Auch wenn sich die Lehrerversorgung im Kreis Esslingen entspannt hat, gibt es keine Entwarnung.
Auch die längsten Ferien des Jahres sind irgendwann vorbei. Seit dieser Woche ist wieder Unterricht. Aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) startete das neue Schuljahr im Kreis Esslingen mit den altbekannten Problemen.
„Wieder fehlen Lehrkräfte“, sagt die GEW-Kreisvorsitzende Mira Hartwig, zwar sei die Versorgung etwas besser als im Vorjahr, insgesamt reiche sie jedoch längst nicht aus. „Die Familien müssen sich weiterhin auf Kürzungen und auf ausfallenden Unterricht einstellen“, warnt Hartwig. Ihrer Einschätzung nach ist der Landkreis bei den Lehrkräften eher unbeliebt und liege deshalb bei der Lehrerversorgung am unteren Ende. Woran das liegt, weiß auch die Gewerkschaft nicht so genau. „Wir vermuten, dass es eventuell an den hohen Mieten und der geringen Chance liegt, dass sich Lehrkräfte später wieder anderweitig versetzen lassen können“, so Mira Hartwig. Die Gewerkschaft fordert deshalb mehr Anreize, um eine bessere regionale Verteilung zu schaffen.
Insgesamt sind seit Montag 115 neue Pädagoginnen und Pädagogen im Einsatz, darunter sind auch neun Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, wie das Staatliche Schulamt in Nürtingen mitteilt. Hinzu kommen 14 Lehrkräfte, die bislang einen befristeten Vertrag hatten und nun eine Festanstellung erhalten. „Ich bin froh, dass wir so viele neue Kolleginnen und Kollegen einstellen konnten. Allerdings wird auch in diesem Schuljahr die gesamte Krankheitsvertretungsreserve vom ersten Tag an im Einsatz sein“, sagt die Leitende Schulamtsdirektorin, Corina Schimitzek. Das bedeutet, dass es bei Ausfällen etwa durch Krankheit, Elternzeit oder Mutterschutz schnell zu Engpässen und zu Unterrichtsausfall kommen kann. „Die Grundversorgung hat sich deutlich verbessert, trotzdem kann es je nach Standort knapp werden“, räumt die Schulamtsleiterin ein.
Rückkehr zu G9: Gymnasiallehrer wechseln an andere Schularten
Der Kreis Esslingen profitiert auch von den landesweit 1440 Lehrerstellen, die auf wundersame Weise im Sommer plötzlich aufgetaucht waren. Nun sollen sie für Verstärkung sorgen. Laut Schimitzek haben sich im Kreis Esslingen sieben Gymnasiallehrkräfte bereit erklärt, vorübergehend an der Sekundarstufe 1, also an Hauptschulen, Werkrealschulen, Real- und Gemeinschaftsschulen, zu unterrichten. Sie haben die Option, später an ein Gymnasium zu wechseln. Dort gibt es derzeit unter anderem durch die schrittweise Rückkehr zu G9 weniger Stellenausschreibungen. Schimitzek hofft nun, dass sich noch mehr ausgebildete Gymnasiallehrer zu diesem Schritt durchringen. Die Bewerbungsfrist für diese Stellen läuft noch bis zum 31. Oktober. „Das ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten“, findet sie.
Gymnasien im Kreis Esslingen: Gut versorgt, aber wenig Reserve
An den Gymnasien im Kreis Esslingen konnte mithilfe dieser „Geisterstellen“ eine Lehrkraft für das Mangelfach Physik neu eingestellt werden. An den beruflichen Schulen gibt es aktuell zwei ausgeschriebene Stellen, die laut dem zuständigen Regierungspräsidium aber bislang noch nicht besetzt werden konnten. Insgesamt sei die Unterrichtsversorgung an diesen Schularten aber gesichert. Fallen Pädagoginnen und Pädagogen aus, kann es aber auch hier eng werden. „In solchen Fällen werden die Schulen auf interne Maßnahmen wie den Aufbau von Überstunden durch Bestandslehrkräfte oder Gruppenzusammenlegungen zurückgreifen“, so eine Behördensprecherin.
An den SBBZ im Kreis Esslingen bleibt die Versorgung prekär
Wie in den Vorjahren bleibt die Lehrerversorgung an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) schwierig. Mit einer Versorgungsquote von 92 Prozent steht der Landkreis Esslingen laut Schulamtsdirektorin Schimitzek aber noch besser da als andere Regionen im Land. Zudem wurden rund 100 Vertragslehrkräfte aus verwandten Berufen wie beispielsweise Ergotherapeuten oder Logopäden verpflichtet. „Das ist eine wertvolle Unterstützung“, sagt Schimitzek. Aus Sicht der Gewerkschaft reicht das jedoch nicht aus. „An den SBBZ fehlt ein Viertel der Lehrkräfte, um die Optimalversorgung zu erreichen“, kritisiert Mira Hartwig. An vielen Schulen könne nur teilweise Unterricht stattfinden.
Personalmangel an Schulen: Geisterlehrer sorgen auch für Frust
Dass Stellen jahrelang vakant waren und es keinem auffiel, ist für die GEW-Kreisvorsitzende Mira Hartwig auch ein Zeichen dafür, dass die hohe Belastung in den Schulen von der Politik nicht wirklich ernst genommen wird. „Es ist für die Lehrkräfte frustrierend, dass sie jahrelang an vielen Schularten jonglieren mussten, um den Pflichtunterricht einigermaßen sicherzustellen, während eigentlich Geld da gewesen wäre, um viele Stellen zu besetzen“, moniert Hartwig.
Stellenplan
Geisterlehrer
Mehr als 20 Jahre lang hat das Kultusministerium unwissentlich 1440 Lehrerstellen nicht besetzt, obwohl das Geld dafür im Haushalt eingeplant war. Der Grund sollen Programmierfehler im Personal- und Stellenprogramm der Kultusverwaltung im Jahr 2005 gewesen sein. Erst durch ein Update ist der Fehler im Juli dieses Jahres aufgefallen.
Von G8 zu G9
Der neunjährige Weg zum Abitur wird sukzessiv wieder zur Regel. Den Anfang machen jetzt die Klassenstufen fünf und sechs. Durch die verringerte Zahl an Unterrichtsstunden pro Woche entsteht vorübergehend ein verminderter Bedarf an Lehrkräften. Die 1440 aufgetauchten Stellen möchte das Kultusministerium nach eigenen Angaben auch nutzen, um Vorkehrungen für den zusätzlichen Bedarf zu treffen, der sprunghaft im Jahr 2032/2033 entsteht, wenn die Umstellung auf G9 abgeschlossen ist. Dafür werden in diesem Schuljahr 300 Stellen als Abordnungskontingent geschaffen.