Hanna Emmert, Christina Neumann und Susi Helfer (von links) haben ein großes Herz für Tauben. Foto: Werner Kuhnle

Die Taubenhilfe Ludwigsburg kümmert sich um Notfälle, sieht die umstrittenen Stadtvögel zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt – und hat einen großen Wunsch.

Schon beim bloßen Anblick von Tauben schwillt vielen Menschen der Kamm. Weil die Vögel Fassaden mit ihrem Kot verschandeln können. Weil es oftmals als lästig empfunden wird, wenn die Tiere zwischen den Beinen nach einem heruntergefallenen Brotkrümel picken. Oder weil man gar befürchtet, sie könnten Krankheiten übertragen. Hanna Emmert, Susi Helfer und Christina Neumann kennen all diese Ängste und Vorurteile – und haben dennoch ein großes Herz für die umstrittenen gefiederten Stadtbewohner. Und nicht nur das. Das Trio engagiert sich sogar für einen neuen Verein, der sich den Schutz der Tiere auf die Fahne geschrieben hat: die Taubenhilfe Ludwigsburg.

 

Rund ein Dutzend Mitstreiter habe man, sagt Hanna Emmert. Angesichts dieser überschaubaren Zahl ist es erstaunlich, was die Gruppe alles anpackt. Ihr Notruftelefon ist jeden Tag von 8 bis 20 Uhr besetzt. Zudem sind die Mitglieder des nicht-eingetragenen Vereins häufig an den Hotspots in Ludwigsburg unterwegs, tauschen in den Nestern echte Eier gegen Imitate aus, damit die Population nicht überhandnimmt. „Wir durchleuchten dazu die Eier erst mit einer Taschenlampe. Sie dürfen nur bis zum sechsten Tag nach der Befruchtung ausgetauscht werden, sonst ist der Embryo zu weit entwickelt“, erklärt Emmert.

Unterstützung für kranke und verletzte Tiere

Tauben gehören oftmals zum Stadtbild, sind aber in der Regel keine gern gesehenen Bewohner. Foto: Archiv (dpa)

Darüber hinaus kümmert sich die Taubenhilfe um Vögel, die verletzt oder krank sind oder anderweitig Unterstützung benötigen. Ein klassischer Fall wäre beispielsweise, wenn man ein Tier sieht, das am Fahrbahnrand verzweifelt flattert, aber nicht vom Fleck kommt.

Just ein solches Ereignis hat Susi Helfer überhaupt erst auf das Thema aufmerksam gemacht. „Ich habe so etwas an der August-Bebel-Brücke in Ludwigsburg-Eglosheim beobachtet, als ich dort mit dem Auto vorbeigefahren bin“, sagt die Aspergerin. Alle anderen hätten nicht reagiert, sie habe aber angehalten und die Taube ins Tierheim gebracht.

Das Aha-Erlebnis für Christina Neumann war, dass sie auf Tauben gestoßen ist, die von einem Greifvogel attackiert worden waren. Sie habe die Vögel nach bestem Wissen und Gewissen erstversorgt und zu ihrer Tierärztin gebracht. „Ich wollte aber ein bisschen mehr Sicherheit bekommen und wissen, was in solchen Fällen wirklich zu tun ist“, sagt die Erdmannhäuserin. Sie habe sich im Internet umgeschaut und stieß dort wie auch Susi Helfer auf Hanna Emmert, die sich am längsten um Tauben kümmert.

Emmert hatte vor fünf Jahren ein Küken gefunden und es aufgepäppelt. Von da an hielt sie die Augen nach kranken Tauben auf, um sie zu pflegen, fing auch an, das Gelege auszutauschen. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es für eine Person zu viel ist, und habe im Internet einen Aufruf gestartet“, sagt die 38-Jährige aus Ludwigsburg. Ein Impuls, aus dem letztlich die Taubenhilfe hervorgegangen ist.

