Hände als Symbol der Gemeinschaft: Claudia Schmidt, Leiterin des SBBZ Lernen, steht neben Kunst von Schülerinnen und Schülern zum Jubiläum des Rohräckerschulzentrums. Foto: Ines Rudel

Die Kombination von acht sonderpädagogischen Einrichtungen unter einem Dach ist bundesweit einmalig. Zum Jubiläum gibt es ein großes Schulfest.

Sollen erst einmal die zu Wort kommen, um die es geht: „Alle Kinder können hier zusammen lernen, egal wie sie sind.“ „Ich lerne langsamer als andere, und hier kann ich in meinem Tempo arbeiten.“ „Das Pausensingen ist cool.“ Echt oder PR? „Das haben die Kinder von sich aus geschrieben“, beteuert Claudia Schmidt, und wenn der Eindruck im Rohräckerschulzentrum nicht trügt, darf man ihr uneingeschränkt Glauben schenken. In den Foyers hängen die ausgeschnittenen bunten Papierhände. Auf den Handflächen stehen die Statements der Schülerinnen und Schüler zum 50-jährigen Jubiläum ihrer Schule.

 

Claudia Schmidt ist Leiterin der Schule mit dem griffigen Namen „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Lernen“, außerdem stellvertretende Sprecherin des ganzen Rohräckerschulzentrums. Es vereint fünf solcher SBBZs – so das Kürzel für das, was früher Sonderschule hieß – unter einem Dach, außerdem noch drei Schulkindergärten und vier sonderpädagogische Frühförderstellen. Und genau das macht die bundesweite Besonderheit dieser Esslinger Bildungsinstitution aus: die räumliche Nähe und die dadurch vereinfachte Zusammenarbeit der verschiedenen pädagogischen Angebote für Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung, mit Lernschwäche oder Sprachproblemen. „Das ist einmalig und modellhaft“, sagt Schmidt. „Wir können die Kompetenzen der verschiedenen Fachrichtungen bestmöglich den Kindern zugute kommen lassen.“ Unmittelbar sichtbar wird das in Kooperationsklassen mit Kindern aus verschiedenen der ansonsten eigenständigen SBBZs. Gemeinsames Lernen macht auch an den Außenmauern des Schulzentrums nicht halt. Eng arbeitet man zum Beispiel in der wöchentlich stattfindenden „Bewegungslandschaft“ mit der Eichendorff-Grundschule zusammen.

In die Handflächen schrieben Schülerinnen und Schüler Statements zum Jubiläum. Foto: Ines Rudel

Einmalig war die Konzeption bereits vor 50 Jahren, als das Rohräckerschulzentrum auf dem Zollberg eröffnet wurde. Damals hieß der Kultusminister Wilhelm Hahn, der Landrat Hans-Peter Braun und der Esslinger Oberbürgermeister Eberhard Klapproth. In seiner Rede zur Eröffnung am 28. November 1975 sagte Hahn, das neue Zentrum beschreite einen „Weg, der von dem sonst üblichen abweicht: Die enge Kooperation ermöglicht eine umfassende schulische Bildung und sonderpädagogische Therapie der behinderten Kinder.“

Die flächendeckende Versorgung mit Sonderschulen war 1975 erst seit wenigen Jahren selbstverständlich. Erst Mitte der 60er Jahre verankerte eine gesetzliche Regelung schulische Bildungsmöglichkeiten für alle Kinder mit Behinderung. Was jedoch nicht nur im Kreis Esslingen an Raum- und Ressourcengrenzen stieß. In einem Artikel der Esslinger Zeitung vom August 1975 ist die Rede von „drangvoller Enge in vielen örtlichen Sonderschulen“, die durch das neue Rohräckerzentrum behoben werde.

Schülerzahlen steigen oder bleiben auf hohem Niveau

Im Lauf der Jahre waren Erweiterungen und Sanierungen nötig, zuletzt 2022. Auch jetzt mit 918 Schülerinnen, Schülern und Kindern in den Schulkindergärten mangelt es an Platz und Personal, sagt Schmidt. Und trotz Inklusion an den Regelschulen steigen in manchen der SBBZs die Schülerzahlen, in anderen bleiben sie auf hohem Niveau.

