StN-Chefredakteur Christoph Reisinger: „Wir müssen zeigen, was wahr und was falsch ist.“ Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bei den Schülermedientagen diskutiert StN-Chefredakteur Christoph Reisinger mit Zehntklässlern am Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium in Leinfelden-Echterdingen über guten Journalismus – und den Unterschied zu Facebook & Co.

Stuttgart - Heute kann jeder mit einem Konto bei den sozialen Netzwerken sein eigener Verleger sein. Berufsjournalisten haben ihr Privileg verloren, über das sie seit dem Aufkommen professionell gemachter Tageszeitungen verfügt haben. Sie sind nicht mehr die Wächter, die über die Verbreitung von Informationen bestimmen.

Und dennoch: Seriöser Qualitätsjournalismus ist heute wichtiger denn je, betont Christoph Reisinger, der Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten, im Gespräch mit Zehntklässlern des Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasiums in Leinfelden-Echterdingen. „Im Internet steht der größte Quatsch gleichberechtigt neben seriösen Nachrichten“, so Reisinger. Da erleichterten gründliche Recherche und Einordnung durch journalistische Profis das Leben der Leser beträchtlich.

Journalisten als Übersetzer

„Fakten gegen Fake-News“, so das Thema der digitalen Diskussionsrunde zum Auftakt der Schülermedientage 2021. Und das Interesse der Schüler ist groß: Knapp 100 Schülerinnen und Schüler, die im Deutschunterricht gerade das Projekt „Nachrichten in der Schule“ (Nisch) absolviert hatten, stellen bei der Videoschalte zahlreiche aktuelle Fragen.

Zum Beispiel Carolin, die wissen will, ob es in Pandemiezeiten nicht „grenzwertig“ sei, Fake-News, also Falschnachrichten, über Bill Gates zu veröffentlichen. Und sie so weiterverbreiten hilft. Nicht darüber zu berichten, wäre falsch, meint Reisinger. Denn die diversen Verschwörungserzählungen seien nun mal in der Welt. Mit Hilfe „nachvollziehbarer Beweisketten“ müssten aber die Tatsachen auf den Tisch. Da müssten Journalisten eine „Übersetzungsleistung“ erbringen, führt der Chefredakteur aus: „Wir müssen zeigen, was wahr und was falsch ist.“ Und das entlang der strengen Regeln des deutschen Presserechts, die guten Journalismus auch der Weiterverbreitungshaftung unterwerfe, ihn also dazu verpflichte, falsche Nachrichten richtig zu stellen.

Trennung zwischen Nachricht und Meinung

Und was genau versteht man unter gutem Journalismus? Zu dessen Kernkompetenzen zählt Reisinger hohe professionelle Standards und eine gründliche Recherche. Konkret: das Zwei-Quellen-Prinzip, also der Abgleich einer Information mit mindestens einer weiteren unabhängigen Quelle und der klaren Trennung zwischen Nachricht und Meinung. „Weil der Leser nicht weiß, wo die nüchterne Schilderung eines Sachverhaltes aufhört und wo die Beeinflussung anfängt“, erklärt der Chefredakteur. Auch die deutliche Trennung zwischen Werbung und Information sowie die Zurückhaltung beim Formulieren, die jede Hetze vermeidet, gehören für ihn unabdingbar zum seriösem Journalismus.

Demgegenüber müsse in sozialen Medien die Trennung von Nachricht und Meinung nicht eingehalten werden. Es bestehe auch keine Verpflichtung zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung, Vollständigkeit und Ausgewogenheit oder zur Angabe von Quellen – allesamt Aspekte, zu denen das Presse- und Persönlichkeitsrecht den Qualitätsjournalismus verpflichte. „Facebook oder Google sind Trägermedien, die versuchen, selbst zu Medien zu werden“, so Reisinger. Wenn aber jemand sagt, er habe etwas bei Google gelesen, sei das keine Quelle, betont er. „Das ist, als würde man sagen, man hat etwas auf Papier gelesen.“ Und ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen Journalismus und sozialen Medien: Die Timeline von Facebook & Co. bilde nicht die ganze Bandbreite dessen ab, was geschieht. „Sondern nur das, was der Algorithmus des Anbieters für das Hauptinteresse des Nutzers hält.“

Kein Patentrezept

Nina möchte – ebenfalls mit Blick auf Corona – wissen, wie man Menschen wieder erreichen könne, die das Vertrauen in guten Journalismus bereits verloren hätten? Da könne man nur mit einem attraktiven Angebot dagegenhalten, sagt Reisinger. Aber ein Patentrezept, wie man mit diesen Menschen wieder ins Gespräch kommen könne, gebe es nicht. Viele Menschen „scharen sich nur noch mit Gleichgesinnten um ihr digitales Lagerfeuer“. Dabei setze ein demokratisches Gemeinwesen einen gewissen Grundbestand an gleicher Information voraus.

Benjamin fragt: „Gibt es bestimmte Ressorts, in denen man mehr auf Falschnachrichten achten muss als in anderen?“ Grundsätzlich nein, betont der Chefredakteur. Die Regeln des guten Journalismus würden für alle Ressorts vom Sport bis zu Verbraucherthemen im Ressort Leben gelten. Der Rechercheaufwand hänge von der Komplexität eines Themas ab.

Komplexität verringern

Reisinger macht klar: Prinzipiell könne jeder die Vertrauenswürdigkeit von Texten, Bildern oder Videos im Internet kontrollieren. Aber nicht im selben Umfang wie professionelle Journalisten, denen Behörden etwa zur Auskunft verpflichtet seien.

Der Soziologe Niklas Luhmann hat Vertrauen einmal als einen „Mechanismus zur Reduktion von Komplexität“ beschrieben. Medien wie die StN verringern gerade im Zeitalter von Fake-News die Komplexität der Informationsbeschaffung deutlich. Basis dafür ist aber das Vertrauen der Leser. Daher betont Reisinger: „Die Glaubwürdigkeit ist unser wichtigstes Gut.“

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