Für viele Frauen ist es das ganz große Glück: schwanger zu sein. Das wird auch immer noch so erwartet. Die Stuttgarterin Rafaela Schütz hat ihre Wunsch-Schwangerschaft ganz anders erlebt – und ist auf viel Unverständnis gestoßen.
Sie hat nicht damit gerechnet, dass es so schlimm wird. Es war ein Wunschkind. Und das ist es immer noch. Sie habe immer nur gehört, es sei total schön, schwanger zu sein, zuzuschauen, wie der Bauch langsam wächst. Für die 35-jährige Stuttgarterin Rafaela Schütz (*Name geändert) war es „die schlimmste Zeit ihres Lebens“, so sagt sie heute – inzwischen im neunten Monat und kurz vor der Entbindung. „Es war einfach so anstrengend. Psychisch und physisch“, erzählt sie in einem Café in der Stuttgarter Innenstadt. „Es ist ein großes Glück, dass dieses kleine Wesen in mir wächst und einfach bald fertig ist“, sagt Schütz. „Aber es war doch ein sehr weiter Weg für mich, zu akzeptieren, dass in den letzten Monaten nicht alles toll war.“ Sie habe oft den Druck gespürt, ihre Schwangerschaft total schön zu finden. Aber dieser Moment kam nie.
Was, wenn nichts so ist wie bei allen anderen?
Im Gegenteil. Von Beginn an hatte sie ständig starke Übelkeit und Erbrechen. Kein Medikament und kein Hausmittel hat ihr geholfen. „Ab der vierten Woche habe ich dann oft keine Luft bekommen“, erzählt Schütz. Die Übelkeit vergeht nach drei bis vier Monaten. Das hätten ihr alle erzählt. Bei ihr verging sie nicht. „Das ist wirklich bis jetzt am Ende der Schwangerschaft geblieben“, sagt sie.
Auch die Hormonumstellung hat ihr zu schaffen gemacht. Irgendwann stellen sich düstere Gedanken bei ihr ein. Will ich dieses Kind überhaupt? Über diese Gedanken ist sie selbst erschrocken, Schütz traut sich kaum, mit jemandem darüber zu sprechen. Es ist ein Tabu.
Auch über die Zweifel, die Frauen in den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft häufig haben, wird nicht gesprochen. „Ich habe viel gegoogelt“, sagt Schütz. Sie hat dort zwar Tipps gegen die üblichen Beschwerden gefunden. „Aber überhaupt nichts dazu, dass irgendeine Frau sich überlegt, dass sie das Kind doch nicht möchte“, sagt Schütz. Irgendwann sei sie auf einen Podcast gestoßen, in dem eine Frau erzählte, dass es ihr genauso ging. „Da war ich so erleichtert“, sagt sie. Die Frau habe sich aber entschieden, das Kind zu behalten.
Viele Frauen stürzen rund um die Geburt in eine schwere seelische Krise
Auch Schütz entscheidet sich dafür. Die hormonellen Probleme ließen nach. Aber das ständige Übergeben macht ihr zu schaffen. „Ich konnte es dadurch von Anfang nicht Geheimhalten“, sagt sie. „Und alle haben sich so super für mich gefreut, und ich wollte es gar niemandem mehr erzählen“, sagt Schütz. „Ich habe allen nur gesagt: Das ist das Schlimmste, was ich meinem Körper angetan habe.“ Und niemand habe gewusst, wie darauf reagieren. „Aber ich wollte nicht nur lächeln und sagen, dass ist alles toll.“
Sie wendet sich an einen Selbsthilfeverein. Der Verein Schatten und Licht unterstützt deutschlandweit Frauen, die während oder nach der Schwangerschaft Depressionen oder depressionsähnliche Zustände entwickeln. „Weitaus mehr Frauen als gemeinhin angenommen, stürzen rund um die Geburt ihres Kindes in eine seelische Krise“, heißt es von dem Verein. Man schätze, rund 100 000 Frauen seien jährlich betroffen.
Negative Emotionen gelten an sich als eine fast natürliche Reaktion auf die extremen Hormonschwankungen, denen der weibliche Körper während der Entwicklung des neuen Lebens ausgesetzt ist. Während Schwangerschaftstrübsal und Baby-Blues aber bald wieder abklingen, bleiben die Schwangerschafts- und die Wochenbettdepression bei vielen Frauen für eine längere Zeit bestehen.
Viele empfinden jedoch bei einer Schwangerschaftsdepression das Stigma als noch größer. Was die betroffenen Frauen besonders belastet: Ihr ganzes Umfeld erwartet, dass sie glücklich sind und sich über das Baby freuen. Aber statt dem gewünschten Mutterglück fühlen Frauen, die in der Schwangerschaft depressive Zustände haben, eher eine innere Leere und Gleichgültigkeit, oft sogar eine Abneigung gegen das Baby.
Viele belastet das Stigma, glücklich sein zu müssen
Wie auch bei der postpartalen Depression gelten Frauen, die früher schon einmal depressiv waren oder nahe Verwandte mit affektiven Störungen haben, als besonders gefährdet. Ein erhöhtes Risiko haben auch Frauen, die aus sozial schwachen Verhältnissen kommen, alleinstehend sind oder in einer unglücklichen Partnerschaft leben. Sehr häufig tritt dies bei Frauen auf, die nicht gewollt schwanger wurden; aber auch körperlicher und seelischer Missbrauch können eine Depression auslösen.
