Schüsse in Stuttgart Im Streitfall sitzt die Schusswaffe locker

Von Wolf-Dieter Obst 

Nach den Schüssen im Stadtteil Münster ermittelt die Polizei die Hintergründe. Foto: 7aktuell.de/Simon Adomat
Nach den Schüssen im Stadtteil Münster ermittelt die Polizei die Hintergründe. Foto: 7aktuell.de/Simon Adomat

In diesen Tagen werden in Stuttgart und der Region immer öfter Schusswaffen gezückt. Dabei scheinen die Anlässe dafür oft nur banal zu sein. Die Schüsse in Stuttgart-Münster sind ein trauriger Höhepunkt – denn dabei wurde ein scharfe Waffe eingesetzt.

Stuttgart - Warum hat ein 18-Jähriger in Stuttgart-Münster auf ein mit drei Männern besetztes Auto geschossen? Die Ermittlungen der Kripo dauerten auch am Mittwoch an – wobei die Hintergründe offenbar längst nicht so spektakulär sind, wie die Nachrichtensperre der Behörden vermuten lässt. Mutmaßlich dürfte es sich um einen Streit über Drogengeschäfte gehandelt haben, ist in Ermittlerkreisen zu hören. Doch deshalb wird gleich scharf geschossen?

Von der Pistole fehlt weiter jede Spur – auch wenn der in Untersuchungshaft sitzende 18-Jährige teilweise geständig ist. Fest steht, dass es sich um einen illegalen Waffenbesitz gehandelt haben muss. Der 20 Jahre alte Fahrer und seine Begleiter kamen mit dem Schrecken davon. Bisher ist es in Münster in Sachen Drogenszene eher ruhig gewesen. Größeres Aufsehen hatte an Heiligabend eine Serie von Sachbeschädigungen an vier Stadtbahn-Haltestellen erregt. Sonst gab es nur wenig Kriminalität – sieht man von einem Apothekeneinbruch im November letzten Jahres ab.

Einsätze von Ostfildern bis Gäufelden

Allerdings scheint der Gebrauch von Schusswaffen in diesen Tagen immer beliebter zu werden. Denn ebenfalls am Montagabend hatte es in Ostfildern-Nellingen (Kreis Esslingen) unter mehreren Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren geknallt. Dabei soll ein einheimischer 14-Jähriger mit einer Schreckschusswaffe auf seinen Widersacher aus Stuttgart geschossen haben. Die Polizei konnte keine Waffe sicherstellen – allerdings eine leere Patronenhülse. „Die jungen Leute schweigen über das Motiv“, sagt Polizeisprecher Michael Schaal, „wir suchen deshalb noch unabhängige Zeugen.“

Vor einer Woche löste ein offenbar psychisch kranker und stark alkoholisierter 39-Jähriger in der Wagenburgstraße im Stuttgarter Osten einen Polizeieinsatz aus, als er aus seinem Fenster in Richtung Nachbarhaus Schüsse abfeuerte. Die Beamten nahmen den Mann fest und stellten eine Schreckschusswaffe samt Munition sicher. Am selben Abend des 8. Januar war ein ­Spezialeinsatzkommando auch in Gäufelden (Kreis Böblingen) im Einsatz, wo ein 61-Jähriger in seiner Wohnung bei einem Streit einen 26-Jährigen mit einer Schusswaffe bedroht haben soll. Die Polizisten durchsuchten die Wohnung des Beschuldigten – und beschlagnahmten vier Schreckschusswaffen, ein Luftgewehr sowie mehrere scharfe Patronen. Der Mann wurde angezeigt und wieder auf freien Fuß gesetzt.

Streithähne im Hof, dann fallen Schüsse

Am Tag davor gab es in der Reinsburgstraße im Stuttgarter Westen Alarm, als sich zwei unbekannte Männer in einem Hinterhof stritten. Als drei Zeugen schlichten wollten, fielen plötzlich Schüsse. Einer der Streithähne hatte mit einer Gaspistole geschossen – und die Zeugen, die plötzlich selbst zu Opfern wurden, erlitten leichte Augenverletzungen durch Reizgas. Von den Tätern, die vermutlich ­türkischer ­Herkunft sind und von denen einer eine rote Jacke trug, fehlt jede Spur. Nicht weit davon war im Februar 2017 ein türkischer Geschäftsmann niedergeschossen worden.

„Über die Gründe der aktuellen Häufung solcher Delikte kann man derzeit nur spekulieren“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Stephan Widmann. Beim Ordnungsamt stellt man eine Zunahme „meist um den Jahreswechsel herum fest“, so Hans-Jörg Longin vom städtischen Vollzugsdienst. Dabei dürfe mit erlaubnisfreien Waffen auf dem eigenen Grundstück durchaus geschossen werden, so Longin. Die Behörde könne hier allenfalls die Zuverlässigkeit und Eignung des Besitzers infrage stellen.

Polizei: „Die Häufung ist nicht gerade alltäglich“

Brenzlig begann das Jahr 2018 auch in den Landkreisen Ludwigsburg und Böblingen. In Steinheim an der Murr (Kreis Ludwigsburg) soll ein 18-Jähriger in einer Gaststätte mit einer Schusswaffe hantiert und auf der Straße damit geschossen haben. Die Polizei stellte bei dem widerborstigen Verdächtigen mehrere Patronen sicher. In Großbottwar hatte ein 76-Jähriger auf eine 37-Jährige und deren Lebensgefährten mit einer Luftdruckpistole geschossen. In Sindelfingen (Kreis Böblingen) wurde ein 15-Jähriger am Bahnhof mit einer Schreckschusswaffe im Gepäck dingfest gemacht.

„Das ist eine Häufung, die nicht gerade alltäglich ist“, zeigt sich Peter Widenhorn vom Polizeipräsidium Ludwigsburg alarmiert. Die Häufung sei einerseits zufällig, so der Polizeisprecher. Andererseits nehmen Aggressionsdelikte im öffentlichen Raum in den Landkreisen zu. Allein im Kreis Böblingen waren es im Jahr 2016 fast elf Prozent mehr. „Und wie es für die neue Jahresstatistik aussieht“, so Widenhorn, „bleiben die Zahlen unverändert hoch.“

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