Um allen Schülern gerecht zu werden, braucht es besonders in inklusiven Klassen mehr als einen Lehrer. Auch der Rektor von Florians Schule hält Lehrertandems für den pädagogischen Königsweg. Foto: Foto: dpa

Schulbegleiter sollen körperlich, geistig oder seelisch behinderten Kindern im Unterricht assistieren. Bei einem Jungen im Ostalbkreis funktioniert das tadellos. Aber das ist bei weitem nicht immer so.

Ostalbkreis - Florian hat etwas, worum ihn seine Klassenkameraden beneiden: Er hat den Schlüssel. Den Schlüssel zum Aufzug. Der Achtjährige sitzt im Rollstuhl, aufgrund einer Cerebralparese sind alle vier Gliedmaße spastisch. Den Rolli kann er nur eine kurze Strecke selbst schieben. Den Händen des Zweitklässlers fehlt die Kraft. „Soll ich Florian mitnehmen?“ fragt Nico, ein Klassenkamerad. Andrea Wagner nickt und bedankt sich.

 

Normalerweise ist das ihre Aufgabe. Andrea Wagner ist Florians Schulbegleiterin. Der Achtjährige besucht eine Grund- und Gemeinschaftsschule mit insgesamt 435 Kindern im Ostalbkreis. Andrea Wagner ist dabei an seiner Seite, Vormittag für Vormittag. Sie sitzt neben ihm im Unterricht in der ersten Reihe. Sie blättert ihm das Buch an der richtigen Stelle auf und hält sein Heft fest, damit es beim Schreiben nicht verrutscht. In der Pause begleitet sie ihn zur Toilette.

Die Schulbegleiterin ist für alle da

Florian heißt in Wirklichkeit nicht Florian. Seine Eltern legen Wert darauf, dass ihr Junge anonym bleibt. Deshalb werden auch die anderen Schüler und Lehrer in diesem Text anders genannt. Und der Ort, in dem die Schule steht, bleibt unerwähnt. Der Achtjährige ist ein ebenso begeisterter wie ehrgeiziger Schüler. Er wird zielgleich unterrichtet, er absolviert das gleiche Pensum wie seine Klassenkameraden. Das verlangt ihm einiges ab, denn wegen seiner körperlichen Beeinträchtigung fällt ihm beispielsweise das Schreiben schwerer.

Die Pause ist vorbei. Die 27 Kinder der 2 a gehen langsam zurück an ihre Plätze. Mathe steht auf dem Stundenplan. Die Lehrerin Renate Schmidt schreibt die Aufgabe auf die Tafel und erklärt, was zu tun ist. Ein paar Reihen hinter Florian hampeln zwei Jungs noch ein bisschen herum. Andrea Wagner dreht sich um, schüttelt den Kopf und legt den Zeigefinger auf die Lippen. Die Buben grinsen und hören auf. Ein Mädchen bekommt kurz nach der Pause den zweiten Hunger und beißt schnell noch ins Brot. Auch das merkt Andrea Wagner. „Jetzt wird nicht mehr gevespert“, ermahnt sie das Mädchen und lächelt. Kurz danach kommt ein anderes Kind zu ihr: Die Schülerin hat verpasst, welche Seite sie aufschlagen soll. Die Schulbegleiterin hilft auch ihr – denn sie hat nicht nur Florian im Blick.

Florian rechnet, Andrea Wagner radiert

Derweil rechnet Marc vorne an der Tafel der Lehrerin Renate Schmidt vor, wie viel Geld er zurück bekommt, wenn er zwei Bälle für je 24 Euro kauft und mit einem 50-Euro-Schein bezahlt. Auch Florian geht einkaufen, aber er bleibt am Platz und rechnet die Aufgaben für sich. Den Stift klemmt er in die Faust. Wenn er sich verschreibt, radiert Andrea Wagner es wieder weg. Jetzt hat er vergessen, das Euro-Zeichen hinter das Ergebnis zu schreiben. „Sind das Pflaumen?“ fragt die Schulbegleiterin. Florian schmunzelt und schreibt. Mathe ist sein Lieblingsfach.

Andrea Wagner hat Bürokauffrau gelernt und ist selbst Mutter einer siebenjährigen Tochter. Sie hat beim Malteser Hilfsdienst in Aalen mehrere Schulungen gemacht. Die Malteser bezahlen nach Tarif 2090 Euro brutto im Monat und bilden ihre Schulbegleiter in eintägigen Seminaren aus. Für Eltern, sagt Markus Zobel von den Maltesern, sei es oft mühsam, für ihr Kind einen Schulbegleiter zu bekommen. Die Schule müsse den Bedarf feststellen, dann geben Ärzte eine Einschätzung ab, Sonderpädagogen vom Oberschulamt werden eingeschaltet, und schließlich erteile das zuständige Landratsamt einen Bescheid. Das kann gut gehen, das kann aber auch im Streit enden – etwa bei Kindern mit Diabetes, derentwegen sich Landratsämter und Krankenkassen öfter juristisch streiten, wer für die Kosten zuständig ist. Das kann leicht zur Hängepartie werden, sagt Zobel.

„Wir brauchen kleinere Klassen“

Florians Eltern hatten da Glück. „Wir mussten zwar schon einiges klären“, sagt seine Mutter. Doch jetzt sind sie glücklich mit Andrea Wagner. Vor Kurzem kam der Bescheid, dass sie ihn auch in sein drittes Schuljahr begleiten wird. Wenn es nach ihr geht, verlässt sie mit Florian auch die Grundschule. „Dann werden die Karten neu gemischt“, sagt Florians Mutter. Dann beginnt die Suche nach einer barrierefreien Schule für ihren schlauen, aber etwas immobilen Sohn von vorne.

Einmal in der Woche kommt Julia Halwax, die wirklich so heißt und als Sonderpädagogin an der Konrad-Biesalski-Schule in Wört arbeitet, an Florians Schule. Sie redet mit dem Achtjährigen, mit Andrea Wagner, mit Renate Schmidt. Man tauscht sich aus – wie es läuft, was es Neues gibt, wie es Florian geht. Die drei Frauen duzen sich, sie verstehen sich als Team. Andrea Wagner fühlt sich für alle Kinder zuständig. „Das nimmt Florian die Sonderrolle“, sagt Julia Halwax. Renate Schmidt nimmt die Hilfe dankbar an. „Wir brauchen kleinere Klassen“, sagt sie. „Je jünger die Kinder, desto mehr Personal sollte man einsetzen. Da werden die Grundlagen gelegt.“

Kinder brauchen Kontinuität

„Unserem reichen Land müsste es eigentlich wert sein, bei großen Klassen eine zweite Lehrkraft einzusetzen“, sagt der Schulrektor Frank Müller. An seiner Schule gebe es in fast jeder Klasse einen Schulbegleiter. Meist kümmerten sie sich um Kinder mit einer seelischen Behinderung, mit Konzentrationsproblemen, sozialen oder emotionalen Schwierigkeiten.

Schulbegleitungen „laufen immer dann gut, wenn die Kräfte länger bleiben und qualifiziert sind“, sagt er. Häufige Wechsel seien schwierig für Kinder, die Kontinuität und Verlässlichkeit bräuchten. Klar sein müsse auch, dass die pädagogische Arbeit zu hundert Prozent bei der Lehrerin oder dem Lehrer liege. Allerdings täten sich manche Lehrer schwer, Schulbegleiter als Unterstützung wahrzunehmen, sondern empfänden sie eher als Konkurrenz, sagt Andrea Wagner. Besonders an weiterführenden Schulen falle es Lehrern schwer, im Team zu arbeiten.