Forschende aus Australien haben als eine der häufigen Ursachen fehlende emotionale und soziale Unterstützung identifiziert. Asres Bedaso und sein Team von der University of Technology Sydney rekrutierten 493 Schwangere, um Zusammenhänge zwischen vorgeburtlicher Depression und Angst und den sozialen Umständen der Betroffenen zu finden. Erhielten die werdenden Mütter, die zwischen 34 bis 39 Jahre alt waren, selten bis keine emotionale und informelle Unterstützung, entwickelten sie drei- bis viermal häufiger Symptome einer pränatalen Depression im Vergleich zu den Frauen, die stark unterstützt wurden und viel Rückhalt genossen.
Manchmal gibt es keine Ursache
Vielen hilft es an sich schon, wenn sie sich mehr verstanden fühlen – auch vom Partner. Das ging auch Schütz so. Ihr Partner habe anfangs gar nicht recht nachvollziehen können, wie es ihr geht. Irgendwann habe sie nachts, als sie sich ständig erbrochen habe, die Klotür mit Absicht offen gelassen – damit er es hört. „Da ist ihm erst klar geworden, wie schlimm es ist“, sagt sie. Aber er habe ihr auch leidgetan. „Er wusste ja gar nicht, was er machen soll.“
Es muss allerdings keine Ursache geben, warum Frauen in der Schwangerschaft unglücklich oder sogar depressiv sind. Viele Frauen wie Schütz finden keinen Grund, warum es ihnen in der Schwangerschaft so schlecht geht. Es könnte daran liegen, so vermutet die medizinische Forschung, dass manche Frauen allgemein auf Hormonumstellungen sehr viel sensibler reagieren. „Bei mir war das während meiner Periode auch immer so“, sagt Schütz.
Die Behandlungsmethoden sind gut – der Stress setzt auch dem Kind zu
Allerdings gelten depressive Verstimmungen und Schwangerschaftsdepressionen als gut behandelbar. Und es ist dringend geraten, sich Hilfe zu suchen. Vor allem eine schwere Depression bedeutet für die Schwangere ungeheuren Stress. Und diesen Stress spürt auch das Baby, weil der hohe Level an Stresshormonen über die Nabelschnur in seinem Blut zirkuliert. Es kann dadurch – in seltenen Fällen – zu einer verfrühten Geburt und einem geringerem Geburtsgewicht kommen. Die Neugeborenen haben häufig Anpassungsstörungen, sind unruhiger, schreien mehr.
Viele Schwangere brauchen in so einer Situation vor allem eines: Verständnis
In den nächsten zwei bis drei Wochen kommt das Baby. „Es ging doch rum“, sagt Schütz und lacht. Obwohl sie es anfangs nicht geglaubt hat. „Als ich irgendwann in der achten Woche einen Nachmittag über dem Klo hing, da habe ich gedacht: Ich halte das keinen Tag mehr aus.“ Was sie besonders schlimm fand: „Fast niemand hat mich so richtig verstanden, auch meine Frauenärztin nicht“, sagt Schütz. Sie erhält stattdessen hobbypsychologische Ratschläge wie „Du musst das Kind schon willkommen heißen“. Unterstützung hat sie vor allem von ihrer Oma erhalten. Ihre Oma sei viel fortschrittlicher als alle anderen, sagt sie.
Inzwischen glaubt sie, dass sie aus dieser schweren Zeit aber auch Kraft schöpfen kann – für alles, was noch kommt mit dem Baby. „Rückblickend denke ich: Es war hart, es war schwierig, aber jetzt freue ich mich dafür richtig auf die Geburt.“ In ihrem Geburtsvorbereitungskurs hätten viele Angst vor der Geburt. „Das habe ich nicht. Ich bin entspannt und bereit dafür.“
Unterstützung in der Schwangerschaft
Hilfe
Psychotherapien ebenso wie eine Kur oder (Tages-)Klinik können helfen. Im äußersten Notfall gibt es auch Antidepressiva, die Schwangere nehmen können. Dies sollte aber unbedingt vorher mit dem Arzt oder der Ärztin besprochen werden. Die Website www.embryotox.de listet zum Beispiel geeignete Präparate auf.
Forschung Eine Studie in Kanada konnte nachweisen, dass psychischer Stress der Mutter vor und kurz nach der Geburt die Immunabwehr des Kindes herabsetzen kann. Hinzu kommt: Frauen mit Schwangerschaftsdepressionen begleitet häufig eine ständige Übelkeit, sie nehmen oftmals nicht ausreichend zu und entwickeln vergleichsweise häufiger einen Schwangerschaftsdiabetes.
Selbsthilfeverein
Der Verein Schatten und Licht (Schatten-und-licht.de) unterstützt Frauen, die unter peripartaler oder postpartaler Depression, Wochenbettdepression, Angststörung, Zwangsstörung, Psychosen oder einem Geburtstrauma leiden. (nay)