Der von einer Werksschließung bedrohte Bosch-Standort Schwäbisch Gmünd erlebt die nächste Erschütterung. Das Misstrauen innerhalb des Betriebsrats führt zur Absetzung des stellvertretenden Vorsitzenden.
Die Folgen einer existenziellen Krise können unterschiedlicher nicht sein. Entweder werden die Betroffenen von ihr zusammengeschweißt oder aber sie dividiert sie auseinander. Es beginnt ein Hauen und Stechen. So wie am Bosch-Standort Schwäbisch Gmünd, wo die Mitarbeiterzahl von heute 3600 auf 1550 im Jahr 2030 reduziert werden soll. Das könnte die Schließung von Werk 2 und die Verlagerung der dortigen Produktion von Fahrzeuglenkungen nach Ungarn bedeuten. Ein Schlag, der die Belegschaft erschüttert – und den Betriebsrat auseinanderbrechen lässt.
Schwarzer Freitag, Schwarzer Mittwoch
„Zuerst hatten wir den Schwarzen Freitag“, sagt Hüseyin Ekinci und meint damit den 22. November 2024, als die Abbaupläne der Geschäftsführung verkündet worden waren. „Und jetzt gibt es auch noch den Schwarzen Mittwoch.“ Seit Mitte der Woche ist Ekinci nicht mehr Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der Robert Bosch Automotive Steering GmbH Schwäbisch Gmünd. Abgewählt von der 29-köpfigen Mitarbeitervertretung mit 11:17 Stimmen, bei einer Enthaltung. Vertrauenskörperleiter der IG Metall und freigestellter Betriebsrat sei er nach wie vor.
Nach Meinung Ekincis wurde ihm seine Transparenz zum Verhängnis. Zur Vorgeschichte: Er habe bei einer Zukunftsbeiratssitzung, bestehend aus Vertretern des Arbeitgebers und des Betriebsrats, als einziger Betriebsrat die Geheimhaltevereinbarung nicht unterzeichnet. Die Begründung des 43-Jährigen, der als streitbar und selbstbewusst gilt: „Die Belegschaft hat das Recht zu wissen, was der Arbeitgeber in der Zukunft mit dem Standort plant. Sie wollten aber heimlich verhandeln, und ich habe dieses Spielchen nicht mitspielen wollen.“
Auch das Unternehmen äußert sich zu den Vorgängen. „Die möglichst frühzeitige und vertrauliche Einbeziehung des Betriebsrats in strategische und wirtschaftliche Planungen des Unternehmens ist bei Bosch üblich und in unseren geltenden betrieblichen Vereinbarungen festgehalten“, teilt Standortsprecher Michael Brehme mit. Er ergänzt: „Die Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung ist bei sehr frühzeitiger Einbindung in Projekte, die zu diesem Zeitpunkt streng vertraulich sind, für alle Beteiligten erforderlich und bei Bosch üblich. Dies ermöglicht, dass sensible Informationen schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt umfassend und transparent geteilt werden können.“
Hüseyin Ekinci hat das Thema am 10. März auf der Betriebsversammlung – zusammen mit den Arbeitgeberforderungen – angesprochen. Dass er für Transparenz sei und Offenheit gefordert habe, „hat einigen Betriebsräten nicht gepasst“. Dann hätten sie seine Abwahl organisiert.
Eine Erklärung für diesen Eklat innerhalb des Betriebsrats hat aber auch mit dessen Geschichte und der des Unternehmens für Lenkungstechnik zu tun. Bis 1999 war der Standort eine Tochtergesellschaft der ZF Friedrichshafen AG, dann stieg Bosch mit in den Betrieb ein, um ihn 2015 ganz zu übernehmen. Seitdem spielen Rivalitäten und Eitelkeiten im Betriebsrat, der aktuell neben 21 IG-Metallern und -Metallerinnen sechs Gefolgsleute anderer Gewerkschaften zählt, eine Rolle – und die Frage, ob man einen ZF-Hintergrund hat oder nicht. Erschwerend hinzu kommt in dieser Situation, dass der Betriebsratschef Claudio Bellomo krank geschrieben und auch nicht für eine Stellungnahme erreichbar ist.
Kritik an führenden Betriebsräten
Ein Kritiker der internen Vorgänge ist der Betriebsrat Mustafa Simsek, der sich hinter Hüseyin Ekinci und gegen führende Betriebsräte stellt. Er betrachtet den Fall rund um die zurückgehaltenen Informationen als „eine erhebliche Pflichtverletzung und die Benachteiligung anderer Betriebsratsmitglieder“, wie er sagt.
Simsek, dessen Kritik sich nicht an die Arbeitgeberseite richte, erwägt deshalb sogar juristische Schritte. Denn das Betriebsratsgremium sei durch den gestoppten Informationsfluss in den vergangenen Monaten nicht auf demselben Stand gewesen.
Dies alles führt dazu, dass der Bosch-Betriebsrat in Schwäbisch Gmünd gerade alles andere als ein gutes Bild abgibt und den Eindruck erweckt, mehr mit sich selbst beschäftigt zu sein als mit den Sorgen der Belegschaft. Die hätte sich sicher mit Blick auf die entscheidenden Verhandlungen mit der Geschäftsführung kurz vor Ostern einen entschlossen und geschlossen auftretenden Betriebsrat gewünscht. Dasselbe gilt auch für Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold, der den Schaden des Stellenabbaus für die Stadt und ihre Boschler und Boschlerinnen so klein wie möglich halten will.
„Zielgerichtet moderieren“, heißt in diesem Fall das im Rathaus ausgegebene Motto. Von dort stammt auch die Idee, die drohende Schließung des im Schießtal gelegenen Werks abzuwenden. Wenn schon nicht die Massenproduktion, so soll doch dort zumindest Forschung, Entwicklung und eine Prototypenfertigung ihren Platz finden.