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Frédéric Bierbrauer und Florian Romer wollen die Schnellgastronomie umkrempeln.

Stuttgart - Mit dem Imbiss "Erna & Co." haben sich zwei ehemalige Wirtschaftsstudenten selbstständig gemacht. Statt Currywurst und Pommes gibt es hier jedoch schwäbische Spezialitäten - damit wollen die Betreiber hoch hinaus.

Schon von weitem sieht man den kleinen roten Imbiss-Wagen. Unweit vom Hauptbahnhof, in einer etwas ruhigeren Ecke der Innenstadt, stehen zwei junge Männer hinter der Theke und schwingen die Kellen, es riecht nach Bratfett. Autos verlangsamen ihre Fahrt - und von den Hungrigen, die aussteigen, staunen viele nicht schlecht: Wo sonst Würstchen, Pommes und Co. ihres zügigen Verzehrs harren, gibt es hier Maultaschen und andere schwäbische Klassiker in verschiedenen Variationen.

Der Schwabe ist kein einfacher Kunde. Besonders dann nicht, wenn es um das Kulturgut Maultasche geht. Ähnlich wie beim Kartoffelsalat scheiden sich die Geister an der Frage, was reingehört und was nicht. Am besten weiß es immer Oma, sagten sich Frédéric Bierbrauer und Florian Romer, und nannten ihren Angriff auf die großstädtische Imbisskultur "Erna & Co.". Erna ist ihre imaginäre Küchen-Oma - sie stehe für Geschmack und Tradition, sagen die zwei Jungunternehmer.

Die beiden Mittzwanziger kennen sich seit der Schulzeit. Bis vor einem Jahr studierten sie Betriebswirtschaftslehre im In- und Ausland, machten Praktika bei Daimler und Bosch. Die Karriereaussichten waren günstig, schnell hätten sie dort viel Geld verdienen können, ohne Risiko. Jetzt verkaufen sie Maultaschen. Stehen tagein, tagaus in ihrer Bude und kochen die gefüllten Teigwaren, geordert zumeist mit Kartoffelsalat, und bringen Linsen, Spätzle und Saitenwürste an die Kunden.

Was wie eine klassische Aussteigergeschichte klingt, folgt jedoch einem klaren Plan. Und einem Traum: Auf einer gemeinsamen Kanada-Reise im Jahr 2005 machten die beiden Stuttgarter ihre Erfahrungen mit der dort allgegenwärtigen Fast-Food-Kultur. "Was wär' das toll, jetzt eine Maultasche zu essen!", sagten sich die Globetrotter nach dem tausendsten Hot Dog, und die Idee war so gut wie geboren.

Der Gedanke: Einen Kontrapunkt setzen zum Immer-Schneller und Immer-Billiger, Entschleunigung sollte das Motto werden. Slow Food, wie es neudeutsch heißt. Etwas Traditionelles also, das man dennoch auf die Schnelle essen kann. Was wäre besser geeignet als das schwäbische Kompaktmenü schlechthin - Hackfleisch, Spinat, Nudelteig, fast fertig ist die Maultasche.

Diese, so besagt die Legende, soll vor Jahrhunderten von Mönchen des Klosters Maulbronn - daher der Name - entwickelt worden sein, um während der Fastenzeit Fleisch in ihren Speiseplan zu schmuggeln. Teigtaschen gibt es freilich in fast allen Küchen der Welt. Das vereinfacht für die beiden Jungunternehmer mitunter die Kommunikation. "Wenn Touristen vorbeikommen, erklären wir einfach, das seien Swabian Ravioli", sagt Bierbrauer und lacht. Im Mai letzten Jahres wurde das Projekt dann konkret. Das Konzept nahm Formen an, sie brauchten einen Wagen, ein eigenes Design - und einen Lieferanten. "Wir sind keine Mörderhobbyköche", erklärt Bierbrauer. Und bei der Menge, die benötigt wird, wäre das eh kaum zu schaffen. Beim Stadtfest ging rund eine halbe Tonne über die Theke. Die Maultaschen liefert daher ein Metzger aus Waldrems. Dort werden sie im großen Stil in Handarbeit hergestellt, zusammen klügelte man das Rezept aus. Die Tradition von Oma Erna soll man schmecken - und sehen. Trotz genormten Gewichts darf keine Maultasche wie die andere aussehen. "Wir Schwaben sind halt perfektionistisch. Deshalb sind wir wahrscheinlich auch so gut", sagt Bierbrauer schmunzelnd. Und kulinarisch sei man eher konservativ: Lachsmaultaschen wurden getestet - und verworfen. Die Geflügelvariante fristet ein Randdasein.

Derweil parkt Dirk Seiler seinen Wagen neben dem Stand schräg auf dem Bordstein. Zum zweiten Mal sucht er Erna auf, er arbeitet in der Nähe. "Ein gutes Restaurant zu finden, ist gar nicht so einfach. Und das hier ist mal was anderes." Spricht's, isst die letzten Spätzle und verschwindet wieder im Autoverkehr. Auf Stuttgarts Straßen sind die Maultaschen-Unternehmer seit März unterwegs, bis zu zwölf Stunden täglich. Sie wollen ihren Stand bekannt machen, es ist ein Pilotprojekt. "Noch sind wir eine Two-Man-Show", sagt Romer. Wenn das Konzept ankommt, wird expandiert. Aus den durchschnittlich hundert Kunden am Tag sollen bald mehr werden.

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