Ulrich Ratzer (Zweiter von links) mit seinen Ärzte-Sprachschülern Foto: Patrick Guyton

In der Klinik Mindelheim erhalten Ärzte aus dem Ausland einen Dialektkurs. So sollen sie ihre Allgäuer Patienten besser verstehen.

Ein Schwabe kennt keinen Schmerz“, sagt Ulrich Ratzer, „dem tut’s weh.“ Und wenn es einmal richtig schlimm ist, dann „vom Grind bis in die Fiaß“. Die Assistenzärztinnen und -ärzte sitzen an diesem frühen Abend in einem Besprechungsraum der Klinik Mindelheim im Allgäu und hören Ratzer andächtig zu. Sie verstehen, was er sagt, nicken, lächeln.

 

Schwäbisch für Ärzte“ heißt dieser besondere Sprachkurs, den das Krankenhaus seinem Personal aus dem Ausland anbietet. Oder: „Schwäbisch fiar da Dogda“. Vier junge Mediziner sind gekommen, zwei aus Syrien, zwei aus Aserbaidschan. Kursleiter Ratzer ist 68 Jahre alt und pensionierter Deutschlehrer, ein Schwabe, der sich ehrenamtlich um die Sprachausbildung von Migranten kümmert.

Anatomischer Begriff oder Kosewort?

Heute geht es um die „Anatomie des Schwaben“. Ratzer fängt von oben an: Der Kopf heißt „Grind“ oder „Deez“, und der Schwabe sagt: „I han mer an Grind a’ghaut.“ Weiter kommt „d’ Gosch“, der Mund, etwa in: „Den hat’s auf d’ Gosch gschlaga.“ Die Verkleinerungsform lautet: „’s Göschle“. Aber Achtung: Göschle kann auch ein Kosewort für Kinder sein. Dem Arzt Basheer Sheikha, einem 32-jährigen Syrer, fällt dazu ein: „Man sagt auch Schätzle.“ Den Einwurf findet Ulrich Ratzer sehr gut.

Seit Jahresbeginn trifft sich die Runde alle zwei Wochen für 90 Minuten. Zum einen mit dem Ziel, dass die Ärzte ihre Patienten aus dem schwäbischen Allgäu besser verstehen. „Aber es geht auch darum, ihnen die Gegend hier als Heimat näherzubringen“, sagt der Chirurg und Leitende Oberarzt Georg Aumann, der den Kurs gegründet hat.

Er meint: „Auf zwei Assistenzärzte mit Deutsch als Muttersprache haben wir acht aus dem Ausland.“ Ohne diese Fachkräfte „könnten wir den Krankenhausbetrieb nicht aufrechterhalten“. Beim Klinikverbund Allgäu mit seinen sechs Standorten von Mindelheim im Norden der Region bis Oberstdorf im Süden wird der vielfach beklagte Ärztemangel sehr greifbar.

Der Kurs ist mit einem Dialektpreis ausgezeichnet worden

Weiter geht es im Kurs mit den „Glubschauga“ über „’s Gnack“ (der Nacken) zur „Gurgl“ (Hals, Kehle) und dem „Graga“ (Kragen). Lehrer Ratzer bringt als Beispiel: „Jetzt geht’s mr an ’n Graga.“ Ins Hochdeutsche übersetzt er das mit: „Jetzt steht mein Leben auf dem Spiel.“ Dialekte sind ein komplexes Thema, es gibt jede Menge mitunter recht spitzfindige Dialektkundler. Der Germanist Ulrich Ratzer beschreibt die Lage vor Ort so: „Allgäuerisch gibt es eigentlich nicht.“

Im Allgäu spreche man Schwäbisch und im Süden mitunter Alemannisch. Dieses befinde sich aber auf dem Rückzug. Das hart klingende Schwäbisch im Allgäu hat aber in der Aussprache wenig zu tun mit dem weichen Stuttgarter Honoratioren-Sound. Ratzer sagt über sich selbst, er spreche Augsburger Schwäbisch. Der Kurs ist schon in der Landeshauptstadt München ausgezeichnet worden. Bayerns Finanz- und Heimatminister Albert Füracker (CSU) überreichte den Initiatoren Anfang August den „Dialektpreis Bayern“.

Alles ist ehrenamtlich

Ulrich Ratzer macht weiter mit der Anatomie des menschlichen Körpers. „Dr Buggl“ ist der Rücken, Beispiel: „Du kosch mer ’n Buggl runterrutschen.“ Wer sagt „I hab’s em Greiz“, der meint, er habe einen Hexenschuss. Brüste werden „Dudda“ genannt, der Penis ist „dr Zipfl“. Kurs-Initiator Aumann sagt: „Wir müssen uns wirklich bemühen, die Ärzte aus dem Ausland zu halten.“ Wie etwa einen Kollegen, der erst allein nach Mindelheim gekommen war. Ihm hat es so gut gefallen, dass er seine Frau nachholte. Mittlerweile haben sie drei Kinder und ein Haus im Allgäu. Für das Pflegepersonal wäre ein Schwäbisch-Kursangebot auch gut, meint der Arzt. „Dafür fehlt uns aber die Zeit, wir machen das ja alles ehrenamtlich.“

Von Ulrich Ratzer haben sich die Ärztinnen und Ärzte schon über die Feiertage aufklären lassen und über das schwäbische Barock. Bis zum nächsten Mal hört er mit einem Witz auf. „Der Schwabe gilt ja als sparsam oder geizig“, sagt Ratzer. Die Teilnehmer nicken. Also: Ein Schwabe fällt in eine Gletscherspalte. Die Retter kommen und rufen: „Hier ist das Rote Kreuz.“ Der Schwabe: „Mir gäbbet nix.“ Alle lachen.