Weniger Schüler – weniger Schulen Foto: dpa

Die Lehrerverbände fordern von Grün- Rot, mehr für die Lehrer an Haupt- und Werkrealschulen zu tun. In den nächsten Jahren müssen Tausende die Stelle wechseln, weil ihre Schulen schließen.

Die Lehrerverbände fordern von Grün- Rot, mehr für die Lehrer an Haupt- und Werkrealschulen zu tun. In den nächsten Jahren müssen Tausende die Stelle wechseln, weil ihre Schulen schließen.

Stuttgart - An Lob von Kultusminister Andreas Stoch für die Lehrer an Haupt- und Werkrealschulen mangelt es nicht: Neben ihren fachlichen und pädagogischen Kompetenzen hätten sie gute Konzepte entwickelt, um ihre Schüler individuell zu fördern. Auch seien sie mit Themen wie Ausbildungsreife und Berufsorientierung bestens vertraut und pflegten eine gute Zusammenarbeit mit schulischen und außerschulischen Bildungspartnern, stellt der SPD-Minister in einem Brief an einen Parteifreund fest.

Doch das wird den Pädagogen für ihr berufliches Fortkommen nicht allzu viel nützen. Denn wenn sie künftig an Gemeinschaftsschulen oder Realschulen unterrichten, wird sich finanziell für sie nichts ändern. Es sei denn, sie nehmen eine Auszeit und studieren noch einmal. „Eine Beurlaubung erfolgt allerdings unter Wegfall der Bezüge“, heißt es in Stochs Antwort auf die Frage nach Aufstiegsmöglichkeiten für Haupt- und Werkrealschullehrer.

Hintergrund der Frage ist der starke Schülerrückgang an den Haupt- und Werkrealschulen, der bereits zur Schließung von Schulen geführt hat und weiter führen wird. Von den 1200 Haupt-/Werkrealschulen vor zehn Jahren gibt es derzeit noch gut 800. Auch von diesen haben viele keine Zukunft, weil sich nicht mehr genügend Schüler anmelden. Anders als die frühere CDU-FDP-Koalition will Grün-Rot kleine Haupt- und Werkrealschulen schließen. Wenn zweimal hintereinander keine Eingangsklasse gebildet werden kann, sollen die Schulen zumachen.

Die Abkehr von der Hauptschule und der aus ihr entstandenen Werkrealschule, die die mittlere Reife ermöglicht, hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Allen Rettungsversuche von Schwarz-Gelb zum Trotz schicken Eltern ihre Kinder nach der vierten Klasse lieber zur Realschule oder zum Gymnasium. Während im Schuljahr 2002/03 rund 215 500 Mädchen und Jungen eine Haupt-/Werkrealschule besuchten, waren es zehn Jahre später nur noch 141 500.

Beschleunigt wird der Schülerrückgang, weil seit 2012 die Grundschulempfehlung in der vierten Klasse nicht mehr verbindlich ist und jetzt Eltern entscheiden, welche weiterführende Schule ihr Kind nach der vierten Klasse besucht. 2011 wechselten noch 25 Prozent der Fünftklässler zur Haupt-/Werkrealschule, im nächsten Schuljahr werden es voraussichtlich gerade noch neun Prozent sein.

Ein Teil der Haupt- und Werkrealschulen hat sich zu Gemeinschaftsschulen weiterentwickelt, an denen Schüler gemeinsam lernen und je nach Leistungen und Motivation alle Abschlüsse vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur machen können, dort sind 12 Prozent der künftigen Fünftklässler angemeldet. Doch kleine Schulen haben diese Möglichkeit nicht, sie können sich mit anderen zusammentun oder müssen schließen.

Unklar ist, was mit den Lehrern geschieht. Als Beamte haben sie Anspruch auf eine andere Stelle – und bisher hat der Schulwechsel bei den meisten auch geklappt. Einige unterrichten jetzt an Schulen in der Nähe, andere an den neuen Gemeinschaftsschulen. Andere sind jetzt an Grundschulen eingesetzt – das geht allerdings nur, wenn auch die Fächer passen. Bei weniger Schulstandorten wird der Wechsel jedoch immer schwieriger – auch an Gemeinschaftsschulen. Dort werden zwar zusätzliche Lehrer gebraucht, allerdings überwiegend mit einer Ausbildung für die Realschule oder das Gymnasium, damit die Schüler dort auch auf die entsprechenden Abschlüsse vorbereitet werden können.

Die Schulämter prüften in jedem Einzelfall, wo Lehrkräfte eingesetzt werden könnten, deren Schule geschlossen wird, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums. „Die Schulverwaltung sucht einvernehmlich mit den Betroffenen nach einer Lösung.“ Ein berufsbegleitendes Studium für eine Höherqualifizierung gebe es derzeit allerdings noch nicht.

Eine Weiterbildung ist aus Sicht der Lehrerverbände aber notwendig, um den jetzigen Lehrern an Haupt- und Werkrealschulen eine Perspektive zu geben. Diejenigen, die an einer Realschule arbeiteten, müssten eine Nachqualifizierung erhalten und auch wie Realschullehrer bezahlt werden, fordert Michael Gomolzig, Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung. Andernfalls könnten sich die Hauptschullehrer auch nicht für Leitungsstellen bewerben. Noch vor wenigen Jahren habe die frühere Landesregierung Studenten zum Hauptschullehramt aufgerufen, sagt Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die jungen Kollegen dürften jetzt nicht im Stich gelassen werden. 2009 waren 20 Prozent der Haupt-/Werkrealschullehrer von der Besoldungsgruppe A 12 nach A 13 befördert worden. Grün-Rot setzt das Aufstiegsprogramm nicht fort – wegen leerer Kassen.

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