In Stuttgart gibt es an fast allen allgemeinbildenden Schulen Schulsozialarbeit. Die Landeshauptstadt ist damit Vorreiter – doch das könnte nun teuer für sie werden.
Ob Mobbing, schlechte Noten in der Schule oder Stress mit den Eltern – wenn Kinder und Jugendliche Probleme haben und nicht mehr weiterwissen, ist oft die Schulsozialarbeit für sie die Rettung in der Not. Die Fachkräfte sind Ansprechpartner und hören zu, sie vermitteln zwischen den jungen Menschen, den Lehrkräften und dem Elternhaus und verweisen im Bedarfsfall auf weitere Hilfsangebote.
Stuttgart hat sich zum Ziel gesetzt, Schulsozialarbeit flächendeckend an allen öffentlichen allgemeinbildenden Schulen anzubieten. Und dieses Ziel ist fast erreicht, das zeigt der Sachstandsbericht zu diesem Thema, den die Stadtverwaltung nun vorgestellt hat. Aktuell gibt es 99 Vollzeitstellen an 125 Schulen. Diese teilen sich wie folgt auf:
- Auf die sechs Grund- und Werkrealschulen sowie die Werkrealschule Bismarckschule entfallen 10,5 Stellen. Das entspricht einem Personalvolumen von durchschnittlich 1,75 Stellen pro Schule.
- An den 15 Realschulen gibt es 16 sozialpädagogische Fachkräfte, also ein durchschnittliches Personalvolumen von 1,1 Stellen pro Schule.
- An den 25 Gymnasien sind es 16,25 sozialpädagogische Fachkräfte, was einem durchschnittlichen Personalvolumen von 0,6 Stellen pro Schule entspricht.
- An den 15 Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) sind es 9,25 sozialpädagogische Fachkräfte, ein durchschnittliches Personalvolumen von 0,6 Stellen pro Schule. An der Fritz-Nuss-Schule für Kranke gibt es wegen des vergleichsweise kurzen Aufenthalts der Kinder allerdings keine Schulsozialarbeit.
- An den acht Gemeinschaftsschulen sind es elf sozialpädagogische Fachkräfte. Dies entspricht einem durchschnittlichen Personalvolumen von 1,4 Stellen pro Schule.
- An 56 von 59 reinen Grundschulen sind 36,25 sozialpädagogische Fachkräfte tätig. Das durchschnittliche Personalvolumen liegt damit bei 0,7 Stellen pro Schule. Keine Schulsozialarbeit gibt es an den Grundschulen Steinhaldenfeld und Mühlhausen sowie an der Neuwirtshausschule.
Damit gibt es in Stuttgart durchschnittlich 0,79 Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte pro Schulstandort. Im Vergleich dazu liegt der landesweite Durchschnitt bei 0,65 Stellen pro Standort. Doch ob die Stadt den Ausbau der Schulsozialarbeit fortsetzen kann, bleibt abzuwarten. Denn das Land plant eine Kürzung der Förderung. Seit 2012 fördert das Land die Schulsozialarbeit in den Kommunen Baden-Württembergs mit 16 700 Euro pro Vollzeitstelle und Schuljahr. Künftig sollen es für neue Stellen nur noch 10 020 Euro sein. Zudem sollen im Schnitt nur noch 0,6 Vollzeitstellen pro Schule überhaupt gefördert werden – unabhängig von der Größe und Art der Schule.
Was bedeuten die geplanten Kürzungen für Stuttgart?
Die SPD schlägt Alarm. Jasmin Meergans (SPD) brachte das Thema in der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses auf das Tableau. In einer Anfrage an die Stuttgarter Stadtverwaltung schreibt sie: „Diese Regelungen bestrafen faktisch jene Kommunen, die frühzeitig und konsequent in Schulsozialarbeit investiert haben.“ Die Landesregierung lagere Verantwortung auf die Kommunen aus. „Stuttgart als Stadt mit einem dichten Netz an Schulsozialarbeit wäre hiervon in besonderem Maße betroffen und finanziell benachteiligt“, so ihre Einschätzung. Meergans möchte von der Stadtverwaltung eine Stellungnahme, wie diese die Pläne des Landes und deren finanziellen Auswirkungen auf Stuttgart einschätzt.
Auch Katrin Steinhülb-Joos, schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, findet klare Worte: Die Verwaltungsvorschrift sei ein schwerer Fehler und offenbare eine Politik der Herzlosigkeit. „In unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation in der Schulsozialarbeit zu kürzen – nichts anderes bedeutet diese Vorschrift praktisch – zeigt, wie entrückt der ehemalige Lehrer Kretschmann mittlerweile von der Realität an unseren Schulen ist“, wird sie in einer Pressemitteilung zitiert.
Statt über Kürzungen müsse man über eine Erhöhung der Mittel reden. „Mittelfristig sollte das Land dafür Sorge tragen, dass jede Schule und jede Schulart mindestens über eine 100-Prozent-Stelle verfügt“, findet die ehemalige Schulleiterin Steinhülb-Joos.