Wo geht es hin in Sachen Schulreform? Der Nebel lichtet sich. Foto: Imago/Eibner/Fleig

Die Stadt Stuttgart setzt in Zukunft nur noch auf die Schularten Realschule, Gemeinschaftsschule und Gymnasium in der Sekundarstufe I. Ein entsprechender Grundsatzbeschluss wird vorbereitet. Doch dabei soll es nicht bleiben. Was ist geplant?

Bei der Schulreform geht es bei weitem nicht nur um die Wiedereinführung von G9 an den Gymnasien. Auch für die Sekundarstufe Eins gibt es Neuerungen, die vor allem an den Stuttgarter Werkrealschulen, aber auch an vielen Realschulen offenbar für Verunsicherungen sorgen. Der zuständige geschäftsführende Schulleiter der Schulen der Sekundarstufe Eins, Gerhard Menrad, berichtete im jüngsten Schulbeirat, dass die Pläne des Landes bei Vertretern beider Schularten auf wenig Begeisterung stoßen würden, auch wenn er selbst das Reformvorhaben „eigentlich richtig“ finde. „Sie haben nicht verdient, so behandelt zu werden“, sagte er in Bezug auf die Werkrealschulen und würdigte ihre „gute Arbeit“. Die Leitungen der Realschulen wiederum würden nun „Schülerströme auf sich zukommen sehen, die nicht einfach sind“, gab Menrad entsprechende Befürchtungen wieder.

 

Hintergrund ist, dass die Werkrealschule in ihrer heutigen Form bald Geschichte ist. Das Land hat angekündigt, den Werkrealschulabschluss abzuschaffen. Das Schulgesetz wurde zwar noch nicht geändert, aber das Vorhaben bereits verkündet. Werkrealschulen können demnach zukünftig entweder zur Realschule oder Gemeinschaftsschule werden, mit solchen sich im Verbund zusammenschließen – oder künftig nur noch den Hauptschulabschluss anbieten.

Man werde sich jeden Standort einzeln anschauen, verspricht Fezer

Schulen, die nur zum Hauptschulabschluss führen, will man in Stuttgart aber nicht, das machte die Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) im Schulbeirat bereits klar, als sie erstmals zu den aktuellen Entwicklungen Stellung nahm und das weitere Vorgehen der Stadt Stuttgart in Bezug auf die Sekundarstufe Eins vorstellte. Dieses will sich die Verwaltung über einen Grundsatzbeschluss im Verwaltungsausschuss noch absichern. Die Stadt Stuttgart will in Zukunft das Schulangebot in der Sekundarstufe Eins nur noch auf die Schularten Realschule, Gemeinschaftsschule und Gymnasium fokussieren. Werkrealschulen wird es in der Landeshauptstadt also bald nicht mehr geben. Das bedeute einen „deutlichen Einschnitt in die Schullandschaft“, wie Fezer meinte. Sie weiß auch: „Das wird kein leichter Prozess.“ Wann er abgeschlossen sein soll? Das sei von den ausstehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen abhängig, so die Bürgermeisterin. Den Abschied von der Werkrealschule will die Stadt aber mit einer „Qualitätsoffensive“ für die Sek-1-Schulen verbinden, um deren Attraktivität zu erhöhen. So kündigte Fezer an, dass der Ganztag an weiterführenden Schulen weiterentwickelt werden solle, multiprofessionelle Teams sollen gestärkt werden.

Schulamtsleiter hofft, dass es diesmal keine Verwerfungen gibt

Man wolle die konkreten Bedarfe genau prüfen, kündigte die Bürgermeisterin an und dabei „jeden Standort einzeln“ betrachten. „Wir werden uns gemeinsam mit den Schulen Gedanken machen, welche Wege wir beschreiten“, versuchte Fezer, Ängste zu nehmen. Dabei gehe es immer darum: Was sei die beste Antwort für welchen Standort? Wo kann man eine Werkrealschule in eine Realschule integrieren, wo in eine Gemeinschaftsschule? Was durch die Reform ebenfalls möglich wird: In der Oberstufe könnten die Schulen zukünftig auch mit allgemeinbildenden Gymnasien oder beruflichen Gymnasien Verbünde eingehen. Ziel seien möglichst stabile Standorte, so Fezer.

Der Schulamtsleiter Thomas Schenk erinnerte an die Verwerfungen, die es rund um die Einführung der Gemeinschaftsschule gab. „Wir spüren das heute noch – das darf nicht mehr passieren“, mahnte er. Wegen der verbindlichen Grundschulempfehlung geht er anders als andere Beiratsmitglieder nicht davon aus, dass durch die Einführung von G 9 deutlich mehr Schülerinnen und Schüler auf den Gymnasien landen als bisher. Er rechnet damit, dass die Schülerzahlen auf den Sek-1-Schulen stabil bleiben.

Es mangele an gesellschaftlicher Akzeptanz für die Schulform Werkrealschule, meinte der geschäftsführende Schulleiter Menrad. Nur noch um die fünf Prozent der Schülerinnen und Schüler wechselten auf eine Werkrealschule. Es bestehe Lehrermangel in den Mangelfächern. Wenn kleine Schulen nicht mehr mit Fachlehrern versorgt werden könnten, leide die Qualität zusätzlich. Fusionen könnten entsprechend zu einer Stärkung von Standorten führen – und die Zahl der vorhandenen Lehrkräfte und der Bedarf der Schulen passten auch besser zusammen. „Es kann etwas besseres dabei herauskommen als das, was wir aktuell haben“, äußerte sich Menrad optimistisch.

Aber klar ist auch – es ist ein ganzer Strauß an Großthemen, um den sich die Verwaltung, der Gemeinderat und die Schulen nun kümmern müssen. „Es gab schon vieles, aber noch nie so viel auf einmal in so kurzer Zeit“, meinte der geschäftsführende Schulleiter der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), Michael Hirn. Denn auch an seiner Schulform gibt es eine Neuerung: der Ganztag soll in der Grundstufe für alle Förderschwerpunkte kommen. „Ich habe allergrößten Respekt für die Menschen, die das Programm umsetzen müssen“, so Hirn.

Gymnasien brauchen Räume, sonderpädagogische Schulen Personal

Gymnasium
Die Wiedereinführung von G9 führt bei den Stuttgarter Gymnasien zu einem großen Raumbedarf. Die Stadt Stuttgart rechnet mit 75 zusätzlichen Klassen ab dem Schuljahr 2032/33. Dann kommt der erste Jahrgang in die 13. Klasse.

Grundschule
An den Grundschulen sieht die Schulreform vor, dass Juniorklassen eingeführt werden, um die Sprachförderung zu verbessern. Diese ersetzen die bisherigen Grundschulförderklassen beginnend mit dem Schuljahr 2025/26. Sie werden der ersten Klasse vorgeschaltet.

SBBZ
Der Rechtsanspruch auf Ganztag soll ab dem Schuljahr 2026/27 auch für die Grundstufen der Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) gelten – für alle, nicht nur für die SBBZ mit dem Förderschwerpunkt Lernen wie bisher. Angesichts des bereits bestehenden Personalmangels wird auch diese Umsetzung schwierig. Bürgermeisterin Isabel Fezer kündigte im Schulbeirat zudem an, dass man auch die Inklusion verbessern und stärken wolle.