Kleanthis Bempekas (oben rechts) regelt den Einlass bei der Tafel – die Schlange der Menschen, die für gespendete Lebensmittel anstehen, ist jeden Tag lang. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Warteschlangen vor Stuttgarter Tafelläden gehören fast schon zum Stadtbild. Wer sind die Menschen, die dort einkaufen und wie stemmt das Team den Andrang? Ein Besuch vor Ort.

Bis zu 700 Kundinnen und Kunden kommen zur Schwäbischen Tafel in Stuttgart-Mitte – jeden Tag. So auch an diesem eisigen Wintermorgen. Obwohl die Türen des Ladens an der Hauptstätter Straße sich erst um kurz vor 10 Uhr öffnen, stehen bereits eine Stunde früher die ersten Kundinnen und Kunden an – trotz Kälte, trotz langer Wartezeiten. Denn die Kundschaft, Bedürftige, die meist am Existenzminimum leben, hat oft keine andere Wahl.

 

Später wird sich die Warteschlage bis um die Straßenecke in die Immenhofer Straße ziehen, wenn noch mehr Menschen kommen, um hier günstig gespendete Lebensmittel einzukaufen. In der Tafel-Zentrale in Stuttgart-Wangen werden diese vorsortiert und dann auf die vier Tafel-Filialen in Stuttgart-Mitte, Möhringen, Bad Cannstatt und Fellbach verteilt.

Tafel-Chefin: Kunden sollen nicht so lange auf der Straße stehen müssen

Früher fand auch dieser Prozess im Laden in Mitte statt, mittlerweile wird der Bereich als zusätzliche Ladenfläche genutzt, sodass mehr Kundschaft Platz findet. „Wir wollen nicht, dass die Leute so lange auf der Straße stehen müssen“, sagt Hilli Pressel, die neue Geschäftsführerin der Schwäbischen Tafeln Stuttgart, die den Posten im vergangenen Jahr von ihrer Vorgängerin, der langjährigen Tafel-Chefin Ingrid Poppe, übernommen hat.

Lange Schlangen vor dem Tafel-Laden – die Nachfrage wächst weiter

Der große Andrang ist nichts Neues. „Schon die erste große Flüchtlingswelle 2015 haben wir hier gespürt. Dann hatten wir in der Pandemie zu kämpfen“, erzählt Pressel. „Das haben wir zum Glück gut überstanden. Als der Ukraine-Krieg losging, standen dann direkt viele Geflüchtete bei uns vor der Tür. Das ist auch jetzt noch so. Wir merken die Auswirkungen der Krisen immer sehr direkt und sofort.“

Und die Nachfrage wächst weiter. „Zu uns kommen Arbeitslose, von Armut betroffene Rentner, Alleinerziehende, Geflüchtete, aber auch Studierende, die allein mit Bafög nicht über die Runden kommen“, so Pressel. Alle Menschen, die zur Tafel kommen, müssen ihre Bedürftigkeit nachweisen – etwa über die Bonus Card der Stadt Stuttgart und das Ausweisdokument oder einen Einkommensnachweis. Das wird täglich am Einlass kontrolliert.

Abläufe wie diese Kontrollen übernehmen meist ehrenamtliche Mitarbeitende. Rund 500 Beschäftigte sind in allen Tafeln in Stuttgart tätig, darunter 20 Festangestellte, aber vor allem viele Ehrenamtliche. Drei Viertel der Ehrenamtlichen sind selbst von Armut betroffen, sagt Tafel-Chefin Hilli Pressel. „Das sind oft Menschen, die über eine Maßnahme vom Jobcenter zur Tafel gekommen sind oder nach dem Prinzip ‚Arbeit statt Strafe‘ ihre Sozialstunden abgeleistet haben und danach geblieben sind“, erklärt sie. „Andere machen hier einen Bundesfreiwilligendienst. Über das Sozialamt kommen zudem Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die hier mitarbeiten.“

„Ich ärgere mich immer, wenn es heißt, diese faulen Langzeitarbeitslosen“

Ein Problem: In der Vergangenheit hat das Jobcenter Stuttgart die öffentlich geförderte Beschäftigung heruntergefahren – darunter fielen etwa Ein-Euro-Jobs sowie anderweitig geförderte Arbeitsverhältnisse. Diese Kürzungen betrafen auch Menschen, die über Maßnahmen bei der Tafel beschäftigt wurden. „Glücklicherweise sind die meisten von ihnen als Ehrenamtliche geblieben“, so Pressel.

