Das Problem Lehrermangel ist groß im Landkreis, doch genau beziffern lässt es sich nach Angaben des Schulamts nicht. Foto: Giacinto_Carlucci

Im Kreis Göppingen gibt es auch im neuen Schuljahr Lehrermangel. Warum das Staatliche Schulamt keine Auskunft über die Zahl fehlender Lehrer vor Ort geben kann: Im Ministerium wird anders gerechnet als an den Schulen.

Für den Leiter des Staatlichen Schulamts Göppingen, Jörg Hofrichter, ist es keine Frage: „Das Thema fehlender Bewerberinnen und Bewerber für die vielen freien Lehrerstellen beschäftigt selbstverständlich alle und schlägt sich auch in der öffentlichen Berichterstattung in den Medien nieder.“ Diese teilweise dramatischen Situationen würden unter dem Begriff Lehrermangel „zunehmend und häufig diskutiert“. Hierzu teilten das Kultusministerium und das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart immer wieder Zahlen mit, wie viele Lehrkräfte im Land fehlen. Doch wie viele Lehrer fehlen im Kreis Göppingen?

 

Hofrichter berichtet, dass seine Behörde immer wieder gefragt werde, wie viele Lehrkräfte in dieser konkreten Kommune oder an jener konkreten Schule fehlten. Doch er kann darauf keine konkrete Antwort geben. „Wir haben diese Zahl aber nicht und können diese auch gar nicht generieren.“ Wenn das Ministerium oder das RP Zahlen nennen, würden sie – vereinfacht gesagt – sogenannte Deputate zusammenrechnen. Ein Deputat ist ein voller Lehrauftrag, „der im Staatshaushaltsplan aufgeführt, also mit Geld hinterlegt ist“. Hofrichter erklärt: „Im Saldo kann dort statistisch mitgeteilt werden, wie viele Deputate nicht als Gehalt ausbezahlt werden, aber eigentlich mit Lehrkräften besetzt sein sollten.“

Die Bildung größerer Klassen ist eine Möglichkeit

Doch vor Ort wird anders gerechnet: „Im Staatlichen Schulamt arbeiten wir aber nicht mit stichtagsbezogenen Statistiken, sondern tagesscharf fortlaufend im Prozess, indem wir zum Beispiel bei Ausfall einer Lehrkraft wegen Schwangerschaft oder Elternzeit sofort Maßnahmen ergreifen und Ersatz suchen. Außerdem arbeiten wir nicht mit Deputaten, sondern mit, Köpfen‘, also echten Menschen“, erläutert der Amtsleiter. Auf einem Deputat könnten bis zu vier Teilzeitbeschäftigte oder eben nur eine Vollzeitlehrkraft arbeiten.

Beispielsweise könne unter Umständen eine erkrankte Lehrkraft in der Statistik als vorhandene Lehrkraft zählen. „Für uns ist sie aber ein Ausfall“, so der Amtsleiter. Und: „Umgekehrt fehlt noch lange keine Lehrkraft, wenn eine Teilzeitlehrkraft mit sieben Stunden zu ersetzen ist. Diese versuchen wir dann mit befristeten Verträgen vor Ort zu ersetzen oder bedienen uns der teilweise noch vorhandenen Ausfallreserve oder bitten eine Teilzeitkollegin aus dem gleichen Kollegium, ihr Deputat zeitweilig aufzustocken.“

In „dramatischen Ausfallszenarien“ – etwa, wenn mehrere Lehrkräfte in einem Kollegium ausfallen – ordne das Amt Pädagogen von anderen Schulen ab, lege Gruppen zusammen, beispielsweise im Sportunterricht, oder kürze die Stundenpläne in bestimmten Bereichen. Und es gibt noch eine Möglichkeit: „Auch die Bildung von größeren Klassen – eine Klasse mit 29 Schülern statt zwei Klassen mit 15 und 14 Schülern – führt sofort dazu, dass dort keine Lehrkraft fehlt“, sagt Hofrichter. Schließlich bleibe noch die Anwerbung von Pensionären und Quereinsteigern, um Lücken zu schließen.

Maßnahmen gegen Ausfälle schon zum Start ins Schuljahr

Hofrichters Fazit: „Wir haben also keine Statistik, wie viele Lehrkräfte fehlen an genau dieser Schule, sondern wir bemühen uns, jeden Ausfall sofort zu ersetzen oder durch die genannten Maßnahmen aufzufangen.“ Doch es gibt jetzt einen Unterschied zu früher: „Allerdings haben wir die Maßnahmen in früheren Jahren immer erst spät ergreifen müssen. Mittlerweile starten wir an fast allen Schulen bereits mit diesen Maßnahmen in das Schuljahr, sodass jeder weitere Bedarf oder Ausfall dann kaum mehr aufgefangen werden kann.“

Und das hat Folgen: „Letzte Möglichkeit bleibt dann nur noch die Kürzung der Stundentafel in bestimmten Bereichen oder Fächern und der planmäßige Unterrichtsausfall.“

Lob für die Arbeit in den Schulen

Belastung
 Amtsleiter Jörg Hofrichter lobt die Lehrkräfte in den Schulen: „Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten an den Schulen seit Jahren unter hohem Druck, mit Mehrarbeit sowie an ihrer Belastungsgrenze, um neue Aufgaben und Personalmangel zu bewältigen.“

Einsatzbereitschaft
Insgesamt sei angesichts dieser Situation „ausdrücklich festzustellen, dass die Schulleitungen und Lehrkräfte im Schulamtsbezirk trotz der dramatischen Belastungen zur Sicherstellung bestmöglicher Bildungsangebote mit enormer Einsatzbereitschaft und hohem Engagement in den vergangenen Monaten an ihren Konzepten und veränderten Stundenplänen gearbeitet haben und alles dafür tun, dass die Schülerinnen und Schüler gut in das Schuljahr 2022/2023 starten können“, bekräftigt Hofrichter.