Auch die Stadtverwaltung hat ein Auge auf die Verhältnisse am Josef-Hirn-Platz. Foto: Cedric Rehman

Für zwei Verletzte sind Schuss- und Stichwunden offenbar kein Grund mit der Polizei zu reden. Ermittelt wird im türkisch-kurdischen Umfeld.

Stuttgart - Vielleicht ist es eine Schusswunde, vielleicht auch nur ein Stich. Der 18-Jährige, der damit am Mittwoch gegen 1.30 Uhr in einem Esslinger Krankenhaus auftaucht, weiß angeblich nicht, wie das passiert ist. Von seinen Begleitern, die ihn in die Klinik brachten, will der junge Mann nicht mal die Namen wissen. Und mit der Polizei redet schon gar nicht.

Nicht gerade beste Voraussetzungen, eine schwere Auseinandersetzung in der Stuttgarter Innenstadt zu klären, bei der am Dienstag gegen 22.15 Uhr etwa 30 Personen aufeinander los gingen. Dabei wurde scharf geschossen. Das könnte auch ein 25-Jähriger bezeugen, der kurz nach Mitternacht in einem Stuttgarter Krankenhaus behandelt werden muss. Eine Schussverletzung. Doch auch dieses Opfer, wie der 18-Jährige ein Deutscher kurdischer Abstammung, schweigt. Was geht das auch die Polizei an.

Immer wieder geht es heftig zur Sache

Es ist nicht das erste Mal, dass es am Brennpunkt Josef-Hirn-Platz heftig zur Sache geht. Die Polizei war denn auch gleich mit 16 Streifenwagenbesatzungen angerückt, als der erste Alarm einging. „Die Anrufer sprachen von einer Schlägerei mit 30 Personen und Knallereien, womöglich Schreckschusswaffen“, sagt Polizeisprecher Jens Lauer. Die Beamten am Tatort stießen dort indes auf eine Mauer des Schweigens.

War es vielleicht ein Aufeinandertreffen gewaltbereiter türkischer oder kurdischer Cliquen? Politischen Gesprächsstoff hätte es geben können, nachdem es Stunden zuvor eine kleine kurdische Demo unter dem Motto „Solidarität mit den 7000 Hungerstreikenden in der Türkei und Freiheit für Öcalan“ gegeben hatte. Die Kripo hat bisher keine aber Hinweise auf eine türkisch-kurdische Auseinandersetzung – weil es überhaupt keine Hinweise gibt.

LKA registriert Ruhe bei den Straßenbanden

Dabei haben sich am Josef-Hirn-Platz immer wieder Personen aus Kreisen gewaltbereiter Straßenbanden gefunden. Bandenkriminalität als Hintergrund des Streits würde auch das allgemeine Schweigen erklären – weil sich die verfeindeten Gruppen zumindest in einem Punkt einig sind: Einer gegen alle, aber alle gegen die Polizei.

Eine solche Bandenaktivität wäre freilich überraschend – denn das Landeskriminalamt registriert derzeit Stille an der Front. „Durch Ermittlungen, Verurteilungen und Vereinsverbote ist es relativ ruhig geworden“, sagt LKA-Sprecher Ulrich Heffner. Die kurdische Red Legion ist verboten, die Nachfolgeorganisation Bahoz offiziell aufgelöst, die multinationalen United Tribuns sind seit dem Schlag gegen das Großbordell Paradise in Leinfelden-Echterdingen in Deckung, bei den nationaltürkischen Osmanen herrscht Funkstille. „Die Personen gibt es aber nach wie vor“, warnt Heffner, „daher kann es aus dem Nichts zu einer Eskalation kommen.“

Die Stadt ist sensibilisiert

Die Stadtverwaltung ist in Sachen Josef-Hirn-Platz ohnehin sensibilisiert. „Es kann keine rechtsfreien Räume geben“, sagt Tilmann Endriß, Sprecher von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer. Schon seit langem versuche man die Interessen der Clubbetreiber und der Anwohner über einen runden Tisch zu harmonisieren, „ein gutes Miteinander zu fördern“. Dazu gehörten auch nächtliche Lärmmessungen. Die Randalierer vom Dienstag freilich sind von ganz anderem Kaliber. Und sie können hinterher ganz stille sein und schweigen.

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