Tafel-Geschäftsführerin Hilli Pressel im Gespräch mit einem Mitarbeiter. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

„Ich ärgere mich immer, wenn es heißt, diese faulen Langzeitarbeitslosen – denn diese Leute bringen sich hier wirklich ein – ohne dafür bezahlt zu werden. Sie machen weiter, weil sie gerne arbeiten und der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen.“

Während wir sprechen, huschen Mitarbeitende kreuz und quer durch die Filiale, transportieren Kisten, verräumen gelieferte Waren in Regale und Körbe und organisieren den Einlass, damit kurz vor der Ladenöffnung alles startklar ist. Dabei packen alle gemeinsam mit an. Die Atmosphäre ist gelassen, Neuankömmlinge begrüßen sich freundschaftlich.

„Mich fasziniert, wie hier alle trotz unterschiedlicher Hintergründe und Kulturen zusammenarbeiten“, sagt Hilli Pressel. „Die Aufgabe steht im Mittelpunkt, die Leute wollen etwas Sinnvolles tun. Woher ich komme, an was ich glaube, wer ich bin und wie ich mich orientiere, spielt keine Rolle“, sagt sie. „Hier arbeiten unglaubliche Unikate von Menschen, die durch schwierige Schicksale gehen – hier holen sie trotzdem das Beste aus sich heraus.“

Mitarbeitende bei Vorbereitungen in der Tafel kurz vor Ladenöffnung. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Rentner arbeitet als Fahrer: „Da hat das Leben wieder mehr Sinn“

Einer von ihnen ist Herbert Schmidtmaier. Der 71-Jährige arbeitet seit 15 Jahren ehrenamtlich als Fahrer für die Tafel und sorgt dafür, dass täglich frische Produkte in Stuttgart-Mitte bereitstehen. Die Firma, für die er ursprünglich als Kraftfahrer unterwegs war, ist vor Jahren pleite gegangen. Aufgrund seines vorangeschrittenen Alters schaffte Schmidtmaier es damals nicht, einen neuen Job zu finden, wie er selbst sagt. Über das Jobcenter kam er schließlich als Ein-Euro-Jobber zur Tafel. Mittlerweile ist er Rentner, hält jedoch an seiner ehrenamtlichen Tätigkeit fest.

Herbert Schmidtmaier war lange als Ein-Euro-Jobber bei der Tafel tätig, nun ist er Rentner und arbeitet ehrenamtlich weiter. Foto: StZN

„Ich habe keine so große Rente – hier bekomme ich günstige Lebensmittel“, sagt er. Zudem könne er sich über die Arbeit gut einbringen, das mache ihm Freude. „Da hat das Leben wieder mehr Sinn und ich fahre sowieso gerne Auto“, sagt Schmidtmaier und lächelt. „Das Team von der Tafel hilft einem auch, wenn man mal krank ist und liefert beispielsweise Lebensmittel – das finde ich toll.“

Kleanthis Bempekas geht es ähnlich. Der 48-Jährige arbeitet seit dreieinhalb Jahren bei der Tafel, leistet hier derzeit seinen Bundesfreiwilligendienst und ist am Einlass tätig. „Man tut etwas Gutes und bereitet sich gleichzeitig darauf vor, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen“, sagt er. Zuvor war er als Reinigungskraft tätig. Bempekas schätzt das Gemeinschaftsgefühl im Tafel-Team. „Wir können zusammen auch viel lachen“, sagt er.

