Der Bundesschülersprecher Quentin Gärtner warnt: Die psychische Krise junger Menschen sei dramatisch – auch für die Wirtschaft. Es brauche mehr Prävention für psychische Erkrankungen.
„Wir sind in einer tiefen Krise der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“, warnte Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, am Donnerstag in Berlin. Gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) stellte der Schülervertreter einen weitreichenden Zehn-Punkte-Plan vor, der das deutsche Bildungssystem grundlegend modernisieren soll. Über ein Fünftel der deutschen Schülerinnen und Schüler fühle sich selbst psychisch übermäßig belastet, sagt der 18-Jährige Waiblinger im Interview.
Herr Gärtner, über eine Zunahme von psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen wird seit der Coronapandemie gesprochen. Was hat sich seitdem verschlechtert?
Wir sind nach wie vor in einer Krise der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Das wissen wir aus Studien wie dem Schulbarometer und der COPSY-Studie. Wir haben uns nie wieder auf ein Vor-Corona-Niveau eingependelt – wir sind im Dauerkrisenzustand.
Erleben Sie das auch in Ihrem Umfeld?
Hinter diesen Zahlen stecken Geschichten von jungen Leuten, die depressiv sind, die einsam sind, die Angststörungen entwickeln. Ich kenne konkrete Beispiele, wo Schüler es nicht mehr schaffen, 45 Minuten lang im Unterricht zu sitzen, ohne aufs Klo zu rennen, weil sie eine Panikattacke haben. Wenn man nicht selbst betroffen ist, kennt man aus seinem engsten Umfeld zwei oder drei Menschen, die mit solchen Themen zu kämpfen haben. Aber das Problem wird kaum thematisiert. Vielmehr plätschert es so still neben dem politischen Getöse hin – das ist ein Drama.
Sie haben darauf hingewiesen, dass dies ein massives wirtschaftliches Problem werden wird.
Das ist die Argumentation, mit der wir antreten, weil es nicht reicht zu sagen, junge Menschen haben Probleme. Wir müssen aufzeigen, warum es für eine Volkswirtschaft ein extremes Risiko ist, wenn die Arbeitnehmer, die so dringend gebraucht werden, nicht mehr resilient und belastbar sind. Viele von ihnen könnten auf dem Weg in den Arbeitsmarkt verloren gehen oder dort nicht auf dem Level abliefern, wie es nötig wäre. Wir brauchen deshalb einen Schulterschluss mit der gesamten Gesellschaft.
Was sind Ihre konkreten Forderungen an die Politik? Mehr Therapieplätze werden Jahren gefordert.
Wir fangen einen Schritt früher an. Prävention ist immer günstiger, als die sonst entstehenden Krankheiten zu behandeln. Wir brauchen Investitionen in Prävention, in Schulgesundheitsfachkräfte, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Mental-Health-Coaches , damit Kinder Anlaufstellen haben und professionell unterstützt werden, dass sie psychisch gesunde, resiliente Mitglieder der Gesellschaft werden.
Und was noch?
Eine weitere Forderung ist, dass man Schulen ansehen muss, dass sie ein Lebensort für Kinder und Jugendliche sind. Seit dem Wechsel auf den Ganztag verbringen junge Menschen dort sehr viel Zeit ihres Lebens. Dementsprechend sollte eine Schule aussehen: gute Räume, viel Licht, gelungene Akustik, Rückzugsräume. Die Gebäude sollten nicht wirken, als könnte man sie in drei Wochen in eine Kaserne umwandeln.
Und das reicht schon?
Das Schulgebäude allein sollte schon so eine Art dritter Pädagoge sein. Und dann müssen wir die Schulkultur ändern: weniger Druck und mehr intrinsische Motivation fördern. Dann haben wir einen Beitrag geleistet, dass Kinder und Jugendliche psychisch gesünder aufwachsen.
Warum, glauben Sie, sind Kinder und Jugendliche heute psychisch so belastetet?
Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, aber zwei Punkte möchte ich hervorheben. Zum einen die Spätfolgen des Lockdowns – wir wurden danach vergessen. Es war sehr schnell klar, auch aus Studien des Robert-Koch-Instituts, dass die gesundheitsbezogene Lebensqualität von jungen Menschen im Lockdown stärker abgenommen hat als die von älteren. Und der Lockdown hat in den Köpfen nicht aufgehört.
Und das andere?
Wir haben einen ungesunden Medienkonsum. Er ist an vielen Stellen nicht gesund oder teils sogar pathologisch. Aber wir bekommen nicht die Unterstützung von Schulen, die wir bräuchten, um damit umzugehen.
