Die Wasenboje dient ein sicherer Ort für Frauen während des Volks- und Frühlingsfestes. Foto: dpa

Die Wasenboje auf dem Cannstatter Wasen als sicherer Ort für Frauen bei den großen Festen. Das schien bisher unstrittig. Doch nun stellt die CDU die Sinnfrage. Eine Retourkutsche?

Niederlagen sind manchmal schwer zu verschmerzen. Die CDU im Lande und in der Stadt sind offenbar ganz besonders schmerzempfindlich. Die Stadträte der CDU wollten die Festwirte vor einem höheren Platzgeld bei den Festen auf dem Wasen bewahren, damit scheiterten sie an der Mehrheit der anderen Fraktionen. Nun kommt die Revanche: Ein Antrag, die Wasenboje ganz besonders unter die Lupe zu nehmen.

 

Ein interessanter Zeitpunkt. Denn im Dezember noch hat der Gemeinderat für die Finanzierung der Wasenboje für dieses und nächstes Jahr je 80.000 Euro bereitgestellt. Damals gab es keine grundsätzlichen Diskussionen. Vermutlich, weil „ein sicherer Ort selbstverständlich geworden ist bei Festen, und die Stadt Stuttgart veranstaltet dieses Fest“. So drückt es Andreas Kroll aus, Chef der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, der Organisatorin von Volksfest und Frühlingsfest.

Dort gibt es seit 2023 die Wasenboje als geschützten Ort für Mädchen und Frauen. Seit damals habe es laut einer Sprecherin mehr als 1000 Kontakte mit betroffenen Personen. Darunter brutale Vorfälle, wo Frauen Opfer von K.O.-Tropfen geworden waren oder es zu sexualisierter und körperlicher Gewalt gekommen war. Ein Viertel der kritischen Fälle seien minderjährige Mädchen gewesen. Am Ende jedes Festes gab es bisher Lob von der Polizei, wie wichtig die Wasenboje auch für deren Arbeit sei.

Die CDU will es beim Thema Wasenboje genau wissen

Die CDU will es nun ganz genau wissen. Sie fordert von der Verwaltung eine „Darstellung der vollständigen Kosten der Wasenboje“. Sowie eine „Aufschlüsselung der gemeldeten Fälle nach Kategorien einschließlich der Definition ,kritischer Fall’ sowie Darstellung, in wie vielen Fällen eine Einbindung oder Übergabe an Polizei, Rettungsdienst oder anderen Stellen erfolgte“. Sowie eine Darstellung „ob eine unabhängige Evaluation der Wirksamkeit vorgesehen ist“. Man fordere dies, weil sich der Gemeinderat ja vorgenommen habe, sämtliche freiwilligen Ausgaben der Stadt systematisch zu überprüfen. Man wolle nicht „bestehende Maßnahmen pauschal in Frage stellen.“ Um im gleichen Atemzug darauf hinzuweisen, dass Sicherheits-Apps „bestehende Angebote sinnvoll ergänzen oder gegebenenfalls auch ersetzen könnten.“

Das Angebot der Wasenboje Foto: dpa

Die Fraktion Linke SÖS Plus hat das so verstanden, wie es wohl gemeint war, nämlich das Geld für die Wasenboje könne man sich sparen. Und konterte mit einem Antrag „Die Sicherheit von Frauen ernstnehmen“. Und wirft der CDU darin vor, sie würde die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die Wasenboje kein Luxusprojekt sei, sondern vielmehr eine Lücke schließe, die seit Jahrzehnten ignoriert worden sei. Apps seien eine sinnvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für die Wasenboje. Zudem müsse das Sicherheitspersonal umfassend im Umgang mit von Gewalt betroffenen Frauen geschult werden.

Damit ist ein Streit zu Papier geronnen, der sich über Monate hingezogen und vor allem am Beitrag der Festwirte zur Finanzierung des Feste auf dem Wasen entzündet hat. Die Gebühren der Schausteller hatten die Stadträte sehr schnell erhöht. Bei den Wirten zog sich das. Verschiedene Vorschläge lagen auf dem Tisch, um die nicht gedeckten Ausgaben vornehmlich für Sicherheit in Höhe von 400.000 Euro zu füllen. Ende Februar brauchte es eine Entscheidung, im Wirtschaftsausschuss prallten die Positionen aufeinander.

Die CDU verstand sich als Schutzpatronin der Wirte, brachte in letzter Sekunde den Vorschlag, die Gebühren nicht um exakt 36 Prozent zu erhöhen, sondern sie um bis zu 36 Prozent zu erhöhen. Was das bedeuten sollte, war selbst dem Parteifreund und Kämmerer Thomas Fuhrmann nicht klar. Linke SÖS Plus ist von jeher das Festwesen suspekt, sie können mit dem Rummel auf dem Wasen nicht viel anfangen und finden, wer sein Geld mit dem Verkauf von Bier verdient, kann ruhig ordentlich drauflegen. So forderte man, die Wirte sollten pro Sitzplatz 1,30 Euro zahlen, wobei 30 Cent für die Finanzierung der Wasenboje abfallen sollten. Beide Vorschläge wurden abgelehnt, die Gebühren letztlich von der Mehrheit um 36 Prozent erhöht. Doch man hatte sich verhakt, stritt über Sinn und Unsinn des Festes, über die Folgen von Alkohol – und landete schließlich bei der Wasenboje. Offenbar konnte man diesen verbalen Schlagabtausch nicht auf sich beruhen lassen.

Beim Frühlingsfest wird in jedem Falle vom 18. April an die Wasenboje wieder ihre Pforten öffnen. Wer wissen will, ob sie sinnvoll ist, könnte da ja mal vorbeischauen.