Auf dem Gelände der Steinenbergschule war lange ein neues Gymnasium geplant. Nun wird es wahrscheinlich doch nicht gebaut. Foto: dpa/Archiv

Jahrelang ist die Stadt davon ausgegangen, dass ein zweites Gymnasium in den Oberen Neckarvororten gebraucht werde. Jetzt kommt die Kehrtwende. Das sind die Gründe.

Seit vielen Jahren gibt es die Idee, neben dem Wirtemberg-Gymnasium in Untertürkheim eine zweite weiterführende Schule mit gymnasialer Oberstufe in den Oberen Neckarvororten zu gründen. Und zwar auf dem Grundstück der Steinenbergschule, der zweizügigen Grundschule in Hedelfingen. Ein gemeinsamer Campus war angedacht.

 

Bereits in der 2010 vorgestellten Schulentwicklungsplanung hieß es, dass in den Oberen Neckarvororten Plätze am Gymnasium fehlen. Noch vor zwei Jahren ging die Stadtverwaltung davon aus, dass diese Lücke noch größer werden könnte, insbesondere aufgrund von Aufsiedlungen. „Es ist absehbar, dass das bestehende Gymnasialangebot nicht ausreichend sein wird. Dementsprechend muss es ausgebaut werden“, schrieb die Pressestelle im Februar 2024 in einer Stellungnahme.

Kurze Zeit später gab das Hochbauamt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Diese sollte den Sanierungsbedarf der Gebäude, Entwicklungsperspektiven für die Grundschule und Realisierungsmöglichkeiten für ein dreizügiges Gymnasium darlegen. Der Gemeinderat hatte dafür 250.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Anmeldezahlen an den Gymnasien sind eingebrochen

Doch inzwischen hat sich die Sachlage geändert. Die Anmeldezahlen an den Gymnasien in den Oberen Neckarvororten sind im vergangenen Jahr eingebrochen. Von 184 für das Schuljahr 2024/2025 auf 133 für das Schuljahr 2025/2026. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Wegen des demografischen Wandels gibt es in Stuttgart weniger Kinder.
  • Die geplanten Aufsiedlungen in den Oberen Neckarorten verzögern sich.
  • Die Zahl zugewanderter Familien sinkt.

Hinzu kommt, dass mit der Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung zum Schuljahr 2025/2026 die Übertrittsquote auf das Gymnasium deutlich gesunken ist. In ganz Stuttgart gab es sechs fünfte Klassen weniger. In den Oberen Neckarvororten sank die Quote von durchschnittlich 53 Prozent in den vergangenen fünf Jahren auf 41 Prozent. Das führt dazu, dass es an einzelnen Gymnasien im Norden Stuttgarts wieder freie Kapazitäten gibt. Gleichzeitig soll das Wirtemberg-Gymnasium einen Neubau erhalten.

Das Schulverwaltungsamt sieht keinen Bedarf mehr für ein neues Gymnasium am Steinenberg. Das Amt rechnet für die Oberen Neckarvororte mittelfristig mit 120 bis 130 Kindern, die pro Jahr auf ein Gymnasium wechseln wollen. Das wären lediglich vier bis fünf Klassen. Die Stadt geht davon aus, dass das Regierungspräsidium ein neues Gymnasium am Steinenberg unter diesen Umständen nicht mehr genehmigen würde. Zudem wäre ein Neubau, der gemäß Machbarkeitsstudie 170 bis 190 Millionen Euro kosten würde, angesichts der aktuellen Haushaltslage nicht finanzierbar.

So soll es für die Grundschule weitergehen

Für die Steinenbergschule sehen die Pläne eine umfassende Sanierung des Hauptgebäudes vor. Konkreter werden sollen diese im zweiten Quartal 2026. Die Investitionskosten werden auf etwa 70 Millionen Euro geschätzt. Ein in der Machbarkeitsstudie geprüfter Neubau für die Grundschule wird nicht weiter verfolgt, weil wirtschaftliche und energetische Gründe dagegen sprechen.

Diese Neuerungen stellte die Verwaltung am Dienstag im Schulbeirat vor. Die Mitglieder des Gremiums konnten der Argumentation folgen. „Der Bedarf ist nicht mehr da. Für ein neues Gymnasium würden wir voraussichtlich keine Genehmigung bekommen. Selbst wenn wir das Geld hätten, um es zu bauen“, sagte beispielsweise Fabian Reger (Grüne) und ergänzte: „Es ist ein Gebot der Stunde, dass wir dort bauen, wo der Bedarf am dringendsten ist.“

Manfred Birk sah das genauso. Die von der Stadt dargestellten Zahlen zu den Anmelderückgängen an den Gymnasien entsprächen auch seinen Auswertungen. „Wir sollten lieber die vorhandenen Standorte gut nutzen, statt neue Leuchtturmprojekte zu bauen“, sagte der geschäftsführende Schulleiter der Gymnasien in Stuttgart.

Auch Manfred Birk, geschäftsführender Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien, sieht keinen Bedarf für ein weiteres Gymnasium. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Mehrere Stadträte wiesen daraufhin, dass diese Entwicklung bitter sei für die vielen Bürgerinnen und Bürger, die sich in der Vergangenheit für ein neues Gymnasium am Steinenberg eingesetzt hätten. Gemeint war damit vor allem der Förderverein Schulcampus Hedelfingen. Dessen Sprecher Paul Wurm erklärt gegenüber unserer Zeitung: „Es ist verfrüht, den Standort endgültig aufzugeben.“ Die langfristige Entwicklung der Schülerzahlen sei nicht eindeutig geklärt. Zudem fordere der Verein Transparenz, also konkret die komplette Offenlegung der Machbarkeitsstudie.

„Wir sind verwundert, mit welcher Geschwindigkeit die Stadt hier einen Kurswechsel vollziehen möchte“, sagt Wurm, ergänzt aber auch: „Selbstverständlich werden wir am Ende das Votum des Gemeinderats akzeptieren und uns auch danach noch für eine gute schulische Entwicklung am Steinenberg einsetzen.“

Das Thema wird am 24. Februar in den Bezirksbeiräten in Untertürkheim und Hedelfingen aufgerufen. Die Entscheidung fällt am 11. März im Verwaltungsausschuss.