Der Sanierungsstau an Schulen zwingt Stuttgart zu millionenschweren Investitionen. Nicht jede Schule aber wird künftig noch gefragt sein. Foto: dpa

Die Schullandschaft in Stuttgart soll sich verändern - Hauptschulen sollen geschlossen werden.

Stuttgart - Der Sanierungsstau an Schulen zwingt Stuttgart zu millionenschweren Investitionen. Nicht jede Schule aber wird künftig noch gefragt sein. Die Verwaltung hat deshalb einen Plan aufgestellt, der die Entwicklung bis zum Jahr 2020 beschreibt. Der Schulentwicklungsplan ist doppelt so dick wie das Stuttgarter Telefonbuch und eine echte Herausforderung für die Stadträte, die ihn am Mittwoch (8. Juni) im Verwaltungsausschuss erstmals in Händen halten werden. Er beschreibt auf der Basis der Bevölkerungsprognose, in Anbetracht des Übertrittsverhaltens aufs Gymnasium, der Bildungsoffensive des Landes und der Entwicklung der Werkrealschulen sowie der geplanten Abschaffung der Sonderschulpflicht die vermuteten Veränderungen in der Gesamtstadt. Und er legt Details aus den sechs Planungsbezirken Nord-West, Nord-Ost, Neckar, Filder Mitte-Ost, Filder West und Innenstadt dar. Künftig soll das vom Büro GUS gefertigte Werk als Basis für den zu erwartenden Raum- und Investitionsbedarf der Schulen dienen.

Was die Schülerströme in der Stadt angeht, liegt das Gymnasium seit Jahren im Trend. Seit 2001 stieg dessen Schülerzahl in der Stadt um 17,4 Prozent. Verloren hingegen haben die Haupt- und Werkrealschulen, und zwar 29,2 Prozent, die Förderschulen 26 Prozent ihrer Schüler. Die Stadt sieht sich deshalb gezwungen, den frei werdenden Raum an Haupt- und Werkrealschulen auf die Schularten umzuverteilen, die künftig mehr Platz brauchen.

Daraus folgt eine Handlungsempfehlung, die in den einzelnen Stadtbezirken vermutlich nicht ohne Widerspruch bleiben wird. Folgende Hauptschulen (HS) sowie Werkrealschulen (WRS) scheinen verzichtbar: die Filderschule, die Österfeldschule, die Steinbachschule, die Ameisenberg- und Raitelsbergschule, die Steinenbergschule (WRS), die Altenburgschule (WRS), die Heusteigschule (Grundschule und WRS) sowie die Raichberg-Realschule.

In Feuerbach sollen das Leibniz-Gymnasium und das Neue Gymnasium zusammengelegt werden

Aus der Friedensschule soll eine Gemeinschaftsschule mit dem Schwerpunkt Sprachvermittlung werden, die Föhrichschule an den Standort Bismarckschule ziehen. Die Kreuzsteinschule soll an den Standort Mönchfeldschule ziehen, wovon die Bertha-von-Suttner-Realschule und das Eschbach-Gymnasium profitieren könnten. Die Hohensteinschule könnte in die Park-Realschule einziehen, die Realschule das Gebäude mit der Grund- und Hauptschule Stammheim tauschen. Die Schlossrealschule könnte an den Standort Heusteigschule umziehen, die Lehenschule in die Jakobschule, die Immenhofer- in die Lehenschule.

Alle Vorschläge, die aus einer Vielzahl von Planungsvarianten als die besten gewählt wurden, müssen auf ihre Tauglichkeit erst noch geprüft werden, als gesetzt gilt allerdings, dass in die Schulgebäude kräftig investiert wird, wenn die Ansprüche durch einen höheren Schultyp steigen. Gleichzeitig umfasst die Vorschlagsliste auch Projekte, bei denen mehrere Schultypen sich die Angebote wie Mensen, Sporthallen, Aulen und andere Einrichtungen teilen. Einen solchen Campus sollen in Rot die Gustav-Werner-Schule, die Uhlandschule, die Rilke-Realschule und das Ferdinand-Porsche-Gymnasium bilden; in Vaihingen sind für ein eben solches Modell die Verbundschule Rohr, die Pestalozzischule, die Robert-Koch-Realschule und das Hegel-Gymnasium vorgesehen. In Feuerbach sollen das Leibniz-Gymnasium und das Neue Gymnasium zusammengelegt werden.

Entgegen der bisherigen Prognosen wird die Schülerzahl bis zum Jahr 2020 nicht wesentlich einbrechen. Deshalb und weil sich der Trend zum Gymnasium beim Wegfall der Grundschulempfehlung vermutlich eher verstärkt, ist auch an die Einrichtung von zwei neuen Gymnasien gedacht: am Standort der Steinenbergschule in Hedelfingen und in der bisherigen Friedensschule im Westen. Aus der bisherigen Altenburgschule in Bad Cannstatt (WRS) soll eine Realschule werden.

Nicht überall stoßen die Vorschläge auf Zustimmung

Die meisten der betroffenen Schulen haben bereits Stellung genommen, was im Schulentwicklungsplan dokumentiert ist. Nicht überall stoßen die Vorschläge auf Zustimmung. Die Heusteigschule beispielsweise konnte den Anteil der Schüler, die aufs Gymnasium wechseln, seit Einführung der Ganztagsschule verdoppeln. Sie wehrt sich deshalb gegen eine Auflösung und schlägt vor, an ihrem Standort eine Gemeinschaftsschule mit Schwerpunkt Inklusion von Behinderten einzurichten.

Unter anderem daran übt bereits die Fraktion der Grünen im Gemeinderat Kritik: Der Schulentwicklungsplan sei ein "Quadratmeterprogramm", während "schulpädagogische Konzepte und Zukunftsüberlegungen auf 289 Seiten plus Anhang" nicht vorkämen, schreiben die Stadträte Vittorio Lazaridis und Werner Wölfle. Auch der Gesamtelternbeirat hat sich zu Wort gemeldet. Er stellt "mit Befremden fest, dass wir Eltern noch an keiner Stelle gehört, geschweige denn beteiligt wurden", und verweist auf das Schulgesetz, dass bei Schulzusammenlegungen, -verlagerungen und -schließungen die Schulkonferenz gehört werden müsse. So zeichnet sich ab, dass dem Schulreferat ein heißer Herbst bevorsteht.

Am Mittwoch (8. Juni) bringt die Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann den Schulentwicklungsplan in den Verwaltungsausschuss des Gemeinderats ein. Am Freitag, 10. Juni, wird das Thema im Schulbeirat diskutiert. Beide Termine sind nichtöffentlich. Zwischen 27. Juni und 20. Juli 2011 wird der Plan nach und nach in den Bezirksbeiräten vorgestellt. Wir berichten zeitnah zu den Präsentationen in den Bezirken über die Detailvorschläge für die einzelnen Planungsbezirke. Bis 26. Oktober haben die Bezirksbeiräte Zeit zur Beratung. Am 25. Oktober berät der Schulbeirat, am 26. Oktober der Verwaltungsausschuss. Am 27. Oktober soll der Gemeinderat den Schulentwicklungsplan beschließen.

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