Die Bismarckschule (Bild) und die Realschule liegen mehr als einen Kilometer weit auseinander. Für die Stadt scheint dies aber kein Ausschlusskriterium zu sein Foto: Achim Zweygarth

Die Stadtverwaltung will die Bismarckschule und die Realschule Feuerbach zu einem Schulverbund zusammenführen. Die beiden Schulleiter finden diese Überlegung nicht sinnvoll, auch weil beide Schulen fast 1,2 Kilometer auseinanderliegen.

Feuerbach - Am 26. Juli wird Gerald Mandl, der Schulleiter der Feuerbacher Werkrealschule, in den Ruhestand verabschiedet – drei Tage vor seinem 65. Geburtstag. „Die Stelle für die neue Schulleitung der Bismarckschule wurde bisher allerdings nicht im ,Kultus und Unterricht‘ ausgeschrieben“, sagt Mandl. Seitens des Schulamtes habe man ihm aber fest zugesichert: „Die A14-Stelle soll wieder neu besetzt werden.“

Eigentlich Routine, aber die Ausschreibung der Stelle wäre ein wichtiger Fingerzeig, dass die bedrohte Schulart „Werkrealschule“ – sieben Standorte gibt es noch in ganz Stuttgart – zumindest in Feuerbach vorerst erhalten bleibt. Doch möglich wäre auch, dass mit Mandls Abschied und Weggang seine Stelle gestrichen wird. Denn die Schulverwaltung spielt derzeit mit dem Gedanken, die Realschule Feuerbach an der Hohewartstraße 95 und die Werkrealschule an der Wiener Straße 76 in einem Schulverbund zusammenzulegen. Und dann wäre nur noch Platz für eine Schulleiterstelle für beide Schularten.

„Das Gebäude der Bismarckschule bietet grundsätzlich Kapazitäten für drei Züge der Sekundarstufe 1. Im Rahmen eines Schulverbundes wäre gleichzeitig eine bessere Auslastung der beiden Standorte möglich“, sagt Barbara Krämer vom Referat Jugend und Bildung im Rathaus Stuttgart. Die Mitarbeiterin von Schulbürgermeisterin Isabel Fezer verweist darauf, dass „die Anmeldezahlen an den Realschulen in den letzten Jahren sowohl auf Grund generell steigender Schülerzahlen als auch vor dem Hintergrund der rückläufigen Nachfrage an den Werkrealschulen steigend“ seien. Deshalb müsse „das Schulverwaltungsamt primär gesamtstädtisch für ausreichend Kapazitäten an den jeweiligen Schularten sorgen“.

Die Entfernung der beiden Schulen ist kein Ausschlusskriterium

Dass die Bismarck- und die Realschule „gut einen Kilometer voneinander entfernt liegen“, scheint dabei für die Stadt kein Ausschlusskriterium zu sein. Die Entfernung der Schulgebäude sei zwar „sicherlich eine Herausforderung“ für eine mögliche Verbundlösung. Doch „in Anbetracht steigender Schülerzahlen insbesondere an Realschulen muss die Stadt als Schulträgerin jedoch alle Kapazitäten nutzen“, schreibt Krämer in ihrer Stellungnahme. Als Alternative zu einem Schulverbund müsse daher auch über „eine Außenstelle der Realschule an der Bismarckschule diskutiert werden“.

Im Gegensatz zum Schulverwaltungsamt halten Rektor Gerald Mandl und sein Kollege von der Realschule, Herwig Rust, diese Pläne für keine gute Idee. „Es kann sein, dass wir damit nicht das Konzept der Werkrealschule als Schulart retten, sondern dass wir stattdessen verantwortlich dafür sind, dass die Werkrealschule komplett abgewickelt wird“, sagt Herwig Rust.

Dass der Schulleiter der Feuerbacher Realschule am Ende quasi den Totengräber der Feuerbacher Werkrealschule spielen soll – nein, da kann er sich wahrlich ein besseres pädagogisches Job-Profil vorstellen: „Und das gibt mir zu denken, weil es diese Erfahrungen bei Verbünden schon gab“, sagt Rust. Dort hätten dann die Eltern entschieden und am Ende hieß es: „Wenn diese Schulart nicht mehr gewählt wird, dann lassen wir sie wegfallen.“ Es gehe ihm nicht darum, sich einer neuen Schulentwicklung zu verweigern, wenn diese sinnvoll sei, betont Rust ausdrücklich. „Aber wir sehen die Sinnhaftigkeit nicht.“ Sicherlich gebe es momentan zu wenig Plätze an der Realschule: „Aber ein Raumproblem muss mit einer Raumkonzeption gelöst werden“, erläutert Rust.