„Man sieht den Leuten nicht immer an, dass sie bedürftig sind“

Mitarbeiter Kleanthis Bempekas am Einlass der Tafel. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Umso wichtiger an einem Ort, an den viele Menschen kommen, denen es schlecht geht, so der 48-Jährige. Am Einlass der Tafel bekommt er tragische Schicksale jeden Tag hautnah mit. „Vielen geht es finanziell sehr schlecht, es kommen auch viele Obdachlose. Das Leben wird immer schwieriger und teurer – leider“, so Bempekas. Er könne beobachten, dass immer mehr Menschen zur Tafel kämen – auch jene, von denen man es vielleicht nicht gedacht hätte. „Man sieht den Leuten nicht immer an, dass sie bedürftig sind. Die Leute kommen aus allen Klassen“, sagt er. „Die Menschen brauchen Hilfe. Sie brauchen die Tafel, um an Lebensmittel zu kommen und gleichzeitig weiterhin am sozialen Leben teilhaben zu können.“

Bevor der Tafelladen öffnet, stehen schon viele Kundinnen und Kunden am Eingang Schlange. Zuerst dürfen Menschen mit Schwerbehinderung in den Verkaufsraum. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Im Laden steht das Team mittlerweile bereit. Vor dem Eingang hat sich wie jeden Tag eine lange Schlange gebildet. Um 9.45 Uhr werden zuerst Kundinnen und Kunden mit Schwerbehinderung in Etappen eingelassen, damit sie in Ruhe und ohne Gedränge ihre Einkäufe erledigen können. Danach folgt der Rest der Kundschaft – immer 60 bis 80 Personen werden nach und nach eingelassen, damit der Laden nicht überfüllt ist – so geht es bis 15 Uhr.

Bei der Kundschaft zählt jeder Cent

Im Angebot an diesem Tag unter anderem: eine große Palette Grünkohl und eine Lieferung Joghurt in Bechern. Die Preise für die Produkte variieren zwischen zehn, zwanzig und fünfzig Cent und Beträgen um die drei Euro für etwas ausgefallenere Produkte wie Süßwaren oder guten Schinken, die es sonst nicht gibt. „Ein Fünftel bis ein Siebtel vom Preis beim Billigdiscounter kosten die Produkte in etwa – es kommt aber auch darauf an, wie viel von der jeweiligen Ware vorhanden ist“, erklärt Tafel-Chefin Hilli Pressel.

Es sind scheinbar kleine Beträge, die die Kundinnen und Kunden vor den Auslagen dennoch genau abwägen, denn hier zählt meist jeder Cent. Eine Kundin erzählt, sie habe immer gearbeitet, dennoch reiche ihre kleine Rente nicht aus, um in Supermärkten einkaufen zu gehen. Vor ihr steht ein Tafel-Eimer mit etwas Obst, Brot und Joghurt – das müsse jetzt erst einmal ein paar Tage reichen, sagt sie. Viele Menschen, die wir ansprechen, wollen lieber nichts sagen, anonym bleiben. Während sie ihre Waren bezahlen und den Verkaufsraum verlassen, kommen immer weitere Kunden nach, die Schlange vor dem Laden wächst.

Anwohner beklagen Warteschlangen vor Stuttgarter Tafelläden

Wie reagieren Anwohner auf die Situation? Während es bei der Tafelfiliale im Cannstatter Stadtteil Steinhaldenfeld häufiger Beschwerden seitens Anwohnern wegen langer Warteschlangen gab, halten sich solche Beschwerden in Stuttgart-Mitte – zumindest seit es die größere Ladenfläche gibt – in Grenzen, sagt Hilli Pressel. In der Vergangenheit habe es jedoch regelmäßig Klagen gegeben. Andere Ladenbetreiber in der Nähe hätten sich etwa über die Warteschlange beschwert, die an ihrem Geschäft vorbeiführte. „Wir haben die Schlange an diesen Punkten dann unterbrochen und mit Absperrungen gearbeitet“, erzählt Pressel. „Dadurch, dass die Sortierung nach Wangen verlagert wurde und wir jetzt einen größeren Laden haben, ist die Schlange zwar noch da, aber nicht mehr so lang wie vorher. Unsere Mitarbeiter achten zudem darauf, dass nichts versperrt und niemand behindert wird.“ Die Beschwerden hätten in letzter Zeit entsprechend nachgelassen.

