In einer Gemeinschaftsschule im Rems-Murr-Kreis kommt regelmäßig ein kroatischer Schäferhund zu Besuch. Warum Putko für viele Schüler so hilfreich ist.
„Ist der Hund heute da?“ – Die Frage wird der Schulsozialarbeiterin Jennifer Dürr von der Gemeinschaftsschule Leutenbach in letzter Zeit dauernd gestellt. Seit Schuljahresbeginn hat sie ihren kroatischen Schäferhund Putko ein- bis zweimal die Woche an der Schule mit dabei. „Putko ist ein Magnet“, sagt Dürr und ergänzt: „Und er ist ein Türöffner.“ Vor allem Kindern, denen es schwerfällt, in Kontakt zu kommen, hilft Putko aufzutauen – weil es ihnen leichter fällt, über den Hund zu sprechen oder ihn zu streicheln.
Die Kinder lernen, wie sie mit dem Schulhund umgehen sollen
Bis zu den Herbstferien lernt Putko alle Klassen kennen. Am Dienstagvormittag ist die 1b dran. Die 19 Kinder kommen alle ganz leise in das Gruppenzimmer. „Kompliment, ihr wart mucksmäuschenstill“, sagt Dürr, nachdem sich alle Kinder auf ein Kissen auf den Boden gesetzt haben. Hunde mögen keinen Lärm – darauf nehmen auch alle Kinder Rücksicht. Im Kreis sitzen sie um Putkos Decke. Ob jemand Angst oder Allergien vor Hunden habe? Alle Kinder verneinen und Johannes ruft gleich: „Ich nicht, ich habe einen noch größeren daheim.“ Der sei schon 76 Jahre alt. „Hundejahre natürlich“, fügt er noch dazu. Ein Mädchen stupst ihren Nebensitzer an, zeigt auf den Hund und klatscht vor Freude in die Hände.
Zuerst müssen die Kinder Regeln lernen. Wie geht man mit einem Hund um? Was darf der Hund essen und was nicht? Das wissen viele Kinder schon. „Keine Schokolade. Keine Gummibärchen. Keine Spätzle“, zählen sie der Reihe nach auf. Auch, dass sie dem Hund einen Fluchtweg lassen müssen und nicht zu dicht an ihm vorbeilaufen dürfen, ist allen klar.
Dürr hat Putko über die Tierschutzorganisation Fellnasen Stuttgart adoptiert. Sie arbeitet dort ehrenamtlich, nimmt die Transporte aus den südeuropäischen Ländern in Empfang, geht mit den Hunden zum Beispiel auch zum Stuttgarter Bark Date, einem Vermittlungstreff für Tierschutzhunde. „Ich habe frühmorgens einen Transporter aus Italien in Empfang genommen und wollte dann eigentlich heim, um zu schlafen“, erzählt Dürr, die ihre Bachelorarbeit in Sozialer Arbeit über tiergestützte Pädagogik geschrieben hat. Doch sie wurde gebeten, noch auf einen weiteren Transporter aus Kroatien zu warten. Und da kam Putko. „Er hat sofort zu mir gepasst“, sagt sie. Aufgrund seiner ruhigen Art ist er als Schulhund gut geeignet.
Dürr macht an der Schule auch viele Einzelfallbetreuungen, wenn es Konflikte unter den Schülern gibt oder wenn Schüler Probleme in der Schule oder in ihrer Klasse haben. Putko ist dann immer mit dabei – das beruhigt die Kinder.
Immer mehr Pädagogen und Schulsozialarbeiter bilden ihre privaten Hunde zu Schulbegleithunden aus und nehmen die Tiere mit in den Unterricht. Die tiergestützte Pädagogik geht davon aus, dass die Hunde zu einer lernförderlichen Atmosphäre beitragen.
Stimmt das oder sind die Hunde einfach nur süß? „Die Wirksamkeit tiergestützter pädagogischer Interventionen ist durch zahlreiche Studien gut belegt“, sagt die Psychologin Andrea Beetz. Sie ist Professorin an der IU Internationalen Hochschule und forscht seit 25 Jahren zu Mensch-Tier-Beziehungen sowie tiergestützten Interventionen. „Ein Schulhund, der Kinder bei der Schulsozialarbeit, bei der Nachmittagsbetreuung oder auch im Unterricht begleitet, ist sinnvoll“, sagt sie.
