Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) – hier am Ruhestein. Foto: dpa

Das Pfrunger-Burgweiler Ried liegt in Moorgebiet - Ökosystem wiederherstellen.

Stuttgart - Nichts geht mehr. Alles Leben erlischt. Ende. Aus. So lauten oft die Befürchtungen, wenn es um den geplanten Nationalpark im Nordschwarzwald geht. Dass dem nicht so sein muss, zeigt ein Blick Richtung Sigmaringen, genauer in das Pfrunger-Burgweiler Ried. Dort hat das Landwirtschaftsministerium jetzt den größten Bannwald ausgewiesen, rund 450 Hektar ist er groß.

Was der Bannwald mit dem Nationalpark zu tun hat? „Der Nationalpark ist der große Bruder des Bannwalds“, sagt Johannes Enssle vom Naturschutzbund (Nabu). Bannwälder sind – wie ein Nationalpark in bestimmten Bereichen – sogenannte Totalreservate, das heißt in ihnen dürfen keine Bäume gefällt werden, Menschen dürfen nicht in die Natur eingreifen. Der Großteil der Natur wird sich selbst überlassen, Menschen dürfen Wanderwege anlegen und sich darauf bewegen. Aber sonst nichts.

Es wimmelt von Leben

Für den geplanten Nationalpark klingt das noch wie Zukunftsmusik. Im Bannwald Pfrunger-Burgweiler Ried ist es Alltag. Und das schon seit Jahren. 1991 wies die dortige Forstdirektion bereits einen Bannwald aus. Das Land kaufte in den Jahren danach mehrere umliegende Flächen hinzu, dadurch kam der jetzt ausgewiesene Bannwald auf einer Fläche von 450 Hektar zustande. Eine Fläche, auf der es nur so wimmelt von Leben.

Als häufigste Baumart ist die Moor-Bergkiefer zu finden, einzelne Bäume werden bis zu 190 Jahre alt, aber nur drei Meter hoch und elf Zentimeter dick. Die Vegetation ist geprägt von Schilfrohr, Schwarzerle und Weiden. Seltene Arten von Reptilien, Fröschen und Libellen kreuchen und fleuchen umher. Aber auch Bisam und Biber haben sich hier niedergelassen.

Streit um Totalreservate

Bannwälder gibt es im Südwesten seit mehr als 100 Jahren. 1911 wies die Forstverwaltung den ersten Bannwald im Nordschwarzwald aus – den Wilden See bei Baiersbronn. Mittlerweile stehen im gesamten Südwesten 129 Bannwälder mit einer Fläche von etwa 8900 Hektar. Zum Vergleich: Der geplante Nationalpark im Nordschwarzwald soll etwa 10.000 Hektar umfassen.

Doch so vielfältig sich seltene Tier- und Pflanzenarten auch präsentieren, so wichtig diese Totalreservate für Forschung und Wissenschaft sind: Private Waldbesitzer, Touristiker und die Sägeindustrie können sich damit nicht anfreunden, vielerorts herrscht Ablehnung. Sie befürchten sinkende Einnahmen und ausbleibende Übernachtungsgäste.

Neue Konflikte durch mehr Schutzgebiete?

Neue Konflikte durch mehr Schutzgebiete?

Es sind Befürchtungen. Fakt hingegen ist: Indem die Landesregierung dem Wald immer mehr Platz einräumt, fördert sie neue Konflikte zutage. Im Jahr 2010 hat der Wald so viel Geld abgeworfen wie seit zehn Jahren nicht mehr – 27,8 Millionen Euro. Doch durch die Ausweisung neuer Bannwälder und Schutzgebiete sinkt künftig der finanzielle Ertrag. Flächen mit Alt- und Totholz, Bannwälder und Kernzonen von Biosphärengebieten sollen sich deutlich vergrößern – von jetzt etwa 9300 Hektar auf 24.500 Hektar im Jahr 2020. „Unser Ziel ist nicht, nur die Zahl der Bannwälder zu erhöhen“, sagt Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne), „wir wollen diese wertvollen Freilandlabore in die Fläche bringen.“

Naturschützer sind erfreut

Dann wäre da noch das Thema Energiewende. Bis zum Jahr 2020 sollen zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs im gesamten Baden-Württemberg durch Windkraftanlagen erzeugt werden, derzeit sind es gerade mal 0,8 Prozent. Dafür müssten Hunderte neue Windräder gebaut und aufgestellt werden. Die Fläche dafür wird jedoch immer kleiner, je mehr neue Schutzgebiete und Bannwälder im Südwesten entstehen.

Die Naturschützer sind jedenfalls erfreut über den Kurs der Landesregierung. Der Landesnaturschutzverband (LNV) hängt jedoch gleich noch eine Forderung mit ans Lob dran. Es müssten nicht nur mehr Bannwälder ausgewiesen werden, sagt LNV-Chef Reiner Ehret. Das Land müsse auch die Bannwaldforschung intensivieren – also die Forschung unter anderem nach den biologischen Abläufen in einem solchen Gebiet und den Folgen für die Biodiversität. „Dazu müssten allerdings bei der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg neue Planstellen geschaffen werden“, sagt Ehret.

Ökosystem wieder in Ordnung bringen

Die Experten könnten sich mit einer der großen Fragen im Pfrunger-Burgweiler Ried beschäftigen: Was passiert mit einem Bannwald, der im Wasser versinkt? Denn seit 2010 wird das Ried wieder vernässt, wie es im Fachjargon heißt, Experten versuchen, den Wasserstand in dem Feuchtgebiet anzuheben, um so das Ökosystem wieder in Ordnung zu bringen.

Doch es gehe nicht nur um Forschung, sagt Bonde. „Im Bannwald können wir im Kleinen sehen, was passiert, wenn Natur Natur sein kann, und damit erahnen, welche einzigartigen Naturbeobachtungen ein Nationalpark bieten kann“, sagt er.

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