Das Kiefergelenk immer schön locker halten: Die Kursleiterin (links) übt mit ihrer Schülerin Dorothee Schneider Foto: Oliver Willikonsky

Der Manager, der seine Firma überregional präsentieren soll. Der Verkäufer, den die Kunden zwar nett anlächeln, aber nicht verstehen: Ariane Willikonsky gewöhnt ihren Schülern das Schwäbischschwätzen und das Badischbabbeln ab.

Stuttgart - Die prüden Brüder knackt Dorothee Schneider im zweiten Anlauf. „Die lüsternen Schülerinnen verführen die prüden Brüder“, liest sie fehlerfrei, in einem Rutsch. Dann huschen ihre Augen in die nächste Zeile, in der eine Maus Frau Schlaus Lauchauflauf klaut. „Die Maus“, setzt sie an, „die Maus“, sie stockt und stöhnt: „Das sind ja fiese Sätze.“

Dorothee Schneider will ohne Dialekt sprechen. Endlich. Nicht leicht in einem Bundesland, wo Breschdlengs-Gsälz aufs Weggle kommt, Gscheidle und Driebl leben und die Menschen angeblich alles können – außer Hochdeutsch. Deshalb hat sie sich Hilfe gesucht. Ihr gegenüber sitzt eine blonde Frau, weißes Shirt, blauer Schal. In einer Tasse auf dem Tisch dampft frisch aufgebrühter Früchtetee. Ariane Willikonsky, 49, entschuldigt sich, sie sei heute erkältet. Mit belegter Stimme klingt sie allerdings immer noch besser als manch routinierter Redner. Sie ist Sprachtrainerin und sehr gefragt. Schauspieler bereitet sie auf Auftritte vor, Topmanager heilt sie vom Nuscheln, und selbst Ministerpräsident Winfried Kretschmann trainiert bei ihr seine Stimmbänder. Und dann gibt es noch die Schwaben und Badener, die endlich „Dialektfrei Deutsch sprechen“ wollen. So heißt der Kurs, der Dorothee Schneider an diesem Abend ins Fon Institut nach Bad Cannstatt geführt hat.

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Mit Sätzen wie „Sen Sie der, der gerschd scho agrufa hodd?“ soll Schluss sein. Ebenso mit eigenwilligen Uhrzeitangaben. „Wir treffen uns um viertel drei, das versteht in Hamburg kein Mensch“, sagt Ariane Willikonsky. Nicht nur Wortschatz und Grammatik trennen den Schwaben vom Hochdeutschen, sondern vor allem der Klang. Was in ihrem Institut passiert, klingt mitunter nach medizinischen Notfällen. Da wird „plastisch artikuliert“ und „vokalisiert“, da sollte ein E mal „abspannen“ und das R „nicht hinten wegrutschen“. Sie sagt: „Hochdeutsch kann jeder lernen, sogar ratzfatz.“ In zehn Kursstunden kuriere sie ungewünschte Mundartauswüchse.

„Ich liebe das Sssss“

An diesem Abend möchte sie vor allem am R und S arbeiten. In einer Ecke steht eine beige Liege, daneben wacht eine Buddhafigur. Das Licht ist gedämpft. Die Frauen sitzen sich am Schreibtisch gegenüber, vor ihnen liegen Blätter mit Übungssätzen. Es geht an die Zischlaute.

„Ich liebe das Ssss, ich finde, das ist so ein feiner erotischer Laut“, sagt Ariane Willikonsky und schiebt ihrer Schülerin einen Bleistift zu. Dorothee Schneider soll die stimmhaften S umkringeln. Das war der leichte Teil. Dann liest sie „Susi isst gern Zitroneneis mit süßer Sahne“. Dann liest sie es noch einmal und noch einmal. Draußen ist es kühl für die Jahreszeit, im Zimmer kommt die Schülerin ins Schwitzen. Zitroneneishitze. Nach dem fünften Mal ist die Lehrerin zufrieden. Nächster Satz.

Für Dorothee Schneider kommt der Abend einem Rollenwechsel gleich. Sonst ist sie es, die anderen Ratschläge erteilt. Sie ist 48, die dunklen Haare trägt sie modisch auf Kinnlänge geschnitten. Zur schwarzen Jeans hat sie eine leuchtend rote Strickjacke kombiniert. Sie weiß, wie man sich präsentiert. In ihrer Praxis bietet sie Einzelcoachings zur Persönlichkeitsentwicklung an. Außerdem hält sie Vorträge in Deutschland, der Schweiz, Österreich und leitet Seminare für Führungskräfte. Mit dem Hochdeutsch-Kurs will sie sicherstellen, dass ihre Inhalte bei den Leuten ankommen.

