Theresa Schopper soll Ruhe in die Bildungspolitik bringen (Archivfoto). Foto: Lichtgut

Erst hatte Baden-Württembergs grüne Kultusministerin Theresa Schopper Reformverbot. Jetzt soll sie die Quadratur des Kreises in der Schulpolitik schaffen.

Theresa Schopper sieht nachdenklich aus, wie sie mit dicker Splitterschutzweste über dem T-Shirt und Schutzhelm in der Hand durch den Kibbuz Kfar Aza in Israel geht. Kurz vor Weihnachten ist Baden-Württembergs Kultusministerin mit drei Kolleginnen aus den Ländern dort.

 

Kfar Aza ist einer der Kibbuzim, wo Hamas-Kämpfer am 7. Oktober unvorstellbar gewütet haben. Über den Terror und die Folgen wollen die deutschen Ministerinnen sich bei der Reise informieren. Sie wissen nur zu genau, dass der Nahostkrieg auch viele ihrer Schulen zu Hause entzweit und Israelfeindlichkeit und Antisemitismus schürt.

Theresa Schopper (links) hat bei einer Israel-Reise den Kibbuz Kfar Aza in der Nähe des Gazastreifens besucht. Foto: MBWFK/David Ermes

Es ist ein Zufall im Kalender, dass Theresa Schopper gerade ein echtes Kriegsgebiet bereist hat. In einer zumindest politischen Kampfzone findet sich die Frau aus dem Allgäu neuerdings auch zu Hause wieder, obwohl Winfried Kretschmann sie eigens ins Kultusministerium geholt hat, um Ruhe in der Bildungspolitik zu garantieren. Generationen von Experten haben in Deutschland erbittert über Schulstruktur, längeres gemeinsames Lernen oder zielgenaue Förderung im gegliederten Schulsystem gestritten.

Der Schwenk der Landesregierung zum neunjährigen Gymnasium rührt an der Urzelle dieses Streits, der die politischen Lager seit den Anfangstagen der Bundesrepublik immer wieder auf die Barrikaden getrieben hat. Befriedet wurde der Konflikt bundesweit nie. Dabei hat die Forschung längst bewiesen, dass Bildungserfolge sowohl in Gesamtschulen als auch in gegliederten Systemen möglich sind. Die deutsche Wirklichkeit indessen krankt daran, dass zu viele Schüler in allen Schularten nicht mehr richtig lesen, schreiben und rechnen lernen.

Woran die deutsche Schulwirklichkeit krankt

Spätestens als Winfried Kretschmann das Bürgerforum zum Gymnasium ins Leben gerufen hat, um den Erfolg des von zwei Müttern gestarteten Volksantrags für den neunjährigen Weg zum Abitur zu flankieren, sind zentrale Vereinbarungen im grün-schwarzen Koalitionsvertrag ins Wanken geraten. Seit die Initiative mehr als 106 000 Unterschriften für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium gesammelt und auch das Bürgerforum den längeren Weg zum Abitur befürwortet hat, ist Makulatur, dass das achtjährige Gymnasium im Südwesten Regelschule bleiben und Grün-Schwarz „keine grundlegenden Strukturdebatten“ führen sollte. Etwas früher schon haben IQB- und Pisa-Studien die ungenügende Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten auch der hiesigen Viert- und Neuntklässler nachgewiesen – und die Absicht der Koalition zerbröseln lassen, mit einigen bescheiden dimensionierten Schulversuchen bis zur nächsten Wahl zu überwintern. Seither arbeitet Grün-Schwarz an einem Paket, das die Sprachförderung in Kitas und Grundschulen stärken soll. In Zeiten knapper Ressourcen – da geht es um fehlendes Geld ebenso wie um fehlende Lehrer und Erzieher – ist es noch schwieriger als ohnehin schon, alles unter einen Hut zu bekommen.

Den Frieden zu halten, den Vertreter von Grün-Schwarz gerne zum „Schulfrieden“ hochstilisierten, obwohl es sich immer nur um einen Koalitionsfrieden handelte, war Schoppers Arbeitsauftrag bei ihrem Start. Zweieinhalb Jahre später muss die Grünen-Politikerin zur Großreformerin werden. Ausgesucht hat Theresa Schopper sich diesen Rollenwechsel nicht. Es ist kein Geheimnis, dass Winfried Kretschmann ihr seinen Schwenk zum neunjährigen Gymnasium schon mit der Entscheidung für das Bürgerforum aufgenötigt hat. Bekennende G8-Anhänger waren ursprünglich beide. Doch während Schopper die allgemeinbildenden Gymnasien im Land nicht angetastet hätte, hat Kretschmann entschieden, dass die Grünen nicht als einzige Partei in den nächsten Wahlkampf ziehen kann, die das achtjährige Gymnasium verteidigt.

