Tausende Impfdurchbrüche wurden bereits gezählt. Schwere Krankheitsverläufe entstehen dagegen viel häufiger bei Ungeimpften. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Immer wieder wird darüber diskutiert, dass sich auch Geimpfte mit Covid-19 infizieren. Aktuelle Zahlen aus Deutschland und den USA zeigen, wovor die Impfung schützt – und wovor nicht.

Berlin - Die Zahl der Corona-Impfdurchbrüche steigt. Schützen die Impfstoffe nicht, wenn immer wieder auch Geimpfte Symptome von Covid-19 entwickeln oder sogar ins Krankenhaus müssen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

 

Worum geht es?

Vor allem Menschen, die einer Coronaimpfung skeptisch gegenüberstehen, zitieren derzeit Statistiken wie die aus Israel. Dort sind rund 60 Prozent der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern geimpft. Auch die Zahl der Impfdurchbrüche in Deutschland wird immer wieder genannt: In mehr als 18 000 Fällen entwickelten Geimpfte laut Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) typische Symptome. Daraus geht vermeintlich hervor, dass die Impfstoffe nicht gut gegen Covid-19 schützen.

Schützt die Impfung tatsächlich nicht?

Doch. Die Frage ist nur, wovor. Die Impfung schützt beispielsweise gut vor einem tödlichen Verlauf einer Infektion. Laut RKI sind seit Anfang Februar 367 Geimpfte an und mit Covid-19 verstorben – und 21 498 Ungeimpfte. 102 Geimpfte kamen infolge einer Coronainfektion auf die Intensivstation – und 10 087 Ungeimpfte. Bei den Über-60-Jährigen ist der Anteil deutlich höher als bei den Jüngeren, was vermutlich mit der im Alter schwächeren Immunantwort auf Impfungen zu tun hat. Außerdem „spiegelt dies das generell höhere Sterberisiko – unabhängig von der Wirksamkeit der Impfstoffe – für diese Altersgruppe wider“, schreibt das RKI in seinem aktuellen Corona-Wochenbericht.

Betrachtet man nur die Zahlen der letzten vier Wochen, ist der Anteil Geimpfter an den intensivmedizinisch Behandelten und Verstorbenen höher als im Zeitraum sei Februar. Verglichen mit Ungeimpften ist er aber immer noch sehr niedrig. 86 Prozent der Covid-Patienten über 60 Jahren auf Intensivstationen sind nicht geimpft, bei den Jüngeren beträgt der Anteil knapp 96 Prozent. Bei den im Krankenhaus behandelten Covid-Patienten – nicht nur auf der Intensivstationen, sondern auch auf anderen Stationen – sind die Anteile ähnlich hoch. 78 Prozent der an und mit Covid-19 verstorbenen Über-60-Jährigen waren nicht geimpft. Unter den Jüngeren liegt der Anteil bei 95 Prozent.

Warum gibt es so viele Impfdurchbrüche?

Der Impfschutz ist nicht bei jedem Geimpften perfekt. Weil sich das Virus seit Juli wieder stärker ausbreitet und es mehr Geimpfte gibt, steigt auch die Zahl der Impfdurchbrüche. Daraus kann man nicht ableiten, dass die Impfung wenig oder gar nichts bringt. Beispielsweise sind auch die meisten Menschen, die mit ihrem Auto tödlich verunglücken, angeschnallt – was nicht beweist, dass Sicherheitsgurte nutzlos wären.

Bei den allermeisten erfassten Impfdurchbrüchen treten keine schweren Verläufe auf, sehr wohl aber Symptome. Der Anteil der Geimpften unter den Infizierten mit Symptomen lag in den vergangenen vier Wochen bei 38,5 Prozent (Über-60-Jährige) beziehungsweise knapp 16 Prozent (18- bis 59-Jährige) – mit steigendem Trend. Wie hoch der Anteil der Geimpften an den insgesamt Infizierten ist, lässt sich nicht sagen. Wer keine Symptome hat, lässt sich häufig nicht testen. Solche Infektionen werden also nicht erkannt. Es ist daher zu vermuten, dass es zahlreiche Fälle gibt, in denen Geimpfte das Virus in sich tragen, die Infektion aber symptomlos verläuft.

Können auch Geimpfte ansteckend sein?

Ja, und das hat viel mit den Virusmutationen wie der hierzulande aktuell dominierenden Delta-Variante zu tun. Eine noch nicht begutachtete Studie von der Universität Oxford zeigt, dass sich wegen Delta auch Geimpfte anstecken, eine hohe Viruslast entwickeln und andere Menschen infizieren können. Diese Erkenntnisse haben ältere Einschätzungen mittlerweile überholt. Allerdings nimmt die Menge der infektiösen Viren bei Geimpften laut einer Studie der niederländischen Radboud-Universität schneller ab.

Das US-amerikanische Center for Disease Control and Prevention ermittelte in einer Studie anhand von zwischen Mai und Juli gesammelten Daten aus dem Großraum Los Angeles, dass das Ansteckungsrisiko für Ungeimpfte fünfmal höher ist als für Geimpfte.

Was bedeutet das für die nächste Zeit?

Die Frage ist insbesondere, wie Ungeimpfte vor einer Infektion geschützt werden – weil sie sich ja auch unter lauter Geimpften anstecken können. Dasselbe gilt auch für die im Frühjahr prioritär geimpften älteren Menschen, bei denen die Impfwirkung womöglich bereits nachlässt.

Über-80-Jährige, Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem können von September an eine Auffrischungsimpfung erhalten. Darüber hinaus helfen Abstand, Lüften und Alltagsmasken, Geimpfte wie Ungeimpfte vor einer Infektion zu schützen. Eine weitere Möglichkeit sind Einschränkungen für Ungeimpfte, sodass sich etwa auf großen Veranstaltungen nur Geimpfte und Genesene treffen können. Diese sogenannte 2G-Regel bezeichnete der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich in der „Tagesschau“ als „vernünftigen Weg“.

Birgt die Impfung Gefahren?

Sicherheitsbericht
Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat für seinen neuen Sicherheitsbericht mehr als 130 000 bis Ende Juli eingegangene Berichte zu Impfnebenwirkungen ausgewertet. Verglichen mit den bis dato mehr als 92 Millionen verimpften Dosen ist das wenig. Man kann davon ausgehen, dass insbesondere schwere Nebenwirkungen nur in Ausnahmefällen unerkannt geblieben und mehr oder weniger vollständig gemeldet worden sind.

Nebenwirkungen
In gut 14 000 Fällen wurden Nebenwirkungen gemeldet, die über typische Begleiterscheinungen wie Fieber oder Müdigkeit hinausgehen. Bei fast jedem vierten Fall handelte es sich um Thrombosen. Beim PEI gingen 1254 Verdachtsfälle ein, bei denen Menschen nach einer Impfung verstorben sind. In 48 Fällen hält das Institut „einen ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung für möglich oder wahrscheinlich“.