Fast immer sind es berufliche Gründe, die jemanden zu Ariane Willikonsky führen. Der Manager, der seine Firma auf einmal überregional präsentieren soll, der Verkäufer, der besser von seinen Kunden verstanden werden will, die Lehrerin, die wegen ihres Dialekts belächelt wird. Menschen, die Angst haben, inkompetent zu wirken, weil sie schwäbeln. Manchmal sind es auch die Firmen, die ihre Führungselite zu Willikonsky schicken. Mitunter stehen dann Männer vor ihr, die sich wundern, was sie hier eigentlich sollen. Wo doch dia andere emmer vrschdanda, wass se gsaid hen.

Sie bietet auch Gruppenkurse an, doch die meisten nehmen lieber Einzelstunden. Keiner brüstet sich gerne damit, ihre Hilfe zu brauchen. 2003 hat sie ihr Fon Institut gegründet, inzwischen hat sie mehrere Filialen und knapp 50 Mitarbeiter. Die Hochdeutsch-Kurse machen nur einen Teil ihres Angebots aus, aber sie sind sehr begehrt.

Schwäbisch ist ein unbeliebter Dialekt

Schwäbisch, das zeigen Statistiken immer wieder, gehört zu den unbeliebtesten Dialekten. Der einzige Trost für die Schwaben: Die Sachsen schneiden noch schlechter ab. „Schwäbisch und Sächsisch sind sich sehr ähnlich“, sagt Ariane Willikonsky. In beiden Dialekten werden die Töne weit hinten in der Kehle gebildet. Das klingt häufig nuschlig und wirkt schnell unfreundlich. Den Schwaben fehlt das, was die Sprecherzieherin den „Brustton der Überzeugung“ nennt. Ganz im Gegensatz zu den Bayern, die nach vorne sprechen, also Selbstbewusstsein pur ausstrahlen.

Die Schwaben machen sich gern kleiner, als sie sind. Aus dem Land wird ein Ländle, aus dem Mädchen ein Mädle. Und selbst nach jahrelangem Schaffe, schaffe bauen sie am Ende nur ein Häusle. Bei den Badenern hingegen hört man wie bei den Rheinländern die Herkunft aus einem Weinanbaugebiet. „Die singen mehr“, sagt Ariane Willikonsky. Das mache sie empathischer. Sie zusammen mit Schwaben in Hochdeutsch unterrichten? „Fast unmöglich.“ Was die Aussprache betrifft, trennt Baden und Württemberg ein tiefer Graben.

Dorothee Schneider ist Badenerin und hat die Kluft überwunden. Sie lebt mitten unter Schwaben im Kreis Calw. Mit dem Singsang ihrer Sprache möchte sie brechen. Sie ist auf einem guten Weg. Neun von zehn Kursstunden hat sie bereits absolviert. Allerdings sitzt sie zum ersten Mal der Sprechtrainerin direkt gegenüber. Normalerweise muss sie ihr Haus nicht verlassen, wenn sie über Susis Zitroneneis oder Frau Schlaus Lauchauflauf spricht. Sie greift zur verabredeten Zeit einfach zum Telefon. „Das ist immer mein Höhepunkt der Woche“, sagt sie. Hochdeutsch lernen via Telefon, geht das? Zumindest ist die Wahl-Schwäbin keine Ausnahme. Oft wird auch geskypt, selbst in Moskau bekommt man Sprachtraining aus Bad Cannstatt.

Am liebsten hätte sie jede Woche Unterricht genommen. „Aber ich wurde ausgebremst.“ Es sei sinnvoller, riet ihr die Lehrerin, drei Wochen Pause zwischen den einzelnen Kursstunden zu machen. Das Hochdeutsch soll sich im Alltag verfestigen. Die Sprache ist wie ein Muskel, der regelmäßig trainiert werden muss. Die Schüler üben, wenn sie beim Bäcker Brötchen bestellen oder einen Anruf entgegennehmen. Es geht darum, ein Ritual zu finden, das sich leicht in den Tag integrieren lässt.

