Der Schulbeginn an diesem Montag bedeutet für viele ein Stück neue Normalität. Doch natürlich wird vieles nicht normal sein. Zu Besuch bei Familie Russo, die dreifach gespannt ist.
Ludwigsburg - Seinem Namen nach zu urteilen, will man ihn lieber nicht kennenlernen, diesen Ernst des Lebens. Er klingt, als würde er einem das Leben schwer machen, in strengem Ton Befehle erteilen und das Lachen verbieten. Bei Familie Russo in Kornwestheim freuen sich trotzdem alle auf diesen Ernst, der an diesem Montag vor der Türe steht: Nelio, der in die erste Klasse kommt und in seiner Schultüte einen Fußball hat. Sein Bruder Ennio, der in die fünfte Klasse kommt und dafür einen neuen Rucksack bekam. Und Sandra Russo, ihre Mutter, die Lehrerin ist und findet, dass nun doch recht lange schulfrei gewesen ist. Auch sie ist schon Tage vor dem ersten Schultag vorbereitet. Sie hat die Mathebücher eingepackt und die Musikbücher weg geräumt. Mit Singen wird das dieses Schuljahr eher nichts.
Das ist dann doch ein Zeichen dafür, dass dieser Ernst des Lebens nie ernster war als in diesem Jahr. Wie auch die Tatsache, dass Nelio schon vor seinem ersten Schultag „Corona“ schreiben kann.
Ein Fußball in der Schultüte
Nelio weiß, wie er an seine Schule kommt: Beim Rathaus über die Straße, dann runter, dann rüber, dann ist er bei der Silcherschule. Er weiß, dass er mit seinen Freunden Enzo, Leon, Melina und Lisa in einer Klasse sein wird. Und dass er in der Schule eine Maske tragen muss, im Klassenzimmer aber nicht. „Ich freu mich“, sagt Nelio und strahlt ein sehr breites Strahlen. Dass zum Gottesdienst in der Kirche Oma und Opa nicht mitkommen dürfen – ja, schon schade. Dass es bei der Begrüßungsfeier in der Schule keinen Platz für seinen Bruder gibt – ja, schon ein bisschen doof. Was dafür richtig gut ist: Er wird bald zu den Großen gehören.
Außerdem: Nelio weiß ja nicht, wie es anders gewesen wäre. Er wird eher nicht sagen: „Mein erster Schultag war doof, weil die Zweitklässler kein Theaterstück zur Begrüßung aufgeführt haben.“ Er wird vielleicht sagen: „Als ich in die Schule kam, war in meiner Schultüte ein Fußball.“ Seine Mutter Sandra allerdings formuliert es härter: „Die diesjährigen Erstklässler werden um so viele Erfahrungen beschissen, das ist wirklich tragisch.“
Die Kinder hauen durchs Fenster ab
Es gibt ja einen Grund dafür, dass Kindergartenkinder am Ende ihrer Kindergartenzeit Ausflüge zur Polizei unternehmen oder eine Schnupperstunde in der Schule absolvieren. Oder im Kindergarten übernachten und durch die Nacht wandern, vielleicht sogar am Lagerfeuer grillen. Das sind Übergangsrituale, bei denen aus Kleinkindern Schulkinder werden. Dass sie nun weg brechen, ist schmerzlich für alle Beteiligten, da sind sich Psychologen und Pädagogen einig.
Immerhin ein Rausschmeißerfest wurde in Nelios Kindergarten gefeiert. Er und seine Kameraden kletterten vor den Augen ihrer winkenden Erzieherinnen aus dem Fenster auf die Straße. Und tschüss!
Was wird aus dem Schwimmunterricht
Ennio, der vor einer Woche zehn geworden ist, hat im Corona-März eine Seifenkiste gebaut. Aus Holz, das er beim Aufräumen mit dem Vater im Schuppen gefunden hat. Ennio hat gesägt, gehämmert, geklebt und die Kiste bemalt. Sogar einen Sicherheitsgurt hat er montiert. Beeindruckend stabil ist das Teil geworden. Ennio hat im Homeschooling gelernt, mit einem Zirkel Kreise zu zeichnen und mit dem Geodreieck Parallelen. Was eine Gerade ist, weiß Ennio inzwischen auch. Und dass seine Drei in Mathe nicht sein müsste. Das ist die schlechteste Note in seinem Zeugnis, in dem sonst nur Einser und Zweier stehen. Auch in Mathe wäre er besser geworden, hätten die Noten aus dem zweiten Halbjahr mitgezählt. Haben sie aber nicht. Weil ja nicht jedes Kind zuhause Eltern hat, die mit ihm lernen.
Ennio wechselt aufs Otto-Hahn-Gymnasium in Ludwigsburg, wegen des Sportprofils. Basketball, Judo, Leichtathletik, Hockey, Tennis, Tanzen werden dort unter anderem als Hauptfächer unterrichtet. Das klingt jetzt auch wieder mehr nach Spaß als nach Ernst. Andererseits ist es doch so, dass Ennio nicht weiß, wie das dieses Jahr mit dem Schwimmunterricht ist, dem Schwerpunkt in der fünften Klasse. Wird es dabei bleiben? Wird überhaupt etwas so bleiben, wie es an diesem Montag beginnt?
