Realschulen haben volle Klassen – wie an der Fritz-Leonhardt-Realschule (oben links), aber auch an der Robert-Koch-Realschule von Jochen Knapek (rechts). Foto: Oscar Eyb; dpa, Lg, Rettig

Die Stadt wickelt die Werkrealschule vorerst nicht ab. Stuttgarter Realschulen begrüßen das. Doch ihre fünften Klassen dürften aus zwei Gründen wohl wieder sehr voll werden.

Mit Spannung erwarten vor allem die Schulen der Sekundarstufe 1 die Anmeldezahlen für die Klasse 5. Melden Eltern ihre Kinder noch für die Werkrealschule an? Oder schreckt sie ab, dass die Stadt diese Schulform abwickeln wollte? Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) hatte den Plan kurz vor Beschlussfassung vor der Weihnachtspause auf Eis gelegt.

 

Der geschäftsführende Schulleiter der Schulen der Sekundarstufe 1, Gerhard Menrad, kann sich vorstellen, dass Eltern den städtischen Kurswechsel gar nicht mitbekommen haben. Er geht davon aus, dass die Debatte um die Zukunft der Werkrealschulen sich auf die Anmeldezahlen auswirkt. Die Frage ist nur – wie?

Schulrätin: „Keine einfache Situation für alle Beteiligten“

Im Stuttgarter Schulamt erachtet man beides für möglich: dass die Werkrealschulen weniger Anmeldungen bekommen und die Zahl der Eingangsklassen weiter sinkt – aber auch, dass Schulen eine fünfte Klasse bilden können, denen dies in diesem Schuljahr nicht gelungen ist.

„Es ist ein schwebender Zustand“, sagt die zuständige Schulrätin, Katharina Rebmann. Das sei „keine einfache Situation für alle Beteiligten“. Man wollte einen „geregelten“ Prozess, nun laufe es ungeregelt. Generell gelte, dass eine Schule, die in einem Schuljahr nicht genügend Anmeldungen für eine fünfte Klasse hatte, noch ein weiteres Schuljahr Anmeldungen anbieten dürfe, aber bei zu niedrigen Zahlen danach nicht noch einmal. Im aktuellen Schuljahr 2025/26 konnten nur vier der sieben Werkrealschulen eine fünfte Klasse bilden.

218 Schüler mehr in den Eingangsklassen als im Vorjahr

Besonders voll sind im Gegenzug aktuell die Eingangsklassen der Stuttgarter Realschulen. 1038 Kinder starteten im September in Klasse 5 – gegenüber 820 im Vorjahr. Zwei Faktoren hatten sich ausgewirkt, die weiterhin eine Rolle spielen dürften:

  • dass die Werkrealschulen ab diesem Schuljahr nur noch zum Hauptschulabschluss führen und
  • dass die Grundschulempfehlung verbindlicher geworden ist

Viele Realschulen mussten eine zusätzliche Klasse einrichten, so zum Beispiel die Linden-Realschule in Untertürkheim und die Robert-Koch-Realschule in Vaihingen. Und dass die Realschulen auch im nächsten Schuljahr wieder sehr voll werden dürften, darauf deutet bereits vieles hin. Schulen berichten von hohem Interesse bei den Tagen der offenen Tür. Die Fritz-Leonhardt-Realschule in Degerloch zum Beispiel hatte „weit mehr Publikumsverkehr“ als in den vergangenen Jahren. Sie seien aktuell „vollbesetzt in allen Klassenstufen“ und erhielten „wie immer kaum zu bewerkstelligend viele Anfragen von Seiteneinsteigern“, so die Schulleiterin Bettina Hofmann.

„Wir sind voll gestartet“, heißt es auch aus der Robert-Koch-Realschule. Sonst seien die Klassen erst in den höheren Stufen voll geworden, so Schulleiter Jochen Knapek. Er hofft, dass ab diesem Jahrgang weniger Schulwechsler von den Gymnasien kommen.

Am Vaihinger Campus ist man froh, dass der Status Quo bleibt

Kollegien wie seines, die in unmittelbarer Nähe zu Werkrealschulen liegen, hat die Entscheidung zu den Werkrealschulen in den vergangenen Wochen stark umgetrieben. „Für uns ist das eine positive Entscheidung“, so Jochen Knapek, an dem Schulstandort sei man froh, dass die Abwicklung (Stand jetzt) nicht kommt. Ein funktionierendes System wäre bei ihnen am Campus sonst „in Schieflage“ geraten. Dieser bilde die komplette Schullandschaft ab: mit dem Hegel-Gymnasium, der Robert-Koch-Realschule, der Pestalozzischule (Grund- und Werkrealschule) und der Verbundschule Rohr, einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum. Man sei in gutem Austausch mit der Pestalozzischule, berichtet der Realschulleiter, es gebe Schulwechsel in beide Richtungen, zudem sei die Pestalozzi immer stabil gewesen. Er erwartet das Wahlverhalten der Eltern „gespannt“.

Auf welcher Schule soll es weitergehen? Mit dieser Frage müssen sich viele Familien mit Kindern in der vierten Klasse jetzt beschäftigen. Foto: stock.adobe.com

Auch an der Untertürkheimer Linden-Realschule hat das Kollegium die drohende Abwicklung der Werkrealschule laut der Schulleiterin Sabine Albrecht „sehr bewegt“. Ihre Schule liegt in der Nähe der Werkrealschule Wangen. Die Schließung hätte bedeutet, dass sie mit mehr Schülerinnen und Schülern hätten rechnen müssen, für die das Lernen auf dem mittleren Niveau eine Herausforderung ist. Die Werkrealschule hat ihrer Ansicht nach ihre „Daseinsberechtigung“; Schülerinnen und Schüler erhielten dort die passende Förderung – auch wenn man Schüler, die auf dem grundlegenden Niveau lernen, natürlich auch auf der eigenen Schule habe.

Räumlich an der Kapazitätsgrenze

Doch für die Untertürkheimer Realschule sind wachsende Schülerzahlen auch aus einem anderen Grund ein Problem. Sie seien räumlich an der Kapazitätsgrenze, müssten auch auf den Flur als Lernort zurückgreifen; ein Containerbau, in dem sie seit 20 Jahren unterrichteten, sei „völlig marode“, erklärt Sabine Albrecht; Geld für den Umbau fiel dem Sparhaushalt zum Opfer. Aber das Schulverwaltungsamt sei zum Glück „bemüht“, eine Lösung zu finden. Sabine Albrecht rechnet dennoch auch im neuen Schuljahr wieder mit vier Eingangsklassen für die eigentlich dreizügige Schule.

Im Schulamt betont man, dass schon bisher Kinder mit einer Hauptschulempfehlung auf Realschulen lernten. „Realschulen haben schon lange dieses heterogene Klientel“, dieses sei zudem auch heterogener als das der Werkrealschule, so Schulrätin Rebmann. Die Realschulen könnten mit der deshalb nötigen Differenzierung umgehen, betont sie. Rebmann weist zudem Eltern als Alternative bewusst auf die dritte Schulart hin: die Gemeinschaftsschule, auf der auf drei Niveaus gelernt wird, auch von Fach zu Fach unterschiedlich. Diese Schulart „müsste viel attraktiver sein, als sie bisher angenommen wird“.