„In Berlin leben viele Realitäten ganz dicht nebeneinander“, sagt Juliane Reichert. Foto: Maurizio Gambarini

Wie ergeht es den Schwaben in der Bundeshauptstadt? In einer Porträtserie sucht unsere Korrespondentin Katja Bauer nach Antworten. Heute: Juliane Reichert, Whisky-Expertin und Philosophin.

Leonberg/Berlin - Berlin macht manchmal die komischsten Sachen mit seinen Menschen. Zum Beispiel kann es einem passieren, dass man – bloß wegen der Gesetzmäßigkeiten dieser Stadt – eines kühlen Novembermorgens auf einem Schießstand in Kentucky steht und mit einer halbautomatischen Waffe auf die Zwölf zielt. So ist es neulich Juliane Reichert gegangen. Mirnichtsdirnichts war sie – Flugangst hin, Pazifismus her – in dieser Situation gelandet. Und mehr als das verwunderte sie nur, dass es irgendwie Spaß machte.

Schuld an all dem war diese Sache, die man den Berlinstrudel nennen könnte. Nicht jeder, der hier lebt, gerät da hinein. Aber wer neugierig ist und offen und dabei zugleich auch nur ein klein wenig ziellos, den kann dieser kraftvolle Sog praktisch jederzeit einfangen und gehörig durchwirbeln. Im besten Fall kriegt man Antworten auf Fragen, die man nie hatte, und aus Versehen erweitert sich dann der eigene Horizont. Im schlechtesten Fall ärgert man sich. In jedem Fall aber erlebt man eine Menge Überraschungen.

Man geht zum Beispiel los, um einen kleinen Spaziergang im Park zu machen und kommt wie immer an der Moscheetür vorbei, bloß dass sie an diesem Tag offen ist. Und plötzlich steht man ebenso atheistisch wie strümpfig auf der Frauenempore der Moschee und wird von seiner gläubigen Nachbarin, mit der man zuvor noch nie ein Wort geredet hat, über den Sinn von Geschlechtertrennung in Gotteshäusern unterrichtet. Wieder was gelernt.

Eine Meisterin der Improvisation

Oder man sitzt im Restaurant und will so eine Art romantischen Abend verbringen, wird aber zufällig Zeuge, wie der Mann am Nachbartisch dem Straßenmusiker einen Zehner hinhält – damit er aufhört. Woraufhin eine ältere Dame vom Nebentisch aufsteht, sich beim Künstler entschuldigt und dem Mann vom Nachbartisch einen Zehner schenkt. „Damit Sie die Klappe halten“, sagt die Dame und die komplette Terrasse applaudiert und der Musiker setzt sich dazu und man weiß nach zwei Stunden sehr viel über Musikhochschulen und Jugendarbeitslosigkeit in Spanien.

„Möglichkeitentaumel“, nennt Juliane Reichert diesen Zustand. Man könnte kein schöneres Wort finden, um das Lebensgefühl ihrer Generation zu beschreiben, das so deckungsgleich mit der Atmosphäre dieser Stadt ist – weshalb es wohl junge Menschen wie Reichert zur Zeit zu Hunderttausenden nach Berlin zieht. Sie ist eine typische Vertreterin der „Generation Y“, jener Kohorte hervorragend ausgebildeter junger Menschen, die sich weniger für Status interessieren und dafür mehr für Selbstverwirklichung, die Unsicherheiten in der Lebensplanung so normal finden, dass sie sie als Optionen umdeuten und zu Meistern der Improvisation werden.

Fester Job? Guter Witz. Juliane Reichert hat bis heute keinen, und sie hatte auch keinen, als sie 2012 von Tübingen nach Berlin zog. Sie wählte sich die Stadt einfach als neuen Lebensmittelpunkt, weil sie sie so gut fand. Und so kam das mit Kentucky. „Ich suchte Arbeit. Und fand das hier“, erzählt Juliane Reichert. Sie steht am Tresen eines Ladens in Mitte, der so fein ist, dass der Kunde erst mal an der Tür klingeln muss. Warmes Licht bricht sich tausendfach in verspiegelten Regalen, vom Boden bis zur Decke reihen sich darin Flaschen aneinander. Im Angebot: Whisky und Zigarren. Damit kannte sich Juliane Reichert vor ein paar Jahren überhaupt nicht aus, aber der Laden wollte jemanden, der Texte für den Onlineshop schrieb. Sie ging zum Vorstellungsgespräch. Inzwischen ist sie Expertin, schreibt darüber unter anderem für das Barmagazin „Mixology“ – und nach Kentucky fuhr sie auf Einladung einer Destille zur Whiskyreise – inklusive reiten, schießen, probieren.

Sie liebt Eintaucherlebnisse

Gerade ist sie zurückgekehrt, und der Jetlag ist nicht nur ein zeitlicher. Es war eines dieser Eintaucherlebnisse in eine ganz fremde Welt. Das mit dem Eintauchen liebt sie sehr. In Kombination mit dem Schreiben ist es ihr Traumjob: Journalismus. Nur das mit dem Leben vom Schreiben bleibt bei den lausigen Honoraren ein Problem. Als freie Autorin arbeitet sie für unterschiedliche Publikationen. Themen? Von einer Reportage über einen Knastkoch bis zum Philosophie-Buch für Einsteiger reicht ihr Werk schon jetzt.

„Ich interessiere mich eigentlich für alles“, sagt Juliane Reichert. Man könnte hinzufügen: vielleicht mit einem leichten Schwerpunkt auf Essen, Trinken und Denken. Juliane Reichert, die in Leonberg aufwuchs, saß als kleines Mädchen oft allein am Küchentisch. „Ich kann mich sehr lange mit Dingen beschäftigen.“ Die Familie – Vater, Mutter und Schwester – war schon lange fertig, und irgendwann standen alle auf. Die kleine Juliane blieb sitzen, schmeckte, kaute, betrachtete.