Was bräuchte es dafür an Unterstützung gerade aus der Schule?
Es braucht Medienkompetenzvermittlung an Schulen. Ich möchte in der Schule lernen, wie ich mein Handy sinnvoll verwende, was gute Routinen und Bildschirmzeiten sind. Eine Schule, die es auch schafft, Dinge, die auf sozialen Medien passieren, einzuordnen.
Es gibt ja auch immer wieder kritische Stimmen über Ihre Generation – zu faul, zu wenig belastbar, alles Snowflakes. Was halten Sie von solchen Vorwürfen?
Wir sind eine Schaffer-Generation. Eine Generation, die Bock hat, die anpacken möchte und Veränderungen vorantreibt. Ich kann da die Zahl anmerken, dass wir in den letzten fünf Jahren einen Zuwachs hatten von jungen Menschen, die parallel zur Schule, also ab 15 Jahren, Minijobs angenommen und gearbeitet haben. Dieses Geschwätz von wegen „die faule Gen-Z“ ist einfach nur Quatsch. Wir möchten anpacken, wir möchten etwas leisten. Wir werden nur strukturell im Stich gelassen.
Wobei konkret werden Sie im Stich gelassen?
Wir sind eine Geber-Generation – eine Generation, die mehr leisten wird, als sie erwarten kann, von der Gesellschaft zurückzubekommen. Wir werden die Klimakrise lösen, die Wirtschaft klimaneutral umbauen und die Kosten des demografischen Wandels schultern. Wir werden die Staats- und Verwaltungsreformen auf den Weg bringen, für die aktuell der Mut fehlt. Und wir werden die Wirtschaftskrise überwinden müssen. Wir werden ganz viel leisten müssen in der Zukunft. Und das mache ich auch gerne, aber ich möchte einen Staat haben, der mich strukturell darauf vorbereitet – also einen Staat, der in meine Gesundheit und meine Bildung investiert.
Das klingt nach einer pessimistischen Einschätzung der aktuellen Politik.
Ich möchte als junger Mensch nicht akzeptieren, dass wir als Generation heranwachsen und zu Recht das Gefühl haben, dass die Politik uns vernachlässigt. Ich möchte im Namen der Bundesschülerkonferenz klar machen, dass ganz viele junge Menschen schon jetzt eine große und wichtige Arbeit leisten und dass wir später ganz viele Probleme lösen dürfen, die wir selbst nicht verursacht haben. Wenn wir die Unterstützung haben, dann werden wir diese Probleme auch lösen.
Das klingt jetzt sehr selbstbewusst. Wie würden Sie vorgehen?
Wir investieren großflächig in Bildung, wir investieren in die mentale Gesundheit. Wir haben diesen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, was sich verändern sollte im Bereich psychische Unterstützung. Bisher gehe ich nicht davon aus, dass die entscheidenden, strukturellen Herausforderungen Deutschlands von dieser Bundesregierung überwunden werden. Das bedeutet aber: Wir sind dann dran, wir werden es überwinden müssen.
Weil Sie es Herrn Merz und seiner Regierung nicht zutrauen?
Ich sehe insgesamt an vielen Stellen in der Politik nicht den Willen, Dinge langfristig anzugehen. Unser Bildungssystem wird von Jahr zu Jahr schlechter, mittlerweile ist es ja fast schon eine Slapstick-Comedy geworden, wenn die neuen Bildungsvergleichsstudien rauskommen. Wir wissen immer schon im Vorfeld, dass es diesmal noch schlimmer geworden ist – und das seit fast zehn Jahren. Und trotzdem fehlt der Drive, also die Energie zu sagen: Wir kratzen jetzt die Kurve, investieren umfangreich und setzen weitreichende Reformen um.
Zur Person
Leben
Quentin Gärtner, geboren 2007, wuchs in Waiblingen auf und besuchte dort das Salier-Gymnasium, wo er 2025 sein Abitur absolvierte. Seit diesem Herbst studiert er an der Universität Heidelberg Molekulare Biotechnologie.
Engagement
Im April 2024 wurde Gärtner als Vertreter für die allgemeinbildenden Gymnasien des Regierungsbezirks Stuttgart Mitglied im Landesschülerbeirat (LSBR) Baden-Württemberg. Im Juni 2025 wurde Gärtner in Hamburg zum Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz gewählt. Er gibt sein Amt in Kürze ab, da seine Schulzeit zu Ende ist. Gärtner ist zudem Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Seit Oktober 2024 ist er im erweiterten Kreisvorstand Rems-Murr der Partei. (nay)