„Jede Stadttaube ist eine verwilderte Haustaube. Sie haben einen angezüchteten Brutzwang, der sie dazu zwingt, permanent zu brüten.“

Hanna Emmert, Taubenhilfe Ludwigsburg

Emmert, Helfer und Neumann betonen, dass sich die Vögel ihr Schicksal nicht selbst ausgesucht haben. „Jede Stadttaube ist eine verwilderte Haustaube. Sie haben einen angezüchteten Brutzwang, der sie dazu zwingt, permanent zu brüten“, erklärt Hanna Emmert. Pro Jahr würden sechs bis acht Mal Eier gelegt. Der Grund, weshalb Tauben sich so rasant vermehren können. „Und als frühere Haustauben siedeln sie sich eben in Menschennähe an“, ergänzt Neumann. Die Nester bauten sie als Felsenbrüter bevorzugt in Parkhäusern und den Nischen von Gebäuden, fügt Helfer hinzu.

Der Albtraum eines jeden Immobilienbesitzers ist dann, dass die Vögel Solaranlagen, Balkone oder Fassaden verdrecken. Die schmierige Konsistenz des Kots sei jedoch eine Folge der schlechten Ernährung in der Stadt, sagt Christina Neumann. „Ansonsten könnte man den Dreck einfach zusammenkehren“, erklärt die 40-Jährige.

Eigentlich müssten die Vögel Körnerfutter zu sich nehmen, das aber in Siedlungen nicht aufzutreiben sei, sagt Hanna Emmert. „Deshalb sind sie auf Essensreste angewiesen, picken zwischen den Füßen von Passanten herum, was die wiederum aufregt“, berichtet Susi Helfer. „Außerdem sind sie dauernd auf der Suche nach Nahrung, legen dabei lange Strecken zurück. Dadurch steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in Haaren oder Schnüren verheddern und verletzt werden“, sagt die 54-Jährige aus Asperg.

Der große Wunsch: Taubenhäuser für Ludwigsburg

In Taubenhäuser können die Gelege der Vögel an zentraler Stelle überprüft werden. Foto: Archiv (dpa)

Der große Wunsch der Taubenschützer wäre es deshalb, mehrere Taubenhäuser in Ludwigsburg aufzustellen. Dort könnten die Eier leicht durch Imitate ersetzt werden, die Tiere von der Straße weggebracht und mit artgerechtem Futter versorgt werden, erklären Neumann, Helfer und Emmert.

Die Bevölkerung würde davon auch profitieren, weil die Tauben im Stadtbild nicht mehr so präsent wären – wie aktuell noch vor allem am Bahnhof, Marktplatz und Marstallcenter sowie beim Archiv und dem Arsenalplatz. Wobei von den Vögeln keine Gefahr als Keim- oder Virenschleuder ausgehe, wie manchmal behauptet werde. „Das sind sehr reinliche Tiere, die nichts für ihre Lebensumstände können“, sagt Neumann. „Sie können auch keine Vogelgrippe übertragen“, betont Emmert.

Stadt sieht keine Überpopulation

Vorleistung
Die Taubenhilfe Ludwigsburg ist jeden Tag zwischen 8 und 20 Uhr unter Telefon 0176/62171540 zu erreichen. Das ehrenamtliche Team kümmert sich bei Bedarf um Fälle im ganzen Landkreis. Großes Ziel des Vereins ist die Installation von Taubenhäusern. Man würde ein solches Projekt unterstützen, wenn jemand finanziell in Vorleistung gehen würde, sagt dazu der zuständige Ludwigsburger Bürgermeister Sebastian Mannl. Die Stadt sehe derzeit keinen Anlass, selbst zu investieren. „Wir haben nicht den Zustand der Überpopulation erreicht“, konstatiert Mannl.

Standort
Mannl gibt zudem zu bedenken, dass man an den Hotspots auch keinen geeigneten Standort hätte oder nicht im Besitz der Flächen sei. „Bei uns hat sich auch niemand über die Tauben beschwert“, sagt Mannl.