2022 wurden die Gebäude der Rohräckerschule saniert. Foto: Roberto Bulgrin

Dass die institutionalisierte Sonderpädagogik irgendwann in allgemeine Inklusion übergehen könne, sieht Schulleiterin Schmidt aus zwei Gründen nicht: der Nachfrage der Eltern und den besonderen Möglichkeiten der SBBZs. „Die meisten Eltern entscheiden sich für uns und nicht für die Inklusion“, sagt sie. Und: „Von der sonderpädagogischen Expertise bis zu speziell eingerichteten Räumen sind hier die besten Voraussetzungen für die Förderung der Kinder gegeben.“ Bildung mit Teilhabe ermögliche auch das Rohräckerschulzentrum dank der Zusammenarbeit mit schulischen wie außerschulischen Partnern.

Auch Corina Schimitzek, Leiterin des zuständigen Schulamts Nürtingen, hält die SBBZs für kein Auslaufmodell: „Die Sonderpädagogik bietet Möglichkeiten für die Kinder, die in der Qualität in der Fläche nicht realisierbar sind.“ Unter der „Leitfrage: Was ist das Beste für das jeweilige Kind?“ komme es an auf „Zusammenarbeit, nicht auf die Ausschließlichkeit des einen oder anderen Modells“. Die „Öffnung der Systeme“ klappe im Rohräckerschulzentrum dank der vielfältigen Kooperationen „in weiten Bereichen schon sehr gut“, sagt Schimitzek. „Bei der Gründung vor 50 Jahren war das alles andere als selbstverständlich. Damals haben sich alle Schularten noch weit stärker voneinander abgeschottet.“ Für die nächsten 50 Jahre wünscht Schimitzek dem Schulzentrum, „dass die erste Frage nicht immer lauten muss: Haben wir dafür das Personal und die Räume? Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten unter hoher Belastung, aber mit dem Herz am richtigen pädagogischen Fleck.“ Immerhin seien die planerischen Weichen für einen neuen Erweiterungsbau gestellt.

Ganz im Sinne von Denis Wagner, dem Vorsitzenden des Elternbeirats. Er spricht für das ganze Gremium, wenn er sagt: „Unsere Kinder fühlen sich an dieser Schule wohl. Die individuelle Begleitung jedes Kindes schafft eine Atmosphäre, in der Lernen Freude macht.“ Damit das so bleibt, wünschen sich die Eltern „dringend mehr Lehrkräfte“. Aber erst einmal wird an diesem Samstag Jubiläum gefeiert – mit dem größten Schulfest in einem halben Jahrhundert Rohräckerschule.

Die Schulen und das Fest

Einrichtungen
Zum Rohräckerschulzentrum gehören acht eigenständige Einrichtungen: fünf Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Lernen, Sprache sowie die SBBZ für Kinder mit längerem Krankenhausaufenthalt. Sie verfügt über Räume in den jeweiligen Kliniken. Hinzu kommen drei Schulkindergärten für geistig, körperlich und sprachbehinderte Kinder. Außerdem gehören zum Zentrum vier sonderpädagogische Frühförderstellen. Das Rohräckerschulzentrum wird vom Landkreis getragen – mit Ausnahme des SBBZ Lernen in Trägerschaft der Stadt Esslingen.

Jubiläum
Das große Jubiläumsfest findet an diesem Samstag, 24. Mai, von 11 bis 16 Uhr auf dem Schulgelände statt (Traifelbergstraße 2, Esslingen-Zollberg). Alle sind eingeladen zu einem reichen kulinarischen Angebot und einem vielfältigen Programm von Body Painting bis Torwandschießen, von Bastelangeboten bis zu Karaoke und gemeinsamem Singen des eigens kreierten Rohräcker-Songs mit der Schulband und dem Schulchor.