Erzwungener Rollenwechsel

Deshalb wird 2024 das Jahr, das über Scheitern oder Erfolg von Schoppers Amtszeit entscheidet. Kurz bevor sie nach Israel aufbrach, hatte sie selbst noch nicht ausbuchstabiert, welchen Kurs genau sie in dieser Gemengelage einschlagen will und kann. Über Weihnachten haben Beamte in allen Abteilungen ihres Ministeriums verschiedene G9-Modelle entwickelt, den jeweiligen Personalbedarf errechnet und die Auswirkungen auf andere Schularten ausgelotet.

Nicht überliefert ist, ob Schopper sich bei Kretschmann dafür bedankt hat, dass er ihr mit der Gymnasialwende die Büchse der Pandora zugeschoben und zugleich erklärt hat, dass seine Koalition sich „von nichts – also wirklich von nichts“ davon abbringen lasse, sich auf frühkindliche Bildung und Grundschule zu konzentrieren. Konsequent ist die Haltung des Regierungschefs nicht, und sie vergrößert Schoppers Dilemma. Dabei ist in der Landespolitik unbestritten, dass die Stärkung der Grundschulen wichtiger ist. Denn hier werden die Grundlagen jeglicher Bildung gelegt. Genauso unverkennbar ist aber, dass neben Kretschmann auch alle anderen Parteien die symbolträchtige Gymnasialreform ins Zentrum ihrer machtpolitischen Überlegungen für die nächste Wahl stellen.

Jetzt wird es ernst mit der Suche nach Kompromissen

Verkompliziert wird Schoppers Ausgangslage einerseits dadurch, dass auch ohne neue Aufgaben in der Sprachförderung bereits Erzieher und Grundschullehrer fehlen. Das setzt einer schnellen Umsetzung des angekündigten Sprachförderpakets Grenzen. Für den langfristig teuren Umstieg auf G9 fehlt es auf der anderen Seite kurzfristig zwar nicht an Personal. Aber dass das Gymnasium mit längerer Lernzeit den Zulauf zu allen anderen Schulen vermindern wird, ist auch weithin unbestritten. Dabei sprechen Experten schon jetzt davon, dass Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen sich neben den Gymnasien kannibalisieren.

Solche Abwägungen hat Theresa Schopper in Schaltkonferenzen mit ihren Mitarbeitern während der Weihnachtspause hin und her gewendet. Wenn am Montag die Ferien zu Ende sind, wird es schnell ernst mit der Suche nach Kompromissen. Dann muss Theresa Schopper liefern. Vorgenommen hat sie sich, die Aufgabe als „ehrliche Maklerin“ anzugehen. Sie will Brücken schlagen zwischen Elterninitiative, Bürgerforum, den Fraktionen der Koalition und im Landtag. Als Pragmatikerin durch und durch hat sie ihren Frieden gemacht mit der neuen Aufgabe. „Oft hat man nicht die Chance, so ein ganz neues Kapitel zu schreiben“, sagt sie. Sie ist darauf eingestellt, dass es beim G9 „ein munteres Wunschkonzert geben“ wird, und geht angesichts vielstimmiger Forderungen schon einmal vorsichtig auf die Bremse. „Wie man das in die Bildungspläne übernimmt, muss klug überlegt werden.“

Helfen wird Schopper, dass ihr Konzept zur Sprachförderung so gut wie fertig ist. Eine persönliche Stärke gerade jetzt ist auch, dass sie, die als bildungspolitischer Neuling ins Amt gekommen ist, keinen schulideologischen Ballast mit sich herumträgt.

Auch SPD und FDP signalisieren Gesprächsbereitschaft

Ein Lichtblick zum Jahresauftakt ist für die Frau, die jetzt fast Unmögliches möglich machen soll, dass nicht nur die Koalitionspartner, sondern auch SPD und FDP die Bereitschaft zu einer parteiübergreifenden Einigung bekundet haben. Ob das belastbar ist oder nur Taktik, muss sich noch weisen. Aber vielleicht hat Theresa Schopper von ihrer Israel-Reise ein paar Geheimtipps mitgebracht. Dabei war nämlich auch die Kieler CDU-Schulministerin Karin Prien. Deren Land hat es in den letzten 15 Jahren geschafft, Haupt-, Real- und Regionalschulen unter dem Dach der Gemeinschaftsschule zu vereinen. Und Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) weiß genau, welche Scheibe mögliche Nachahmer sich von der weiß-blauen Rückkehr zum G9 abschneiden können und was sie lieber ignorieren sollten.