren die Folgen.
Stuttgart - Die angehende Mutter ärgert sich, auf den Rat ihrer Frauenärztin gehört zu haben. „Sie hat uns in Woche acht beruhigt und meinte, das mit der Hebamme hätte noch etwas Zeit“, schreibt die Stuttgarterin in einer E-Mail. Inzwischen habe sie etwa 30 Hebammen kontaktiert – ohne Erfolg. „Hätten wir uns lieber früher drum gekümmert“, grämt sie sich. Im September soll ihr Kind auf die Welt kommen, es dauert also noch bis zum Mutterschutz. Aber in Sachen Hebamme ist sie spät dran. Zu spät?
„Wer sich erst nach der achten Schwangerschaftswoche kümmert, hat kaum noch Chancen“, sagt Hebamme Monika Schmid. Sie muss es wissen. Bei der zweiten Sprecherin der Kreisgruppe Stuttgart des Hebammenverbands Baden-Württemberg gehen laufend ähnlich klingende E-Mails verzweifelter Frauen ein, die keine Hebamme finden. Schmid betreut seit Herbst 2015 die Adresse hebammensuche-stuttgart@gmx.de, an die sich Frauen wenden können, die noch nicht das Glück hatten, eine Hebamme zu finden. Monika Schmid leitet die Gesuche an 125 Hebammen weiter, die in ihrem Verteiler stehen. Wobei unter den 125 auch Kolleginnen seien, die kaum noch arbeiten und zum Beispiel nur zwei oder drei Frauen im Monat betreuen würden. „Wie viel die einzelne Hebamme arbeitet, wissen wir nicht“, sagt die 56-Jährige.
Hunderte Schwangere sind leer ausgegangen
Das weiß auch das Gesundheitsamt Stuttgart nicht. Aktuell sind dort 168 freiberufliche Hebammen gemeldet. Inwieweit diese in der Landeshauptstadt tätig sind, das entziehe sich ihrer Kenntnis, so der Leiter Stefan Ehehalt. Eine Hebamme muss sich an ihrem Wohnort beim Gesundheitsamt anmelden. Das gilt auch, wenn sie nur in einer Nachbarkommune tätig ist. Ehehalt kann auch nicht beziffern, wie viele Hebammen in Stuttgart konkret fehlen, er spricht aber von einer „angespannten Lage“.
Wie angespannt diese ist, zeigen die Zahlen von Monika Schmid: Allein im Jahr 2018 hat sie 808 langfristige und 135 kurzfristige Gesuche für Stuttgart verschickt, bei 224 Frauen weiß sie, dass die Vermittlung noch geklappt hat. Hunderte Schwangere sind also leer ausgegangen. Die Erfolgsquote liege im Schnitt bei 25 Prozent. Zählt sie die 102 Gesuche für angrenzende Kommunen wie Fellbach und Gerlingen hinzu, kommt sie auf 1045 Gesuche von Frauen, die sie 2018 weitergeleitet hat. Für dieses Jahr rechnet sie mit einer ähnlichen Größenordnung. Schon bis Ende März waren es mehr als 540 langfristige Anfragen allein von Stuttgarter Frauen, die noch im Jahr 2019 entbinden.
Monika Schmid arbeitet seit 29 Jahren als Hebamme. Sie erinnert sich noch an regelrechte Hebammencastings, bei denen Frauen sich nacheinander mehrere Geburtshelferinnen ansahen, um sich für eine zu entscheiden. Das ist längst vorbei. „Seit fünf Jahren ist es extrem“, sagt Schmid. „Wir können die Löcher nicht mehr stopfen.“ 2018 seien viele Hebammen in Rente gegangen, dadurch habe sich die Situation noch einmal verschlechtert.
Frauen in Zuffenhausen und Weilimdorf besonders schlecht versorgt
Eigentlich, so Schmid, müssten sich die Frauen inzwischen mit dem positiven Schwangerschaftstest um eine Hebamme kümmern. Also noch bevor das Herzchen angefangen hat zu schlagen. Am schlechtesten versorgt sind ihrer Erfahrung nach die ganz jungen Mütter und Frauen mit Migrationshintergrund mit schlechten Deutschkenntnissen. Was die Stadtbezirke angeht, seien Zuffenhausen und Weilimdorf besonders schlecht versorgt. Monika Schmid weist auf die negativen Folgen hin: Es werde bei Problemen früher abgestillt, statt die Hebamme zu fragen, gingen die Frauen mit ihren Neugeborenen auch mit einfachen Fragen zum Kinderarzt.
In den Stuttgarter Kinderarztpraxen sind die Auswirkungen tatsächlich spürbar. „Gerade wenn es um Stillprobleme und Anleitung der Mutter geht, ist in erster Linie die Hebamme Ansprechpartner“, sagt Kinderarzt Thomas Jansen, der auch Sprecher der Stuttgarter Pädiater ist. Wenn die Frauen keine Hebamme hätten, kämen sie mit ihren Kindern zu ihnen in die Praxis. „Wir versuchen, das zu übernehmen, wobei manches von uns nicht zufriedenstellend zu leisten ist“, so Jansen. Bei unsicheren Müttern mit dem ersten Kind und ohne Angehörige sei eine Ansprechpartnerin für die Probleme ums Kind und für die Wöchnerin nötig – besonders, wenn es um Probleme mit der Brust gehe oder die Kinder eine Gelbsucht haben und schlecht trinken. Da wäre es gut, wenn eine Hebamme alle zwei Tage vorbeischaue. Als Mann sei es für ihn schwierig, zum Beispiel einer Syrerin mit Stillproblemen zu helfen. Er gehe in solchen Fällen „betteln“ und bitte eine ihm bekannte Hebamme, sich doch noch um diese Frauen zu kümmern.
Die Arbeit in der Kita ist leichter mit der Familie vereinbar
Bei der Stadt heißt es, man habe sich des Versorgungsproblems angenommen. Der Arbeitskreis Hebammenversorgung unter Federführung des Jugendamts habe konkrete Maßnahmen für die Stadt erarbeitet, so Ehehalt. Wohl noch vor der Sommerpause würden diese dem Gemeinderat präsentiert.
Monika Schmid glaubt, dass langfristig nur eines hilft: Der eigene Beruf müsse attraktiver werden. Sie begrüßt die Akademisierung in der Ausbildung – und fordert ein Entgegenkommen, was die Dokumentationspflichten angeht. Der Verwaltungsaufwand für Hebammen sei zu groß geworden, man verbringe „zu viel Zeit am Schreibtisch“, sagt Schmid. Sie kenne Hebammen, die aufgehört haben. Eine habe ein Café aufgemacht, zwei arbeiteten nun im Kindergarten. Das sei einfacher mit der eigenen Familie zu vereinbaren.