Baden-Württembergs Landesregierung will die Unterrichtsqualität an den Schulen mit freiwilligen und fachfremden Helfern aufpeppen. Das findet nicht nur Beifall.
Um die Personalausstattung der Schulen im Land zu verbessern, hat das Kabinett am Dienstag beschlossen, die Zahl der Pädagogische Assistenten ab dem zweiten Schulhalbjahr zu verdoppeln und im nächsten Schuljahr 250 Plätze für ein Freiwilliges Pädagogisches Jahr an den Schulen im Südwesten zu schaffen. Das teilten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) an diesem Dienstag in Stuttgart mit.
Junge Menschen sollen die Lehrer im Land künftig verstärkt im Klassenzimmer entlasten, sodass sie sich stärker um den eigentlichen Unterricht kümmern können. Mit der Maßnahme soll eine individuellere Betreuung ermöglicht und auch für den Lehrerberuf geworben werden, betonte Schopper. „Die sollen jetzt nicht irgendwie am Schulhof dann die Ecken ausfegen und hausmeistern“, so die Ministerin. Sie sprach von einem enormen Handlungsbedarf. Wie vielfach berichtet ist die Lehrerversorgung in diesem Schuljahr bundesweit so angespannt wie selten zuvor. Auch in Baden-Württemberg fehlen Lehrkräfte.
Hilfe bei individueller Förderung
Schopper betonte, dass Pädagogik und Unterricht weiterhin in den Händen der Lehrkräfte liegen soll. Die freiwilligen Helfer sollten aber Unterstützung im Unterricht leisten und bei der individuellen Förderung der Schüler und der Förderung in Kleingruppen helfen. Als tieferen Grund für den Einsatz von Nicht-Lehrkräften an den Schulen nannte Ministerpräsident Kretschmann die rasanten Veränderungen von Kindheit und Jugend. Sei es früher selbstverständlich gewesen, dass Kinder beim Schulstart einen Stift halten, rückwärts gehen oder in der Gruppe aufmerksam und ruhig zuhören können, sei das heute nicht mehr der Fall. Deshalb habe er seine frühere Skepsis gegenüber fachfremdem Personal für die Schulen überwunden. „Es genügt heute nicht, gute Lehrer zu haben. Es braucht zusätzliches Personal.“
Allerdings wird die Maßnahme bei weitem nicht an allen 4500 Schulen im Land spürbar werden. Bisher gibt es 267 Stellen für Pädagogische Assistenten, diese Zahl wird ab Februar verdoppelt. Im nächsten Schuljahr sind also insgesamt 750 Freiwillige oder Pädagogische Assistenten im Land im Einsatz. Im Schnitt entfällt also ein Helfer auf jede sechste Schule. Verstärkt sollen sie nach den Worten von Theresa Schopper an Schulen in sozialen Brennpunkten und Schulen mit sonderpädagogischem Profil eingesetzt werden. Finanziert wird die Maßnahme aus Corona-Lernmitteln. Die Kosten werden auf 14,9 Millionen Euro für 2023 und 16,2 Millionen Euro für 2024 beziffert.
„Wir brauchen jede helfende Hand“
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nannte jede zusätzliche Person, die im Klassenzimmer Lehrer unterstützt, wertvoll. Sie kritisierte die Landesregierung aber, weil sie zu wenig Studienplätze geschaffen habe. Der VBE begrüßte die Pläne. „Wir brauchen in den Schulen jede helfende Hand“, betont der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand. Er hofft vor allem auf einen Werbeeffekt für den Lehrerberuf und sieht die Freiwilligen als Unterstützung bei außerunterrichtlichen Tätigkeiten etwa als Aufsicht im Schwimmunterricht oder als Begleitperson bei Klassenfahrten und bei der Vorbereitung von Unterrichtsmaterial. „Selbstverständlich, und das steht außer Frage, dürfen diese jungen und nicht ausgebildeten Menschen aber keinerlei unterrichtliche Tätigkeiten ausführen“, betont er.
Der Chef des Philologenverbands Ralf Scholl stuft es als offene Frage ein, ob die Freiwilligen zu einer Entlastung oder zu einer Belastung der Lehrkräfte im Schulalltag werden. „Mit dem Stopfen von Lücken ist es nicht getan, denn der vergangene Abbau von Lehrerstellen und die bis heute viel zu geringen Ausbildungskapazitäten schlagen immer heftiger durch“, kritisierte der SPD-Politiker Stefan Fulst-Blei.