Das bestätigt auch die Stadt Stuttgart auf Anfrage. „In letzter Zeit gingen beim Amt für öffentliche Ordnung keine Beschwerden über Verkehrsbehinderungen oder ähnliches im Bereich um den Tafelladen in der Hauptstätter Straße 75 ein“, so der Sprecher der Stadt, Sven Matis. Auch er verweist darauf, dass Mitarbeitende der Tafel zur Steuerung der Warteschlange eingesetzt werden, um die Situation zu verbessern.

Anwohner: Warum fahren Bedürftige mit dem Auto vor?

In Steinhaldenfeld hatten sich Anwohner zudem wegen Verkehrsbehinderungen beschwert – manche beäugten dort etwa kritisch höherpreisige Autos, die vorfuhren, um Tafel-Waren zu transportieren. Dazu erklärt Hilli Pressel, dass es unterschiedliche Gründe gebe, warum Tafelkunden auch mit dem Auto unterwegs sind: Wer arbeitslos werde, verkaufe sein Auto nicht sofort. Oft werde der Tafel-Einkauf auch durch eine Person mit Auto unterstützt.

„Häufig haben sich Leute wegen des Zitats ,Ukrainer mit SUVs’ beschwert“, erzählt Pressel. „Den Leuten ging es, bevor sie wegen des Kriegs aus ihrer Heimat flüchten mussten, dort aber ja nicht unbedingt schlecht. Hier sind sie aufgrund der Umstände aber bedürftig – und haben eben das Auto noch.“

Generell dürften im Tafelladen nur von Armut betroffene Menschen einkaufen. Das werde gewissenhaft anhand besagter Bonus Card der Stadt und des Ausweisdokuments oder eines Einkommensnachweises geprüft. „Sicher gibt es bei der Tafel auch Missbrauch, aber das sind vielleicht drei Prozent. Wir machen unsere Arbeit für die anderen 97 Prozent.“ Wer Beschwerden habe, könne sich direkt an sie wenden, so Pressel.

Die meisten Kunden kommen mit Trolleys und Taschen, um ihre Einkäufe zu transportieren. Foto: Lichtgut

Als wir den Tafelladen nach unserem Besuch verlassen, sind die meisten Kundinnen und Kunden noch damit beschäftigt, ihre Einkäufe an Ablagen vor dem Geschäft in mitgebrachte Trolleys und Taschen zu verstauen. Ein Mann geht mit zwei gefüllten Tafel-Eimern auf ein Auto zu. Er müsse sich beeilen, sein Bruder hole ihn ab, sagt er. „Ich habe vier Kinder zuhause, da kann ich die Einkäufe nicht alle so tragen.“ Der Großteil der Menschen, die zuvor in der Tafel eingekauft haben, scheinen an diesem Vormittag allerdings zu Fuß unterwegs zu sein.

Tafelladen in Stuttgart-Mitte soll umziehen – wohin ist unklar

Damit Bedürftige weiterhin bei der Tafel einkaufen können, ist der Verein auf Spenden angewiesen. Auch das städtische Gebäude an der Hauptstätter Straße, in der die gemeinnützige Organisation untergebracht ist, ist renovierungsbedürftig und sollte eigentlich bereits 2017 abgerissen werden. Doch ein neuer Standort für die Tafel ist bislang nicht in Sicht. „Die Stadt hilft uns bei der Suche, aber bisher hat sich nichts gefunden“, sagt Hilli Pressel. In der Zwischenzeit behilft sich das Tafel-Team mit kleineren Renovierungsarbeiten, ebenfalls finanziert durch Spenden. Ohne diese und die Hilfe der vielen Ehrenamtlichen wäre das nicht möglich.

Schwäbische Tafel Stuttgart e.V.

Tafel-Waren
Die Waren, die in den Verkaufsstellen der Schwäbischen Tafel angeboten werden, kommen von Supermärkten, direkt vom Hersteller, dem Großmarkt oder anderen Lieferanten, die die Produkte, teils beschädigt oder kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum, sonst wegwerfen würden. Das tägliche „Sortiment“ besteht aus Lebensmittelspenden wie Obst und Gemüse, Brot und Backwaren, Obst und Gemüse sowie Molkereiprodukten, wie Joghurt, Quark und Pudding – je nach Lieferumfang auch in größeren Mengen.