Unfall am 14. September: Auf der B 27 höhe der Paulinenstrasse 45, verlor der Fahrer des BMW die Kontrolle über das Fahrzeug. Der Wagen prallte gegen einen Baum und überschlug sich. 3 der 4 Insassen kamen mit leichten Verletzungen davon, eine Person erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Foto: Sven Friebe

Ein Mann erleidet bei einem Unfall schwerste Verletzungen und kämpft um sein Leben kämpft. Erst nach über 20 Minuten trifft der Notarzt ein. Eine Schwachstelle in der Rettungskette.

Stuttgart - Ein Mann erleidet bei einem Unfall schwerste Verletzungen. Während er um sein Leben kämpft, verrinnt die Zeit. Erst nach über 20 Minuten trifft der Notarzt ein. Denn bei der Alarmierung durch die Polizei hat sich eine entscheidende Schwachstelle aufgetan.

Augenzeugen schaudert es noch heute. „Das Auto war komplett zerstört, das Dach völlig eingedrückt“, erinnert sich einer von ihnen. Das dumpfe Krachen sei weithin hörbar gewesen. Gemeint ist ein schwerer Verkehrsunfall am 14. September. Frühmorgens rast ein junger Mann nach Polizeiangaben betrunken und mit viel zu hohem Tempo durch die Paulinenstraße. Der BMW kommt von der Fahrbahn ab, knallt gegen einen Baum und überschlägt sich. Der Fahrer und zwei andere Fahrzeuginsassen verletzen sich leicht. Doch einen 21-jährigen Mitfahrer erwischt es schlimmer. Er liegt auf dem Grünstreifen, ist lebensgefährlich verletzt.

Die Polizei ist zum Glück sofort zur Stelle, denn eine Streife hat ganz in der Nähe einen Einbruch aufgenommen. Die Beamten setzen sich mit der eigenen Funkzentrale in Verbindung und fordern einen Rettungswagen an. Die Helfer treffen wenige Minuten später ein – und stellen fest, dass hier höchste Not am Mann ist. Sie fordern einen weiteren Rettungswagen und einen Notarzt nach. Bis der zur Stelle ist, sind seit dem Unfall 21 Minuten vergangen. Der Verletzte kommt mit dem Leben davon. Doch Beobachter sprechen von chaotischen Zuständen und einer endlos scheinenden Wartezeit.

Der Polizei fehlt der direkte Draht

Und das, obwohl Profis am Werk waren. Beim genauen Hinschauen allerdings zeigt sich, dass das im Notfall sogar ein Nachteil sein kann. Wenn ein Laie einen Unfall beobachtet und die Notrufnummer 112 wählt, landet er direkt bei der Integrierten Leitstelle von Feuerwehr und Rotem Kreuz in Bad Cannstatt. Der Disponent am Telefon kann mit gezielten Fragen herausfinden, wie sehr es brennt. Dabei gibt es die sogenannte automatische Notarztindikation. Stellt sich im Gespräch heraus, dass Menschen einen Kreislaufstillstand haben, eingeklemmt, bewusstlos geworden oder aus größerer Höhe abgestürzt sind, schickt die Leitstelle automatisch einen Notarzt mit.

Dieser direkte Draht fehlt allerdings, wenn die Polizei einen Unfall meldet. Denn die Beamten geben ihre Einschätzung ihrer eigenen Funkzentrale durch. Die wiederum verständigt anschließend über eine Standleitung die Integrierte Leitstelle. Direkte Rückfragen an den Beamten vor Ort sind so nicht möglich. Wertvolle Zeit und wichtige Informationen können verloren gehen.

„Wenn die Anforderung nicht vom Laien kommt, können wir manche Informationen nicht bekommen und gewisse Schlüsselwörter nicht abfragen“, sagt Sebastian Fischer. Der Sprecher der Feuerwehr sieht zwar keine Versäumnisse bei der Polizei, räumt aber ein, dass es eine gewisse „Herausforderung in der Prozesskette“ gebe. Rückfragen seien nicht möglich, und wenn man sie über die Polizeizentrale weitergebe, koste das zu viel Zeit: „Da würden Minuten vergehen.“

Wertvolle Zeit geht verloren

Dass man nach einem Notruf durch die Polizei einen Notarzt nachschicken müsse, komme „gefühlt ein- bis zweimal am Tag vor“, so Fischer. Das sei auch nicht mehr als bei allen anderen Notrufen. Ein generelles Problem, dass die Polizei zu selten kompetente Hilfe rufe, könne man in der Leitstelle nicht feststellen.

Bei der Polizei betont man, dass im konkreten Fall keine Fehler gemacht worden seien. „Die Einschätzung muss man den Beamten am Unfallort überlassen. Sie sind nichts anderes als Ersthelfer und haben alles richtig gemacht“, sagt Sprecher Stefan Keilbach. Dass Augenzeugen sagen, es sei klar gewesen, dass ein Notarzt zwingend nötig sei, will er so nicht stehen lassen: „Nicht bei jedem verbeulten Auto weiß man sofort, ob man einen Notarzt braucht, der dann vielleicht anderswo fehlt.“ Gleichwohl kündigt auch Keilbach an, man wolle aus dem Vorfall lernen und prüfen, ob eine Verbesserung im System möglich wäre.

So manches Unfallopfer könnte dadurch wertvolle Zeit gewinnen.

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