Zwar gilt wieder Präsenzunterricht, doch seit Eintreten der Alarmstufe ist das nur noch mit Masken am Platz möglich – wie bereits im April an der Gottlieb-Daimler-Schule. Foto: /Stefanie Schlecht

Seit über anderthalb Jahren erleben Böblingens Schülerinnen und Schüler keinen normalen Schulalltag mehr. Doch wie sehr nimmt die Kinder die Pandemie mit – und wo können sie Hilfe suchen?

Böblingen - Mehr als anderthalb Jahre lang war für die meisten Schülerinnen und Schüler der digitale Unterricht normaler als der Unterricht im Klassenraum. Schule im eigenen Kinderzimmer und häufig fiel der Vereinssport weg, dann allmählich der Rückgang zur Normalität – aber eben auch nur fast. Die Pandemie schwirrt nach wie vor in den Köpfen der Kinder, ihre Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Eltern und Großeltern ist allgegenwärtig. „Wir haben zu Beginn dieses Schuljahres schnell gemerkt: Es gibt Probleme“, sagt Andrea Honer, Schulleiterin der Albert-Schweitzer-Realschule (ASR) in Böblingen. Es sei bei den Lehrkräften der Eindruck entstanden, die Kinder wüssten „nicht mehr, wie man sich benimmt“.

 

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Auffällig laut sei es anfangs nach der Rückkehr in den Präsenz-Unterricht in der Schule gewesen, erinnert sich Honer und ergänzt: „Manche Schüler mussten Frustrationstoleranz und soziale Kompetenz wieder erlernen, und es war schwierig für sie, wieder in der Schule anzukommen.“ Beleidigungen und sogar auch mal „Prügeleien“ hätte es gegeben: „Kurz dachten wir, das ist jetzt alles schlimm nach dem Lockdown und dem Homeschooling“, erzählt die Schulleiterin, „aber das Ganze hat sich wieder relativiert.“

Kinder mit sozialen Phobien sind eher selten

Doch es gebe definitiv Kinder, die besonders unter Corona gelitten hätten. „Bei Kindern, wo es vor Corona schon schwierig war, war es dann noch mal ein bisschen schwieriger“, sagt Andrea Honer. Und je länger ein Problem, das ein Schulkind hat, nicht richtig „bearbeitet“ werde, desto schwieriger werde es, das Problem in den Griff zu kriegen. Erschwert werde dies noch durch „Engpässe“ in den Schulsozialämtern, aber vor allem auch bei Psychologen. „Mehr Personal wäre da hilfreich, vor allem im medizinischen Bereich“, wünscht sich Honer. Immerhin: Die Zahl der Kinder, die nach der Zeit des Homeschooling nicht mehr in die Schule kämen – zum Beispiel wegen Schulangst oder sozialer Phobien – sei sehr gering.

Vereinzelt gibt es Schulverweigerer – auch im Fernunterricht

Eine Beobachtung, die auch Hans Oberhollenzer, Schulleiter des Lise-Meitner-Gymnasiums (LMG) in Böblingen teilt: Zwar gebe es vereinzelt Kinder, die dem Unterricht unentschuldigt fernblieben, man habe „Schulabsentismus“ aber auch im Fernunterricht verzeichnen können. Digital sei es bei manchen Schulkindern schwierig gewesen, sie zu erreichen, „und dann waren sie im Präsenzunterricht plötzlich wieder regelmäßig da.“ Wenn Kinder der Schule fernbleiben, müsse man jedoch auch prüfen, ob ein Kind fehlt, „weil eine starke Verhaftung im häuslichen Bereich besteht“, erklärt Oberhollenzer, oder ob tatsächlich eine Abneigung gegen die Schule bestehe. Zum Beispiel aufgrund von Mobbing, Leistungsdruck oder schlechter Noten. In beiden Fällen sei es sowohl für die Lehrkräfte als auch die Eltern wichtig „nicht wegzusehen“, in Kontakt mit dem Kind zu bleiben und gegebenenfalls Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, rät der Schulrektor. Außerschulische Institutionen wie Beratungsstellen oder Jugendämter könnten helfen – aber in erster Linie die Schulsozialarbeit, die in Böblingen „sehr stark“ sei.

Die Erkrankung nimmt vor allem jüngere Kinder sehr mit

Schulsozialarbeiter Daniel Pfläging, der für die Paul-Lechler-Schule in Böblingen zuständig ist, bekommt die Probleme der Kinder ganz nah mit: „Die Kinder werden medial ständig mit Corona konfrontiert, teilweise ist das traumatisch für sie“, sagt Pfläging. Und während ältere Schüler, die an Corona erkrankt gewesen seien, das „eher abgenickt“ hätten, habe das Virus die Jüngeren teils weitaus „mehr mitgenommen“. Auch weil für sie die ständige Angst da sei, die Großeltern vielleicht anzustecken.

„Einzelgespräche sind das A und O“

Auch Kinder, die um ihre eigene Gesundheit besorgt sind, erlebe Pfläging: „Das sind aber eher Einzelfälle. Zum Beispiel Schüler, die schon vor Corona gesundheitlich belastet waren und für die sich durch die Pandemie eine Drohkulisse aufgebaut hat“, berichtet er. Die Kinder würden häufig fragen, wie es mit Corona weitergehe und ob das Virus wieder verschwände.

Ob Schulangst, soziale Phobien oder die allgegenwärtige Verunsicherung wegen der Pandemie: In solchen Fällen seien Einzelgespräche „das A und O“, um herauszufinden, was bei den Kindern los sei, erklärt Pfläging. Eltern dagegen rät er: „Für die Kinder da sein, Empathie zeigen und auch mal aus den klassischen Mustern ausbrechen.“ Und das wortwörtlich. „Mein Geheimrezept Nummer eins: Geh mal mit deinen Eltern spazieren“, sagt Pfläging. „Da bewegt sich gleichzeitig auch ganz viel im Kopf.“

Jugendhilfe an Schulen

Seit 1993 ist die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Böblingen-Tübingen gGmbH als Träger an verschiedenen Grundschulen und weiterführenden Schulen im Landkreis Böblingen im Bereich der Schulsozialarbeit tätig.

Teamwork An 15 Schulen insgesamt in Böblingen bietet die AWO Schulsozialarbeit an. Das Konzept: Sozialpädagogische Fachkräfte arbeiten in Kooperation mit den Lehrkräften. Mehr Infos und die Ansprechpartner gibt’s im Internet unter https://www.awo-bb-tue.de/index.php/400-unsere-aufgaben/410-kinder-und-jugendarbeit/414-schulsozialarbeit.

Jugendhilfe Waldhaus In den Kommunen der Schönbuchlichtung sind überwiegend Sozialarbeiter der Jugendhilfe Waldhaus am Start – mehr Infos auf https://www.waldhaus-jugendhilfe.de/my-product/schulsozialarbeit/

Schulverweigerung Diesem Thema im Kreis Böblingen widmet sich TRIAS, ein Projekt der Stiftung Jugendhilfe aktiv. Mehr Informationen gibt’s online unter https://jugendhilfe-aktiv.de/regionen/regionalbereich-boeblingen/projekte/trias.htm.