Auch der Ozean wird zur Schule des Lebens: Die Zügeldelfine nehmen sich beim Jagen sehr viel Zeit, um ihren Nachwuchs zu trainieren. Foto:  

Kleiner Trost für alle, die dem bevorstehenden Schulanfang nicht mit grenzenloser Begeisterung entgegen sehen: Ihr seid nicht allein! Anstrengende Lektionen, endlose Wiederholungen und nervenzehrende Geduldsproben für das Lehrpersonal – das alles gehört auch bei manchen Tieren zum Alltag.

Stuttgart - Noch vor Kurzem hätte die Vorstellung von einem tierischen Schulwesen eher Kopfschütteln ausgelöst. Es war zwar durchaus bekannt, dass Tiere von ihren Artgenossen lernen können, wie man an Futter kommt, Feinden aus dem Weg geht oder eine wohlklingende Melodie zwitschert. Aber Lehrer, die gezielt das Verhalten ihrer Schüler beeinflussen? Das schien doch eher eine menschliche Erfindung zu sein. Ein echter Lehrer müsse sich in andere hineinversetzen und deren Wissensstand einschätzen können – eine anspruchsvolle geistige Leistung.

„Selbst beim Menschen funktioniert das Unterrichten oft auch auf einfacheren Wegen“, meint Alex Thornton von der University of Cambridge. Wer einem Kind das Laufen beibringen will, muss die Welt ja nicht unbedingt aus dessen Perspektive sehen. Es genügt, den Nachwuchs-Läufer zu ermutigen, zu unterstützen und auf sein Verhalten zu reagieren. Und Studien zeigen: Zu dieser Form von pädagogischem Einsatz sind Tiere offenbar durchaus in der Lage.

So haben Alex Thornton und seine Kollegen jahrelang das Sozialverhalten von Erdmännchen in Südafrika beobachtet. Diese geselligen kleinen Raubtiere leben in Gruppen mit bis zu 40 Mitgliedern zusammen, die sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmern. Potentielle Lehrer gibt es also genug. Und die sind auch dringend nötig. Denn auf dem Speiseplan der Tiere stehen mitunter giftige Kleintiere. Einen gefährlichen Skorpion zum Beispiel muss man erst einmal zur Strecke bringen, ohne selbst dabei zu Schaden zu­kommen.

Also bringen die erwachsenen Profis ihren unerfahrenen Schülern erst einmal einen toten Skorpion zum Üben mit. Als nächstes setzen sie ihnen ein lebendes Exemplar vor, dem sie den Giftstachel ausgerissen haben. Dabei bleiben die Trainer immer an der Seite ihrer Schützlinge und beobachten, wie diese zurechtkommen. „Wenn nötig, fangen sie entkommene Beute auch wieder ein und verstümmeln sie zusätzlich“, berichtet Alex Thornton. Mit etwa 90 Tagen sind die jungen Erdmännchen schließlich reif für den Schulabschluss und können sich selbst versorgen.

Eine ganz ähnliche Form der Jagdausbildung steht zum Beispiel auch bei Hauskatzen, Tigern und Geparden auf dem Programm. Und auch der Ozean kann durchaus zum Klassenzimmer werden. Courtney Bender von der Florida Atlantic University und ihre Kollegen haben das bei weiblichen Zügeldelfinen beobachtet, die am Meeresboden vor den Bahamas nach Fischen stöberten. So richteten diese ihren Körper immer wieder deutlich auf ihr angepeiltes Opfer aus – möglicherweise, um die Aufmerksamkeit des Nachwuchses in die richtige Richtung zu lenken. Zudem dauerte jeder Fischzug deutlich länger als sonst: Die Mutter nahm sich Zeit, mit dem Opfer zu spielen, es zunächst scheinbar entkommen zu lassen und es dann demonstrativ wieder aus dem Sand zu buddeln. Oft durfte das Jungtier auch an der Jagd teilnehmen und bekam anschließend die Beute.

Doch selbst wer es nur auf leicht zu erlegende Beute abgesehen hat, kann von erfahrenen Lehrern profitieren. Das schließen Jessie Bunkley und Jesse Barber von der Boise State University in den USA aus einem Laborversuch mit Wüstenfledermäusen. Ein Weibchen wusste in diesem Fall bereits, wo die Forscher die schmackhaften Mehlwürmer versteckt hatten – und zögerte nicht, ein noch ahnungsloses Männchen ebenfalls dorthin zu lotsen. Ohne Lehrerin brauchten die anderen Fledermäuse für diese Lektion zwischen vier und zwölf Nächte.

Ameisen schließen sich zu Lern-Teams zusammen

Selbst bei Ameisen gibt es ähnliche Beispiele. So haben Nigel Franks und Tom Richardson von der University of Bristol eine Art namens Temnothorax albipennis beobachtet, bei der sich immer zwei Tiere zu einem Team zusammenschließen: Das eine kennt den Weg zu einer Futterquelle, das andere lässt sich hinführen. So bleibt die krabbelnde Schülerin immer wieder stehen, um sich Orientierungspunkte einzuprägen. Erst wenn sie ihre Führerin ein paar Mal mit den Fühlern angestupst hat, geht es weiter. Zwar verliert die führende Ameise kräftig Zeit. Dafür lernt das unwissende Insekt die Route viel rascher kennen und kann dann selbst andere Artgenossen unterweisen. So verbreitet sich die Information zeitsparend in der ganzen Kolonie.

Nicht bei jedem tierischen Lehrprogramm geht es nur ums Fressen. Bei jungen Javaner-Affen stehen die Grundprinzipien der Zahnpflege auf dem Stundenplan. In Thailand fädeln sich die Tiere menschliche Haare durch die Zahnzwischenräume und holen damit wie mit einem Stück Zahnseide Essensreste aus dem Gebiss. Damit die Jungtiere das lernen, scheint der Einsatz einer Lehrerin gefragt zu sein. Auf Videoaufnahmen zeigten Weibchen das Verhalten in einer übertrieben deutlichen Form, wenn ihr Nachwuchs zuschaute: Sie machten mehr Pausen, wiederholten die Bewegungen und brauchten für die Prozedur deutlich länger als wenn sie allein waren.

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