Privatschulen waren zur Durchführung der neuen Kompetenztests nicht verpflichtet. Wo fanden sie trotzdem statt und warum? Und was mussten die Viertklässler wissen?
In der vergangenen Woche haben alle Kinder an den staatlichen Schulen in Baden-Württemberg die neuen Kompetenztests Kompass 4 in Mathe und Deutsch geschrieben, in dieser Woche finden die Nachschreibetermine statt. Die Ergebnisse sind ein Teil der neuen Grundschulempfehlung im Rahmen der Schulreform und der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium.
Die Privatschulen waren zur Durchführung der besonderen Leistungsmessungen nicht verpflichtet, an vielen fanden sie trotzdem statt, so zum Beispiel an der Waldschule Degerloch. „Weil wir es interessant fanden und wissen wollten, wie die Tests aussehen. Wir fanden, das ist eine gute Erfahrung, und wollen die Ergebnisse mit in unsere Beratungen einbeziehen“, sagt der Rektor Kai Buschmann. Die Schulgemeinschaft habe diese Entscheidung mitgetragen, kritische Stimmender fehlenden Rechtsgrundlage für diese Tests an Privatschulen habe es keine gegeben.
Manche Eltern kritisierten im Vorfeld die neuen Tests als Grundschul-Abi
Für die Entwicklung der Aufgaben war im Auftrag des Kultusministeriums das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg zuständig. Manche Eltern hatten die Tests im Vorfeld als „Grundschul-Abi“ kritisiert. Bekannt war, dass ein Querschnitt an Wissen geprüft wird. Die Kinder sollten sich nicht darauf vorbereiten, um ein möglichst objektives Bild vom aktuellen Stand der Fähigkeiten zu bekommen. Allerdings berichteten Schulleitungen, dass der Druck der Eltern auf einzelne Kinder wohl sehr hoch gewesen sei.
Von den neuen Kompetenztests seien die Grundschullehrerinnen und -lehrer an der Waldschule Degerloch „positiv überrascht“ gewesen. „Beide Kompass-4-Arbeiten lassen sich sowohl in der Durchführung als auch in Form und Inhalt mit den Vera-Arbeiten vergleichen“, sagt Buschmann. Die Abkürzung „Vera“ steht für Vergleichsarbeiten, die Test sind seit vielen Jahren bundesweit in den Klassenstufen 3 und 8 verpflichtend.
Bei den Kompass-4-Arbeiten ließ „die Menge der Aufgaben sowohl in Mathe als auch in Deutsch kein längeres Nachdenken zu“, sagt Kai Buschmann. Durch diese Fülle seien die anhaltende Konzentrationsfähigkeit und die Arbeitsgeschwindigkeit mit geprüft worden. Beim Deutschtest sei es besonders um die Lesefähigkeit gegangen, beim Mathetest um logisches Denken und Transferleistungen. Die Darstellung der Aufgaben sei für die Kinder unbekannt gewesen. „Damit hätte sie mit mehr Zeit sicher besser umgehen können“, sagt der Rektor der Waldschule. Insgesamt sei es aber bemerkenswert, wie gut es den Schülerinnen und Schülern in der Kürze der Zeit und in einer unbekannten Testsituation gelungen sei, die Aufgaben zu bewältigen.
„Die Tests waren sehr komplex, aber unsere Schülerinnen und Schüler sind gut zurechtgekommen“, sagt Bert Michalk. Er ist der pädagogische Leiter für die Klassenstufen 1 bis 6 im Element-i-Bildungshaus in Stuttgart. Auch dort hat man sich für Kompass 4 entschieden. „Es ist gut, ein zusätzliches Element zu haben, um eine Empfehlung für die weiterführende Schule auszusprechen“, sagt Michalk. Auch die Eltern hätten das befürworten, um genauer über den Wissenstand ihrer Kinder informiert zu sein und um eine Vergleichbarkeit zu anderen Schulen herzustellen. Richtig sei aber auch, dass die Tests für manche Kinder mit Stress verbunden gewesen seien, weil sie diese als wichtige Prüfung empfunden hätten.
So funktioniert die neue Grundschulempfehlung
Die Aufregung im Vorfeld sei groß gewesen, sagt auch Andrea Dürr. Die Leiterin der Grundschule an der Freien Evangelischen Schule (FES) ergänzt: „Manche Kinder waren nervös. Da hat man die Elternhäuser durchgehört.“ Sie und ihr Team hätten versucht, Druck rauszunehmen. Schließlich entscheide Kompass 4 nicht allein über die weitere Schullaufbahn. Viel wichtiger sei die Einschätzung der Lehrkräfte, welche die Mädchen und Jungen eine ganze Weile begleitet hätten, auch der Elternwille spiele eine entscheidende Rolle. Die Aufgaben in den Kompass-4-Tests seien „teilweise gut machbar, teilweise recht schwer“ gewesen. Die Lehrkräfte werten diese aus. Die Eltern erfahren die Ergebnisse erst in den Halbjahresgesprächen.
Auf die Frage, warum sich auch die FES für die Tests entschieden habe, antwortet Dürr: „Weil wir wissen wollten, wie der Test aussieht, ob die Ergebnisse zu unseren Einschätzungen passen und um eine Vergleichbarkeit zu anderen Schulen herzustellen.“
Kolping-Grundschüler haben den Test nur probeweise geschrieben
Auch in der Kolping-Grundschule in Stuttgart wurde der Test geschrieben. „Aber wir haben nur probeweise mitgemacht. Die Ergebnisse werden in diesem Jahr noch nicht in die Grundschulempfehlung einbezogen“, sagt Markus Schwaigkofler. Er ist der Vorstand bei der Stiftung Kolping-Bildungswerk Württemberg und ergänzt: Die Informationen des Kultusministeriums zu dem Test seien sehr kurzfristig gekommen, man habe die Schülerinnen und Schüler nicht stressen wollen. Es sei eine Entscheidung zum Wohle der Kinder gewesen. Zu dem Test selbst sagt er: „Die Übungen in Mathe waren schon recht schwer, und es waren sehr viele Aufgaben in kurzer Zeit.“
So funktioniert die neue Grundschulempfehlung
Komponenten
Die Kompass-4-Tests entscheiden nicht allein darüber, ob ein Kind eine Empfehlung fürs Gymnasium erhält oder nicht. Hinzu kommen die pädagogische Gesamtwürdigung der Klassenkonferenz, also die Empfehlung der Lehrkräfte, und der Elternwille. Für die neue Grundschulempfehlung, Navi 4 genannt, gilt, dass mindestens zwei der drei Komponenten fürs Gymnasium sprechen müssen, wenn ein Kind den direkten Weg zum Abitur anstrebt. Ist dem nicht so, müssen die Mädchen und Jungen an einem Potenzialtest teilnehmen, der dann über die weitere Schullaufbahn entscheidet.
Privatschulen
Für Privatschulen, an welchen die Kompass-4-Tests in diesem Jahr eventuell nicht geschrieben wurden, gilt, dass zwei von zwei Komponenten erfüllt sein müssen oder aber der Potenzialtest zu absolvieren ist, wenn das Kind aufs Gymnasium will. Diese Grundschulempfehlungen sind gleichwertig zu den Empfehlungen mit Kompass-4-Tests.