Für ihr Buch „Hunde im Schulalltag“ hat Beetz ausgiebig zu diesem Thema geforscht: Wenn Kinder den Hund streicheln, reduziert dies Stress, fördert die Oxytocinausschüttung und stärkt Vertrauen – also genau das, was pädagogische Arbeit braucht. „Man muss in Einzelgesprächen zum Beispiel gar nicht gleich über Persönliches reden, sondern kann übers Tier ins Gespräch kommen. Tiere erleichtern Gespräche, weil das Kind über den Hund sprechen kann, anstatt direkt über sich.“
Tiere reduzieren Angst, geben soziale Unterstützung, erleichtern Kontakt. „Kinder sind von Natur aus neugierig auf Tiere, wir Menschen sind allgemein biophil – also wir haben evolutionsbedingt ein Interesse an Tieren in unserer Umgebung“, so Beetz. Und Hunde schaffen Ruhe, tragen zu einer entspannten Atmosphäre bei und bringen Spaß. „Ein Faktor, der wissenschaftlich schwer messbar ist, aber für die Motivation und Lernfreude wichtig ist.“ Die Effekte seien aber insgesamt vielfältig: Kinder lernen Rücksichtnahme und Fürsorge, Außenseiter werden besser integriert, der Klassenzusammenhalt verbessert sich, die Atmosphäre ist ruhiger.
Wichtig findet die Forscherin, dass Lehrer und Pädagogen, die mit Tieren arbeiten, eine zusätzliche Ausbildung haben – etwa eine Fachkraft-Ausbildung für tiergestützte Interventionen. Dabei lernen sie, wie Tiere wirken, was sie brauchen, und wie man sie tierschutzgerecht einsetzt. Denn für Hunde kann es anstrengend sein, mit angespannten Kindern zu arbeiten. „Man muss Stresssignale erkennen und den Hund dann auch mal rausnehmen, ihm Pausen und Rückzugsorte geben.“
Projekte mit Hunden, wie ein kleiner Hundeführerschein, Parcours oder Suchspiele, fördern die Konzentration von Kindern. „Aber das Tier muss unbedingt dafür geeignet sein und Freude an der Arbeit haben“, sagt Beetz. Dafür muss ein Hund gut sozialisiert sein, gerne Kontakt mit Menschen und Kindern haben – und natürlich nicht aggressiv auf Reize reagieren. „Nicht jeder Hund ist geeignet – sensible Hunde spiegeln Anspannung stark und können dadurch selbst gestresst sein.“
Schulhunde müssen eine Prüfung ablegen
Einsätze mit Hunden sollten daher zeitlich begrenzt sein: „Ist der Schulhund nur anwesend ohne viel extra Action, dann geht ein Vormittag. Ist er aber oft in Aufgaben eingesetzt oder in der Kleingruppenarbeit mit intensivem Kontakt, sollten es maximal eine Stunde sein“, rät Beetz, die auch im Vorstand der Internationalen Gesellschaft für tiergestützte Therapie (ISAAT) ist.
Für den Einsatz von Putko an der Gemeinschaftsschule in Leutenbach hat das Staatliche Schulamt eine Prüfung verlangt: In dieser muss ein Schulhund seine Alltagstauglichkeit in den Bereichen Verkehrssicherheit, Sozialverträglichkeit, Unbefangenheit und Gehorsam zeigen. Putko hat im Mai die Prüfung absolviert. „Und mit Bravour bestanden“, sagt Dürr. Im Januar plant sie mit Putko den Eignungstest für die Therapiehundeausbildung zu machen. In jedem Fall wolle sie mit ihm weitere Ausbildungen machen.
Jedes Kind darf den Hund einmal streicheln
Eine Schulstunde, also 45 Minuten, ist Putko immer mit in einer Klasse – länger nicht. Die Schüler müssen um ihn herum im Kreis sitzen und Abstand halten. Der Hund hat seine eigene Decke, auf der er sich ausruhen kann, und ist angeleint. In den letzten Minuten dürfen die Erstklässler dann in einem Schnüffelteppich Leckerlis verstecken.
Putko findet natürlich alle, der kroatische Schäferhund hat eine feine Nase. Danach darf jede Schülerin und jeder Schüler unter Anleitung von Dürr den Hund einmal kurz streicheln. Wie sie das machen müssen, wissen die Kinder natürlich auch. „Nicht am Kopf und nicht im Gesicht“, sagt Johannes wieder.
Für Jennifer Dürr ist ihr Hund kein Ersatz für pädagogische Arbeit, aber eine wertvolle Ergänzung. Und manchmal der erste Schritt, damit viele Kinder sich trauen, zu ihr zu kommen, wenn sie Probleme haben.
Wissenschaftliche Analyse zu Schulhunden
Studie
Die Tierärztin und Forscherin Emilie M. Y. Bidoli hat mit Kollegen für die Studie „Dogs working in schools“ der Ludwig-Maximilians-Universität im Jahr 2023 an bayerischen Schulen 54 Hund-Lehrer-Teams während des Unterrichts analysiert. Bidoli untersuchte vor allem die Aspekte Tierschutz und die Sicherheit der Schüler.
Ergebnisse
Etwa ein Viertel der Situationen wurde als unbedenklich, ein weiteres Viertel als problematisch eingestuft; die übrigen galten als kritisch – etwa, wenn Kinder den Hund umarmten oder küssten. Solche Interaktionen sind laut Bidoli riskant, weil Hunde körperliche Enge oft als Bedrängung empfinden. Zudem sei je einmal aggressives und territoriales Verhalten des Hundes aufgetreten. (nay)