In Schwaben gibt es zwei besondere Spezies

Die nächste Übung hat Dorothee Schneider schon am Telefon geprobt. Jetzt schaut ihr Ariane Willikonsky zusätzlich auf die Finger. Genauer: auf den Daumen. Den muss die Schülerin nämlich quer zwischen die Zähne stecken. Sie ist aufgestanden, Mund auf, Daumen rein, und zählt: „Einsch, zschwei, drei . . .“ „Nicht draufbeißen“, mahnt die Lehrerin. Die Übung funktioniert wie das Sprechen mit dem berühmten Korken im Mund. Nur dass bei dieser Variante das Kiefergelenk locker bleibt. „Das hilft auch gegen Bruddeln.“

In Schwaben gibt es zwei besondere Spezies, die Ariane Willikonsky den Bruddler und den Quäker nennt. Letzteres trifft meistens Frauen, die sich mit hoher Stimme gerne lautstark unterhalten. Am liebsten über den Nachbarzaun hinweg, um den neusten Tratsch auszutauschen. „Du, hosch scho kherd . . .“ Der Bruddler dagegen bekommt seinen Mund kaum auf. Und wenn, dann so behäbig, dass ihn ein Raigschmeggder kaum versteht. Diesen Typus kennt Ariane Willikonsky ganz genau. Sie hat einen geheiratet. „Bei ihm scheitern alle Therapieversuche“, sagt sie resigniert.

Dabei hat sie längst die Vorzüge der schwäbischen Bruddligkeit schätzen gelernt. Sie erzählt, wie die Tochter ein neues Handy wollte. Der Vater ist einer, der mit so einem Glomb erst mal nix anfangen kann. Dann las er doch stundenlang Empfehlungen im Netz und kaufte schließlich eines. „Er bruddelt, aber er macht es.“

Ihre Schüler sind zum Glück weniger lernresistent, und sie flüchten auch nicht, wenn’s mal „brenzlig“ wird. Dorothee Schneider soll das Gedicht „Das Feuer“ von James Krüss vorlesen. Ein Vorzug des Hochdeutschen kommt hier besonders zum Tragen: Es transportiert gut Inhalte. Ariane Willikonsky spricht vor: „Hörst du, wie die Flammen flüstern, knicken, knacken, krachen, knistern?“ Tatsächlich, während sie die Worte spricht, knackt, kracht und knistert es in jeder Silbe. Ein lautmalerisches Freudenfeuer.

Ihre klare, sonore Stimme ist eigentlich ein kleines Wunder. Denn sie ist ja selbst in Schwaben geboren, in Hechingen am Rand der Alb. Dort wird mitunter ein Schwäbisch gschwäddzd, das selbst Ur-Stuttgarter mit einem „Hä?“ quittieren. Ariane Willikonskys Eltern stammen aus Hamburg, und wahrscheinlich hat sie ihnen zu verdanken, dass sie quasi zweisprachig aufwuchs. Hat ihr die Herkunft das Schwäbische so vergällt, dass sie es am liebsten ausmerzen will? Im Gegenteil: Wer ihr zuhört, merkt schnell, dass sie eigentlich ein Dialekt-Fan ist. Sie empfiehlt Dorothee Schneider sogar zu deren Überraschung, bei der Arbeit öfter Badisch zu babble – in den Vortragspausen, wenn sie nicht auf der Bühne steht, sondern zwischen den Zuhörern: „Mit Dialekt bist du näher dran am Menschen.“ Alle, die Angst haben, dass ihnen ihr Schwäbisch verloren geht, kann sie ohnehin beruhigen. Verlernen kann man das nicht. Lernen ­übrigens auch nicht. Das weiß jeder, der sich schon über die künstlich schwäbelnden Schauspieler im „Tatort“ geärgert hat. Weil der Dialekt keinen festen Regeln folgt, wird er Zugezogenen wohl immer verwehrt bleiben.

In manchen Situationen trifft nur Schwäbisch die richtige Nuance, wie Ariane Willikonsky an einem Beispiel belegt. Sie war mit einer Freundin im Schwimmbad verabredet und wartete schon eine Weile. Schließlich rief sie an: „Wo bisch, was machsch, wann kommsch?“ Hochdeutsch klingt sachlicher, das schafft Distanz. „Hätte ich stattdessen gefragt: ,Wo bist du?‘, dann hätte sie gedacht, ich bin sauer.“

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