Natascha Machanek erklärt den Kindern verschiedene Begriffe. Foto: Bernd Zeyer

Für Kinder aus Gemeinschafts- oder Sozialunterkünften gibt es in der Zehntscheuer eine Aktiv-Lernwoche. Dabei können sie spielend die deutsche Sprache üben und sich auf den Schulbeginn vorbereiten.

Zuffenhausen - Was ist eine Katastrophe?“, fragt Natascha Machanek und blickt in die Runde. Dort sitzen gut ein Dutzend Kinder, es ist Donnerstagvormittag und kurz vor elf Uhr. In wenigen Minuten sollen Sirenen heulen, denn es ist der bundesweite Warntag. Bevor es losgeht, werden die Mädchen und Buben darüber aufgeklärt. Einige von ihnen stammen aus Krisen- oder Kriegsgebieten, sie sollen keineswegs Angst oder gar Panik bekommen. Was auch nicht passiert: Weder um elf noch danach tut sich etwas, alles bleibt ruhig – und die Kinder sind ein bisschen enttäuscht.

Vormittags wird gelernt, nachmittags gibt es einen Ausflug

Überhaupt nicht enttäuscht sind die 14 Mädchen und Jungs von der Aktiv-Lernwoche, die in der Woche vor Schulbeginn in der Zehntscheuer stattfindet. Die Kinder, die alle aus Gemeinschaftsunterkünften oder aus Sozialunterkünften kommen, können fünf Tage lang spielerisch ihre Sprachkenntnisse verbessern und sich auf den Schulstart vorbereiten. Vormittags wird Wissen vermittelt, nachmittags gibt es einen Ausflug.

„Gerade vor dem Hintergrund der Coronakrise fällt es vielen Kindern schwer, wieder in den Schulalltag hineinzukommen“, sagt Hiba Dawod vom Beratungszentrum Jugend und Familie Zuffenhausen. Das Zentrum hat die Konzeption und Organisation übernommen, vor Ort betreuen Mitarbeiter der Mobilen Jugendarbeit, des Flattichhauses und der Gemeinschaftsunterkunft Kameralamtsstraße das Projekt. Leider gibt es nur ein gutes Dutzend Plätze, der Bedarf und auch das Interesse wären eigentlich viel höher. Die Auswahl haben Sozialarbeiter getroffen. Im vergangenen Jahr wurde mit dem Projekt in Wangen begonnen, in diesem Jahr kamen Zuffenhausen und Feuerbach dazu.

Fast alle der Kinder sprechen daheim nicht Deutsch, sondern ihre Muttersprache. Die Corona-Pandemie und die damit verbundene Isolation verschärfen die Situation. Und selbst wenn die Kinder Deutsch eigentlich ganz gut beherrschen, trauen sie sich nicht, es auch anzuwenden.

Die Zehntscheuer ist der ideale Ort

Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt für die Lernwoche. „Die Kinder können sich hier öffnen und müssen sich nicht genieren“, sagt Esra Kizilaslan, Mitarbeiterin des Flattichhauses. Dieses Konzept trage Früchte. Auch Sven Brümleve, Bereichsleiter des Beratungszentrums, erkennt Fortschritte: „Die Kinder merken, dass sie von uns wertgeschätzt werden und dass wir ihre Bedürfnisse ernst nehmen.“ Als ideale Räumlichkeit hat sich die Zehntscheuer herausgestellt. Sie liegt zentral und bietet den Kindern genug Platz zum Toben, denn daran fehlt es in den Unterkünften. Oft stammen die Mädchen und Jungs nämlich aus großen Familien. So wie Omid. Der Elfjährige hat fünf Brüder, vor fünf Jahren kam er von Afghanistan nach Deutschland. „Es gefällt mir hier sehr gut“, erzählt er. Besonders freue er sich auf den Ausflug zur „Sprungbude“ in Bad Cannstatt, einem Trampolinpark. Zwar redet er gut Deutsch, dennoch traute er sich in der Schule bislang nicht, an die Tafel zu gehen. „Hier habe ich gelernt, vor anderen Leuten zu reden“, berichtet er. Etwas schüchtern ist Daria aus Rumänien. Besonders die Ausflüge zum Klettern, Minigolf oder in den Märchengarten haben der Neunjährigen gefallen. Mit der Familie kann sie das nicht machen, es fehlt schlichtweg das Geld. Das braucht sie bei der Aktiv-Lernwoche nicht: Essen, Ausflüge und alles andere sind kostenlos. Finanziert wird das Projekt aus dem Topf „Bildungsregion Stuttgart“.

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