Die Dinge genau wahrnehmen, ergründen, sie durchdenken, das ist die andere Seite von „ich interessiere mich für alles“. Schon als Jugendliche begann Juliane Reichert, sich für Philosophie zu interessieren. Andere Teenager lasen Bravo, sie saß mit Heideggers „Sein und Zeit“ im Kinderzimmer mit Stockbett. Und merkte: es gibt Grenzen. „Ich war oft so wütend und so traurig darüber, wie dumm ich mich bei dieser Lektüre fühlte.“ Abgeschreckt hat sie das trotzdem nicht. Nach dem Abi ging sie nach Tübingen zum Studium.

Promotion über Hannah Arendt

Inzwischen steht sie vor dem Abschluss ihrer Promotion über Hannah Arendt – und arbeitet mit zwei anderen Arendt-Experten an einem der beliebten Comics über große Philosophen (Fink Verlag), die sich als „illustrierte philosophische Einführung“ verstehen. Sie hätte auch am Neckar bleiben können, um ihre Promotion zu vollenden, aber es zog sie alles nach Berlin.

Die Berliner Gastro-Szene liebt Juliane Reichert heute heiß. Es sind die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse, die sie interessieren, aber auch die harten Brüche: „Die vegane Smoothiebar sortiert sich friedlich neben den Dönerladen, es gibt die Craft Beer-Bar, aber auch Kaschemmen, die „Albtraum III“ heißen.“

Sie kann sich daran kaum satt sehen. Die Entwicklung in diesem Feld ist rasant – und hat durchaus neben den Licht- auch ziemliche Schattenseiten. Denn der Boom lässt die Mieten steigen und Spekulationen lukrativ werden. Bars, die anderswo eine Chance hätten, machen schnell wieder zu, Restaurants wechseln im Nu Besitzer, Konzept und Karte – und manchmal geht es nur um den schnellen Euro. „Das ist immer wieder traurig und obendrein verwirrend, wenn man immer wieder Orte sucht, die plötzlich verschwunden sind.“

Die Stadt, sagt Juliane Reichert, sei für sie so etwas wie ein deutscher Melting Pot, ein Schmelztiegel der Kulturen. „Dadurch, dass so wahnsinnig viele unterschiedliche Menschen hier leben, leben so viele Realitäten ganz dicht nebeneinander. Da ist es bisweilen schwierig, auf seine eigene – vermeintlich richtige – zu pochen.“ Der gesellschaftliche oder politische Diskurs, den sie in ihrer Tübinger Filterblase am Esstisch oder in der Zeitung wiederfand, spiele sich dagegen hier in Berlin direkt vor der Haustür ab, glaubt Juliane Reichert. Und manchmal auch dahinter.

Zuhause in Neukölln

Die 31-Jährige wohnt in Neukölln, dem Kiez, der zur Zeit der Nabel der feiernden Hipsterwelt ist. Aber das ist eben nur die eine Seite: In dem Bezirk leben sehr viele Menschen in bitterer Armut oder sind durchs gesellschaftliche Raster gefallen.

In dem Mietshaus, in dem Juliane Reichert lebt, wird die Haustür regelmäßig aufgebrochen. In den Fluren der Eingangshalle verkriechen sich abends oder nachts Obdachlose auf der Suche nach einem Schlafplatz. Wie steigt man auf dem Weg zur eigenen Wohnung über einen fremden, schlafenden Menschen, ohne ihn zu wecken? Und was macht man eigentlich mit seiner eigenen Angst vor der leicht gruseligen und letztlich unberechenbaren Situation? Draußen vor der Tür sieht die Welt auch nicht anders aus. Der Winter hat gerade erst begonnen, und Juliane Reichert hat inzwischen schon drei Mal den Kältebus gerufen – weil ihr auf dem kurzen Weg zur Bahn ständig halb erfrorene Gestalten begegnen.

„Natürlich ist es toll, dass sich hier jeder entwerfen kann, wie er möchte“, sagt sie. „Allerdings ist die Konfrontation mit denen, die andere Sorgen haben als ihren jeweilig aktuellen Lebensentwurf, auch deutlich stärker als anderswo.“

Wie beständig und übersichtlich erscheint ihr dagegen dann das Alltagsleben in Leonberg – wo ihre Mutter und ihre Schwester wohnen. Was vermisst Juliane Reichert an diesem Leben? „Die umsichtige Freundlichkeit der Menschen. Selbst nach Jahren im selben Haus grüßen mich die Nachbarn nicht, wenn wir einander im Treppenhaus begegnen. Kann ich einfach nicht verstehen.“ Heimat, das ist ein weiter Begriff, aber jene einfache schwäbische Verbindlichkeit, die in Berlin nicht existiert, sie würde einem hier manchmal ganz schön die Seele wärmen.

Seelenwärmbesuche macht Juliane Reichert regelmäßig – sie bringt dann den Whisky mit, ihre Mutter kauft frische Laugenhörnle beim Bäcker und Mortadella und Saitenwürstle beim Metzger Dietz, und solcherart bewaffnet starten die Frauen dann in den Abend zuhause. Neulich, als Juliane Reichert mal wieder zuhause war, hat sie den Metzger mit einer Bitte behelligt. Sie fragte nach einem Rädle Lyoner, so wie sie es früher in ihren Kindertagen immer auf die Hand bekommen hatte. Sie bekam natürlich eins.

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