Der Schäfer Manfred Voigt und seine beiden Hunde achten darauf, dass sich kein Feind der Schafherde nähert. Foto: Tanja Kurz

Schäfer haben die erste Eignungsprüfung mit Herdenschutzhunden im baden-württembergischen Fichtenberg veranstaltet. Die Pyrenäenhunde Alara und Ignaz schnitten mit „vorzüglich“ ab.

Fichtenberg - In Fichtenberg im Kreis Hall an der Rot, im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald, findet man Idylle pur. In einem Pferch am Ortsrand weiden friedlich Schafe. Zum Wald hin, wo die Hänge immer steiler ansteigen, stehen einige hundert Meter entfernt auf einem Hügel ein Dutzend Männer und Frauen in festen Arbeitsschuhen, mit dicken Jacken und breitkrempigen Hüten. Es sind Schäfer wie der 40 Jahre alte Daniel Voigt, der die Hinzukommenden mit breitem Lächeln begrüßt: den Landesumweltminister Franz Untersteller von den Grünen, Ministeriumsmitarbeiter, Naturschutzbeauftragte, Journalisten. Voigt hat einen Bauernhof in Michelbach/Bilz und eine Herde von 750 Mutterschafen. Mit Vater Manfred hat er in einem Pilotprojekt mit dem Landesschafzuchtverband und dem Naturschutzbund zwei Jahre lang die Arbeit mit Herdenschutzhunden getestet. Heute werden sich die Hunde der Voigts mit sechs anderen Teams dem Urteil der Experten stellen.

Die Experten kommen aus Brandenburg und haben aufgrund der Grenze zu Polen schon Erfahrung mit Wölfen: Sie haben deshalb die ersten der wehrhaften Hunde aus der Schweiz und aus Frankreich importiert. Knut Kucznik, Frank Hahnel und die Zuchtleiterin Linda Scholz sind die Köpfe der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde (HSH). Ziel des Vereins ist „die Schulung und Weiterbildung der zukünftigen HSH-Besitzer und die Zucht und Vermittlung exzellenter, für unsere Klimazone und Art der Herdenbewirtschaftung bestens geeigneter Herdenschutzhunde“.

Hunde sollen beweisen, dass sie selbstständig denken und handeln können

Auf Anweisung der Zuchtleiterin laden Helfer eine große Waage aus einem Anhänger. Scholz erfasst am Richtertisch die Daten der Voigtschen Hunde, dann winkt Daniel Voigt zu seinem Vater ins Tal hinunter, der behände mit zwei gewaltigen weißen Hunden an der Leine den Hügel erklimmt. Die zwei Jahre alten Pyrenäenberghunde Alara und Ignaz sind „große, imposante, kräftig gebaute Hunde, jedoch nicht ohne eine gewisse Eleganz“, wie sie im Rassestandard treffend beschrieben werden. Auf beeindruckende 70 bis 80 Zentimeter Stockmaß bringt es ein Rüde, eine Hündin ist fünf Zentimeter kleiner. Ihre Charaktereigenschaften leiten sich von ihrer ursprünglichen Verwendung „als ausschließlicher Schutzhund gegen Raubtiere“ ab. Das heißt: „Als selbstständig denkender und handelnder Hund kann er Situationen gut und richtig einschätzen.“ Genau das sollen die Hündin und der Rüde nun unter Beweis stellen.

Trotz der vielen Menschen bleiben Alara und Ignaz gelassen. Mit einem Transponder liest Scholz den Identifikationschip der Tiere ab, dann geht’s mit sanftem Druck auf die Waage. „In Anwesenheit seines Besitzers muss der Hund alles dulden“, erklärt sie den Umstehenden. Im Umkehrschluss: Auf sich alleine gestellt muss er handeln. 50 Kilogramm schwer ist der Rüde, die Hündin wiegt etwas weniger. Scholz vermisst mit einer Schieblehre die gewaltigen Zähne, inspiziert mit den Händen Ignaz‘ Hoden und greift in das dicke Fell: „Schön wetterfest.“ Alara und Ignaz sind keine Kuscheltiere, auch wenn sie so aussehen. Sie verbringen die Nacht bei den Schafen im Freien. Die Voigts lächeln mit verhaltenem Stolz, als die Brandenburgerin lobt: „Das ist ein Superstamm an Zuchthunden.“ Denn noch ist die Basis klein – deutschlandweit züchten gerade mal 27 Schäfer Herdenschutzhunde.

Selbst vor Drohnen schrecken die Tiere nicht zurück

Die Prüfung beginnt. Vom Hügel lässt sich das Geschehen verfolgen. Manfred Voigt führt die Hunde zur Herde und lässt sie im Pferch frei. Unbeeindruckt grasen die Schafe weiter. Mit weit ausholenden Schritten laufen Alara und Ignaz zunächst den gesamten Zaun ab. „Das ist ihre Grenze“, erklärt Hahnel, ihr Revier. Dann legen sie sich hin, beobachten aber weiter aufmerksam die Umgebung. Scholz dirigiert eine Joggerin an den Zaun. Als diese in Sichtweite ist, springen die Hunde bellend heran. Da die Frau weiterläuft, trollen sie sich wieder. „Sie haben gemerkt, dass von ihr keine Gefahr droht“, sagt Daniel Voigt. Auch einen Radfahrer verbellen die Hunde zunächst und eskortieren ihn entlang des Pferchs, bis er außer Sichtweite ist, ebenso eine Gruppe von Menschen mit Hunden. Nicht einmal eine Drohne vermag die Hunde zu verunsichern: Die beiden bauen sich selbstbewusst unter dem unbekannten Flugobjekt auf, verbellen es laut und drohend. „Sie halten dagegen“, erklärt Daniel Voigt zufrieden. Kocznik sagt: „Wenn ihr Welpen habt, will ich einen davon.“

Aber wie vertragen sich die Hüte- mit den Schutzhunden? Die Voigts halten sie getrennt: Tagsüber unterstützen die Hütehunde den Schäfer, die Nacht über nehmen Alara und Ignaz ihre Position ein. „Ganz problemlos funktionierte die Eingliederung der Pyrenäenberghunde in die Schafherde nicht“, berichtet Johannes Enssle, der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes, der die Prüfung verfolgt. Auch bei den Voigts bedurfte es Geduld, die Schafe an diese Hunde zu gewöhnen. Der Einsatz für die Schäfer, das dokumentiert der Abschlussbericht des Projekts, ist gestiegen: Knapp 56 Arbeitsstunden pro Monat müssen die Voigts für die Versorgung der Schutzhunde aufwenden – das sind umgerechnet plus Futter, Wasser und Tierarzt Mehrkosten von 1020 Euro pro Monat. Dieses Geld fordern die Schäfer nun vom Staat und zählen auf den Umweltminister. Im Gegensatz zu Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU), der die Wölfe bejagen lassen will, setzt der Grüne auf hündischen Schutz der Herden.

Alana und Ignaz haben übrigens mit der Bestnote „vorzüglich“ abgeschnitten.

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