Nicht um Haltungsnoten, sondern um Freude an der Bewegung geht es bei Schule turnt. Die ist auch der Kultusministerin Susanne Eisenmann (Bildmitte) anzusehen. Foto: Michael Steinert

Nicht mehr die Geräte, sondern der Körper und die attraktiven Bewegungsformen des Turnens sollen im Schulunterricht im Vordergrund stehen. Das Konzept haben die Kultusministerin Susanne Eisenmann und der Vorsitzende des Schwäbischen Turnerbundes, Wolfgang Drexler, jetzt vorgestellt.

Esslingen - Die Erkenntnis kommt rund 20 Jahre zu spät: „Wären die Kicker des VfB Stuttgart damals alle ins Kinderturnen gegangen, dann stünden sie jetzt nicht auf dem letzten Platz in der Fußballbundesliga“. Das sagt Wolfgang Drexler in seiner Funktion als Präsident des Schwäbischen Turnerbundes (STB) – und wahrscheinlich hat er sogar recht. Die Sportwissenschaft ist sich einig: Eine solide motorische Grundausbildung ist nicht nur eine gute Basis für sportliche Höhenflüge, sondern sie trägt auch durchs tägliche Leben.

Nur, das könnten auch die Kicker als Entschuldigung anführen, waren im klassischen, gerätedominierten Turnunterricht der Vergangenheit die Abstürze an der Tagesordnung und die Erfolgserlebnisse eher die Ausnahme. Diese scheinbare Zwangsläufigkeit umzukehren, ist das Anliegen des Projekts „Schule turnt“, das der Schwäbische Turnerbund jetzt gemeinsam mit dem baden-württembergischen Ministerium für Kulturs, Jugend und Sport ins Leben gerufen hat. Zusammen mit der Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat Wolfgang Drexler das von den beiden Partner entwickelte Paket an der Esslinger Zollberg-Realschule vorgestellt. „Schule turnt“ setzt sich aus fünf Modulen zusammen und kann von interessierten Schulen beim Schwäbischen Turnerbund geordert werden – inklusive der STB-Experten, die das mindestens vier Unterrichtseinheiten umfassende Paket zusammen mit den Lehrern und Schülermentoren der betreffenden Schule vor Ort umsetzten.

Neues Verständnis von Geräteturnen

„Der neue Ansatz weitet das Verständnis von Geräteturnen aus. Wir stellen den Körper und die attraktiven Bewegungsformen des Turnens in den Mittelpunkt, nicht mehr das Gerät selbst“, sagt Drexler, der eigenem Bekunden zufolge selbst noch unter einem Turnunterricht gelitten hat, bei dem er „wie ein nasser Sack“ am Reck hing. Ähnlich, nur mit anderen Worten („Do stoscht vorm Gerät wie a Dubbeler“) hat die Kultusministerin ihre Erfahrungen beschrieben, die spätestens mit „Schule turnt“ im Geräteschrank der Vergessenheit weggeschlossen werden dürften.

Ein Geräteparcours, der die Schülerinnen und Schüler – wahlweise in der Halle oder im Freien – dort abholt, wo sie stehen, ist das Herzstück des Projekts. „Hier bekommt jeder die Chance, aus seinen Fähigkeiten so viel wie möglich zu machen“, sagt die Kultusministerin. Das Sahnestück der Hallenvariante wiederum ist School in Motion, ein Gerätemehrkampf, den die Schüler in Teams und auf Zeit bewältigen müssen. „Da herrscht ja eine Stimmung, die man sonst nur von Ballsportarten kennt“, stellt die Ministerin fest, die früher in Ostfildern, beim damaligen OSC Ruit, selbst aktiv Handball gespielt hat.

Schulsport geht die glatte Wand hoch

Die Bewegungsformen im Freien orientieren sich an den Möglichkeiten, die das Mobiliar dort bietet. Da dient der Fahrradständer ebenso als Turngerät wie die Betonverkleidung des Pausenhofes. Andy Haug, professioneller Parcours-Sportler aus Stuttgart, zeigt, wie man, entsprechende Übung und Körperbeherrschung vorausgesetzt, die glatte Wand hochgeht.

Die Stimmung aus der Sporthalle auf dem Zollberg wollen die Turnfreunde mit nach Stuttgart nehmen. Die im kommenden Jahr dort stattfindenden Turn-Weltmeisterschaft ist die Initialzündung für die Sportoffensive an der Basis gewesen. Möglicherweise tut sich dann für die am Freitag in Esslingen geübten Überschläge eine noch größere Bühne auf. „Wir haben vor, im Rahmenprogramm der Weltmeisterschaft 5000 Kinder und Jugendlichen auf dem Schlossplatz Saltos drehen zu lassen“ sagt Drexler. Noch steht zwar die Genehmigung aus, doch zumindest die Kulturministerin des Landes hat keine Einwände, „natürlich nur unter der Voraussetzung, dass ich nicht mitmachen muss“, sagt sie.

Trotz der eigenen sportlichen Entsagung findet die Ministerin lobenden Worte für den geplanten Schulterschluss von Spitzen-und Breitensport. „Es genügt nicht, große Ereignisse an Land zu ziehen, sondern wir müssen sie auch nutzen, um die Kinder zu motivieren und ihnen Lust auf Bewegung zu machen“, sagt sie. Dass selbst eine klassische Individualsportart wie das Turnen in der Lage ist, den Teamgeist zu schulen, macht ein abschließender Hinweis auf dem Ablaufzettel des Demonstrationstags an der Zollbergrealschule deutlich. „14 Uhr: Lehrer und Schüler helfen gemeinsam beim Abbau der Geräte mit“, ist da vermerkt.

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