2018 mussten 350 Schüler vom Gymnasium zurück auf die Realschule

Und Mandl will sich wiederum seinen Werkrealschulstandort in Feuerbach nicht schlechtreden lassen: Es stimme, dass die Bismarckschule ursprünglich dreizügig ausgelegt gewesen sei: „Aber da waren wir auch noch keine Ganztagsschule.“ Das komplette Raumprogramm werde dringend für den Ganztag und die fünf Sonderklassen gebraucht. Sein Fazit: „Wir sind stabil zweizügig. Es wäre eine andere Situation, wenn wir hier leere Zimmer hätten, aber das haben wir nicht“, sagt Mandl und fügt an: „Wenn wir die Realschule reinnehmen, dann müsste man entweder die internationalen Vorbereitungsklassen (VK) auslagern oder den Ganztag aufgeben.“

Beides hält Mandl für pädagogisch völlig abwegig und unsinnig: In Zuffenhausen gebe es inzwischen mehrere VK-Klassen, die gar nicht mehr an feste Regelschulen angebunden seien. So könne aber die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ins Schulsystem sicherlich nicht funktionieren, betont Mandl.

Rust sieht verschiedene Gründe für den Ansturm auf die Realschulen: „Wir hatten letztes Jahr in ganz Stuttgart 350 Schüler, die vom Gymnasium zurück auf die Realschule mussten. Das entspricht in etwa unserer Gesamtschülerzahl an der Realschule Feuerbach.“ Er treffe sich zwei Mal pro Jahr mit den Schulleiter-Kollegen aus den Real- und Gemeinschaftsschulen sowie den Gymnasien, um eine geeignete Beschulung der „Wechsler“ zu gewährleisten.

Schulleiter fordern bestehende Schulen zu stärken

Statt neue Schulverbünde einzuführen, wäre es sinnvoller, dass „man die existierenden Schulen stärkt – durch Mittel, durch Räumlichkeiten und durch die Unterstützung bei der Konzeption“, so Rust. Dann zückt er einen Ordner, in dem er alle Bemühungen seiner Schule seit 2009 dokumentiert hat: „Damals ging es um die Fortschreibung der Schulentwicklungsplanung. Für uns wurde eine Dreizügigkeit ab 2012/2013 prognostiziert.“ Die Schulgemeinde habe den Finger gehoben und gesagt: „In Ordnung, das sehen wir auch so. Also lasst es uns richtig machen, zusammen mit der Grundschule auf unserem Gelände.“ Doch das angestrebte Raumprogramm mit Mensa, Anbau und offener Ganztagsschule sei trotz Beschlusses der Gesamtlehrerkonferenz und bewilligter Planungsmittel nie umgesetzt worden. Rust zuckt die Schultern und meint etwas resigniert: „Wir hätten baulich wie schulkonzeptionell auf unserem Gelände alles bis 2015 realisieren können, genau zu dem Zeitpunkt, zu dem man es gebraucht hätte.“

Stattdessen bemüht sich die Stadtverwaltung nun um die Einrichtung von Schulverbünden: Im Gespräch sind neben dem Standort Feuerbach auch der Stuttgarter Osten und Vaihingen. Die Schulverwaltung erhofft sich dadurch „flexibler auf die weiteren Veränderungen im Sekundarbereich“ reagieren zu können. In erster Linie gehe es darum, Räume zu generieren, kontert Mandl.

Ein pädagogisches Konzept gibt es bisher nicht

Einen konkreten Plan gibt es bisher nicht: „Wir sind noch weit weg von einem Konzept. Bisher wurden lediglich erste Sondierungsgespräche geführt“, sagt Thomas Schenk, Leiter des Schulamtes. Wie die pädagogische Zusammenarbeit beider Schularten ausgestaltet werden soll, ist völlig offen. Fest steht lediglich: Es soll eine gemeinsame Schulleitung und zwei Konrektorate für die jeweiligen Teilschulen geben. Und beide Schularten sollen im Verbund erhalten bleiben.

Die Schulverwaltung hat bereits im vergangenen Jahr mit beiden Schulleitern und Vertretern vom Schulamt Gespräche zu dem Thema geführt. Nach weiteren Gesprächen mit den Schulleitungen seitens der Schulverwaltung soll als nächstes dem Gemeinderat ein Handlungsvorschlag gemacht und eine schriftliche Vorlage erarbeitet werden. „Eine konkrete Zeitschiene ist bislang noch offen“, schreibt das Referat Jugend und Bildung.

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