Schulabstinenz hat viele Ursachen: unentdeckte Ängste, ADHS oder ein zerrüttetes familiäres Umfeld. Foto: dpa

Wenn Schüler aus dem Kreis Ludwigsburg monatelang fehlen, hilft Ulrike Benz-Jankowitsch. Statt auf Bußgeld setzt sie auf Vertrauen und unkonventionelle Lösungen.

Marcel geht nicht mehr zur Schule, anfangs fehlt er stundenweise, dann Tage und ganze Wochen. Seit langer Zeit kommt der Neuntklässler gar nicht mehr zum Unterricht. Gemeinsam mit seinen Lehrern haben die Eltern bereits das gesamte Prozedere an für solche Fälle vorgesehenen Maßnahmen durchlaufen. Darunter Gespräche mit der Schule, Schulsozialarbeit, den Beratungslehrern oder der schulpsychologischen Beratungsstelle.

 

Als letztes Mittel droht Marcel nun, so sieht es das Schulgesetz in Baden-Württemberg für notorische Schulverweigerer vor, eine Meldung beim Ordnungsamt samt Bußgeld und, weil er bereits 14 Jahre alt ist, möglicherweise Sozialstunden.

Mini-Klasse in Ludwigsburg-Eglosheim

Genau das möchte Ulrike Benz-Jankowitsch vermeiden. Die Grund- und Hauptschullehrerin bezeichnet sich selbst als „Sekretärin und Begleiterin, die die ‚bösen Behörden‘, die gar nicht so böse sind, und die Schulverweigerer zusammenbringt“, damit Marcel und seinesgleichen wieder regelmäßig die Schule besuchen.

Laut offizieller Bezeichnung ist Benz-Jankowitsch im Schulamtsbezirk Ludwigsburg in Doppelfunktion bei der Arbeitsstelle Kooperation/Bereich Schulabsentismus als Autismusberaterin tätig, mit Zuständigkeit für Schulen im Landkreis Ludwigsburg. Zusätzlich unterrichtet die Beamtin an der Hirschbergschule in Ludwigsburg-Egolsheim jahrgangsübergreifend eine Kleinklasse aus acht Schülern, die Schwierigkeiten mit dem Schulbesuch haben und keinen Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot – sie kommen aus unterschiedlichen Schulen und unterschiedlichen Klassenstufen.

Wer in dieser Kleinklasse – in einer ehemaligen Hausmeisterwohnung mit Wohnzimmeratmosphäre – unterrichtet wird, bekommt mehr als nur Wissen vermittelt. „Wir nehmen in enger Kooperation mit verschiedenen Institutionen sowie den bisherigen Stammschulen das gesamte Lebensfeld der Schüler in den Blick“, nennt Benz-Jankowitsch beispielhaft für die Bandbreite der kooperierenden Institutionen die Schulsozialarbeit, den sonderpädagogischen Dienst, Ärzte, Therapeuten, das Jugendamt, aber auch die Agentur für Arbeit oder die Jugendgerichtshilfe. Gemeinsames Ziel aller ist, dass die Schüler den Hauptschulabschluss schaffen und eine klare Perspektive für eine anschließende Ausbildung bekommen.

„Schulabsenz ist ein schleichender Prozess, der in allen Altersstufen vorkommt. Zudem muss in großen Klassen erst erkannt werden, dass sich hinter Fehltagen mehr verbirgt als Schnupfen oder Grippe“, weiß die Fachfrau und spricht von Schulabsenz als Eisberg: Die Spitze sind die schulischen Fehltage. Was sich unter Wasser ausbreitet – sprich die Ursachen dafür – erschließt sich erst nach gründlicher Recherche.

Ulrike Benz-Jankowitsch hat kein Schema F – die Probleme ihrer Schüler sind ganz unterschiedlich. Foto: Maren Recken

Das kann von nicht diagnostizierten Ängsten oder Sozialphobien bis zu ADHS reichen – oder im familiären Umfeld liegen, wenn Schüler beispielsweise Angst haben, der gewalttätige Vater könnte während ihres Schulbesuchs der Mutter etwas antun. Ebenso wenig wie es den einen Grund für Schulabsenz gibt, gibt es auch nicht die eine Lösung für den Weg zurück in die Schule.

Was jedoch immer dazugehört, ist ein Runder Tisch mit allen Beteiligten. Er dient der rechtlichen Aufklärung, es werden Vereinbarungen getroffen – und, was Benz-Jankowitsch ganz wichtig ist: mit den Jugendlichen wird auf Augenhöhe kommuniziert.

„Ich bin keine Superlehrerin, ich kenne nur andere Möglichkeiten.“

Ulrike Benz-Jankowitsch, setzt sich für Schüler ein

Es geht darum, mit den Jugendlichen und ihren Erziehungsberechtigten eine vertrauensvolle Beziehungsebene für den weiteren Prozess aufzubauen. Dieser besteht aus der Suche nach helfenden Kooperationspartnern auf dem Weg zurück in die Schule und deren Vernetzung mit den Schulpflichtigen.

Die erste Kontaktaufnahme mit der Beraterin erfolgt meist, wenn die Stammschule mit ihren Hilfsangeboten nicht mehr weiterkommt. „Ich bin keine Superlehrerin, ich kenne nur andere Möglichkeiten als die Lehrer der Stammschulen“, zollt Benz-Jankowitsch der Arbeit ihrer Kollegen Respekt.

Seit über 10 Jahren ist Benz-Jankowitsch als Beraterin für Schulabsenz tätig und hat sich ein großes Netzwerk an Ansprechpartnern und Hilfsangeboten aufgebaut. So wie die Tätigkeitsfelder dieser Institutionen zum Wohl der Schüler ineinandergreifen, überschneiden sich auch die beiden Beratungsstellen für Schulabsenz und Autismus, die Benz-Jankowitsch innehat. „Wie häufig Schulabsenz und Autismus gekoppelt auftreten, darüber führe ich keine Statistik. Klar ist, dass es oft einen engen Zusammenhang geben kann, der aber ganz individuell ist und von der Ausprägung des Autismus abhängt.“

Unabhängig davon, ob Schulabsenz und Autismus getrennt oder in Kombination auftreten: Im Vordergrund steht immer die Suche nach konstruktiven Lösungen für die betroffenen Schüler. Um Marcel (Name von der Redaktion geändert) den Weg zurück in die Schule zu erleichtern, wurde beispielsweise ein unkonventioneller Weg vereinbart: Statt in den Unterricht zu kommen, reicht es fürs Erste, wenn er stundenweise Zeit beim Schulsozialarbeiter verbringt.