Der Euro ist im Sinkflug: Am Montag fiel der Kurs gegenüber der wichtigsten Währung erneut und lag nur noch bei 1,0860 US-Dollar – der niedrigste Wert seit rund zwölf Jahren. Ein Grund sind die geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB). Die ­Notenbank startete am Montag das größte Kaufprogramm ihrer Geschichte. Sie will bis September 2016 jeden Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen kaufen und so die schwache Konjunktur ankurbeln. Was nun teurer wird und was billiger, erfahren Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dpa

Der Euro ist zum ersten Mal seit rund zwölf Jahren unter die Marke von 1,08 Dollar gerutscht. Vor einem Jahr kostete ein Euro noch knapp 1,40 Dollar. Die Stimmen mehren sich, dass ein Euro bald nur noch einen Dollar wert ist und damit die Parität der beiden weltweit wichtigsten Währungen Realität wird.

Frankfurt - Warum sinkt der Euro-Kurs in diesem hohen Tempo?
Das liegt vor allem an den Zentralbanken dies- und jenseits des Atlantiks. Die Europäische Zentralbank ( EZB) hat nicht nur den Leitzins auf das Rekordtief von 0,015 Prozent gesenkt. Der Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute bei Noten- und Zentralbanken Geld beschaffen können. Die Noten- und Zentralbanken können daher durch eine Erhöhung oder Senkung der Zinssätze den Geldmarkt und die allgemeine Zinsentwicklung beeinflussen. Banken, die ihr Geld bei der Notenbank parken, müssen seit Mitte vergangenen Jahres einen Strafzins zahlen. Entscheidend ist derzeit jedoch das neue Anleihe-Programm, das die EZB in dieser Woche begonnen hat. Monat für Monat kauft sie Anleihen der Euro-Staaten, Pfandbriefe und Kreditverbriefungen für 60 Milliarden Euro. Bis mindestens September 2016 wird so die Geldmenge um 1,14 Billionen Euro aufgebläht – in der Hoffnung, dass die Konjunktur in der Euro-Zone anzieht und die Inflation steigt.
Was macht die US-Notenbank Fed?
Genau das Gegenteil: Die Fed hat das Anleihe-Programm mit Käufen von bis zu 85 Milliarden Dollar (78 Milliarden Euro) im Monat im November beendet. Sie wird vermutlich im Frühsommer erstmals seit 2008 wieder den Leitzins erhöhen. Der Grund: Die US-Konjunktur ist stabil, und die Arbeitslosigkeit sinkt. Die Zinsschere zwischen den USA und der Euro-Zone geht auf. Das stärkt den Dollar und schwächt den Euro.
Spielt der Disput mit Griechenland eine Rolle?
Ja. Er zeigt, dass die Schuldenkrise in Euro-Land längst nicht überwunden ist und die Regierungen noch immer nicht an einem Strang ziehen. Die wirtschaftlich kritische Lage in Frankreich belastet zusätzlich den Euro.
Was sagen die Unternehmen in der Euro-Zone zur Talfahrt ihrer Währung?
Sie betrachten die Entwicklung eher erfreut. Der Außenhandelsverband BGA rechnet 2015 mit einem Exportplus von vier Prozent und mit einem Rekordwert von fast 1,2 Billionen Euro. Der schwächere Euro verbilligt europäische Produkte in den Ländern, in denen mit Dollar bezahlt wird. Ein schwächerer Euro hilft Exporteuren in der Euro-Zone. Etwa Europas führendem Flugzeugbauer Airbus: Er produziert in Europa, rechnet seine Flieger aber in US-Dollar ab. Freilich: Etwa zwei Drittel der deutschen Exporte gehen in die Euro-Zone oder die EU. Da wird mit Euro bezahlt. Ein schwacher (oder starker) Euro spielt keine Rolle. Auf deutsche Autohersteller, die in Nordamerika produzieren, um den Markt besser bedienen und sich von Wechselkursen unabhängig machen zu können, wirkt sich der schwache Euro allerdings nicht aus.
Werden Importe teurer?
Im Prinzip ja. Öl und Rohstoffe müssen mit Dollar bezahlt werden. Aber all dies ist derzeit sehr preiswert, weil es ein Überangebot an Mineralöl und Rohstoffen gibt, das allerdings nicht von Dauer sein wird. Klar ist jedoch: Wäre der Euro stärker, dann wären Diesel, Benzin und auch Heizöl noch preiswerter – und die Energierechnung der Unternehmen noch niedriger.
Hat der schwache Euro Auswirkungen auf den Aktienmarkt?
Unter dem Strich steigen bei Unternehmen, die in andere Währungsräume exportieren und vom Wechselkurseffekt profitieren, die Gewinne. Das wirkt sich auch positiv auf die Aktienkurse aus. Das liegt nach Ansicht von Börsianern aber auch daran, dass immer mehr US-Anleger auf die Börsen in Europa schauen. Schließlich können sie mit dem starken Dollar gut investieren. Und dies in Unternehmen, die nicht nur gut dastehen, sondern sich offenbar weiter gut entwickeln.
Welche Folgen hat der schwache Euro für Verbraucher?
Wer Urlaub in den USA oder etwa in der Karibik machen will, muss tiefer in die Tasche greifen. Er wird 2015 durch den starken Dollar erheblich teurer. Gemessen an der Veränderung des Wechselkurses müssen die Verbraucher, wenn sie jetzt buchen, etwa 20 Prozent mehr zahlen als 2014. Auch Kaffee, der importiert wird, verteuert sich.
Und was passiert mit der Inflationsrate?
Sie müsste im Prinzip steigen, weil Importe tendenziell teurer werden, Darauf hofft auch die EZB. Sie sieht die Preisstabilität bei einer Inflationsrate von knapp zwei Prozent gewahrt. Im Februar lag sie in der Euro-Zone bei minus 0,3 Prozent. Hält das länger an, könnte es zur Deflation – einer gefährlichen Spirale aus sinkenden Preisen und sinkender Nachfrage – kommen. Verbraucher schieben Käufe auf und Unternehmen investieren nicht, weil sie damit rechnen, dass die Preise noch weiter fallen könnten.
Wie weit sinkt der Euro noch?
Auf den bisherigen Tiefstand von 0,82 US-Dollar im Jahr 2000 dürfte der Euro kaum abrutschen. Die DZ-Bank rechnet aber schon im Herbst damit, dass ein Euro für einen Dollar zu haben ist. In einem Jahr könnte ein Euro sogar nur noch 97 Dollar-Cent kosten. Auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, erwartet zum Jahresende nur noch einen Euro-Kurs von 1,04 Dollar, die Deutsche Bank von 1,05 Dollar.
  
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