Eine verhängnisvolle Lüge
Das, was das Kultusministerium Rahmenkonzept für das neue Schuljahr nennt, soll den Schülern „ein Stück weit schulische Normalität zurückgeben und sie gut in ihren Lernprozessen begleiten“. Also kein Abarbeiten mehr von Papierstapeln daheim, keine Konferenzen mehr über Jitsi oder Zoom. Kein Videounterricht mit verwackelten Bildern mehr. Aber es ist ein Wagnis. Das Internet ist inzwischen voll mit Geschichten von Schulen in anderen Bundesländern, die bald nach dem Start ausgebremst wurden.
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Besonders dramatisch klingt ein Fall aus Rheinland-Pfalz, wo eine Lüge eine verhängnisvolle Kettenreaktion ausgelöst hat: Eine Neuntklässlerin hatte versichert, ihr Urlaub in einem Risikogebiet liege mehr als zwei Wochen zurück. Doch das stimmte nicht. Das Mädchen wurde krank – und die Schule beinahe lahmgelegt. Ihre Mitschüler kamen unter Quarantäne, ebenso acht Lehrer. Weshalb dann auch andere Klassen nicht mehr unterrichtet werden konnten. Letztlich fielen 200 Stunden Unterricht pro Woche aus. Dafür gab es viele aufgeregte Eltern und die Frage, wie man mit der Lügnerin verfährt.
Ein düsteres Bild von der Bildungslandschaft
In Kornwestheim sagt Sandra Russo, dass sie bei aller Freude auf die Schule auch gemischte Gefühle habe – „natürlich.“ Und für ihren Mann Angelo, IT-Manager im Homeoffice, steht fest, dass er Ennio mit dem Auto in die Schule fährt. Das erscheint ihm sicherer als der Bus. „Ich will, dass alle gesund bleiben“, sagt Angelo Russo, der mit seiner Familie vier Tage Urlaub im Schwarzwald gemacht hat.
Wenn man Revue passieren lässt, wie in den vergangenen Monaten über das deutsche Bildungssystem gesprochen, oder genauer: geschimpft, wurde, verdichtet sich alles zu einem extrem düsteren Bild. Da waren Eltern, die sich über Lehrer aufregten, weil diese sich entweder auf Tauchstation begeben oder den Kindern zuviel zugemutet hätten. Da waren Lehrer, die an Eltern verzweifelten, weil diese sich nicht kümmern konnten, oder die ihr krankes Kind gedankenlos in die Schule geschickt hätten. Und alle zusammen schimpften auf die Politik, die zu wenig Lehrer einstelle, die Digitalisierung nicht im Griff und generell keinen Plan habe. Und doch sagt Sandra Russo, die man sich bestens in einer Schulklasse vorstellen kann, dass sie sehr gerne Lehrerin ist. Dass sie nie etwas anderes machen wollte und auch nichts anderen machen will. „Das ist mein Ding.“
Auch die Lehrerin lernt dazu
Normalerweise unterrichtet Sandra Russo Musik, Sport und Religion querbeet durch alle vier Jahrgänge der Bolzschule. Aber mit Corona gab es dafür keine Kapazitäten mehr, und sie unterrichtete Mathe und Deutsch in der vierten Klasse. Außerdem hat sie ihr Deputat aufgestockt, weil von den zwölf Lehrern ihrer Grundschule plötzlich ganz viele weg waren. Schwanger, älter, vorerkrankt: Risikogruppen.
Im neuen Schuljahr wird Sandra Russo 28 Kinder einer ersten Klasse unterrichten und 25 einer zweiten. Das ist schon ein Wort, wenn man bedenkt, dass alle Schüler auf markierten Wegen in die Zimmer gehen müssen, die Pausen in separierten Bereichen unter sich verbringen sollen, unter Aufsicht ihre Hände zu waschen haben. Und dann mit mehr als 20 Kindern in einem Raum, ohne Maske und Abstand. Wie kann das – Lüften hin oder her – funktionieren? Soll Sandra Russo ihre Lernspiele machen, bei denen man sich zwangsläufig berührt? Wie läuft der Förderunterricht ab, wenn die Klassen sich eigentlich nicht durchmischen sollen? Kann sie ihre Schützlinge in den Arm nehmen, wenn es nötig ist?
Was einen guten Lehrer ausmacht
Wenn man die Frau, die immer schon Lehrerin werden wollte, fragt, was einen guten Lehrer ausmacht, sagt sie nicht etwa: Erfahrung und Respekt. Sie sagt, das Wichtigste sei, dass alle am Schulleben Beteiligten Vertrauen ineinander haben und das Gefühl, gemeinsam das Gleiche zu wollen. „Wenn das wegfällt“, sagt Sandra Russo, „schaden wir den Kindern.“
Das klingt einerseits sehr schön. Andererseits aber auch sehr ernst.