EU-Politiker mit Nachwuchsmoderatorin: Rainer Wieland, Roberta Walser Foto: Nina Ayerle

Rainer Wieland, Vizepräsident des Europaparlaments, hat mit Schülern diskutiert, warum die Jugend der EU überdrüssig ist – ohne Ergebnis.

S-Mitte - Mit Mathematik hätte der Schultag anfangen sollen. Doch statt Kurvendiskussion und analytischer Geometrie stand für die rund 200 Schülerinnen des St. Agnes Mädchengymnasiums Politik auf dem Stundenplan. Und die nicht nur theoretisch, wie es die Oberstufenschüler sonst aus dem Gemeinschaftskundeunterricht kennen, sondern ganz praktisch. Der Vizepräsident des Europaparlaments, Rainer Wieland aus Stuttgart, besuchte die Schule. Thema der Podiumsdiskussion sollte die Europaverdrossenheit der jungen Generation sein.

Anlass für die Einladung Wielands an das Mädchengymnasium war eine Projektarbeit der Oberstufenschülerin Roberta Walser. „Meine Lehrerin hat vorgeschlagen, im Rahmen meiner Arbeit die Moderation einer Diskussionsrunde zu übernehmen“, erzählte die 17-Jährige. Als Sprecherin des Jugendrats hat Roberta Walser schon den einen oder anderen Kontakt in die Politik geknüpft und wusste daher recht schnell, an wen sie sich wenden kann.

„Europa ist viel zu normal geworden“

Aus Rainer Wielands Sicht gibt es keine Europaverdrossenheit der jungen Generation. Er hat eine andere Sicht auf die Dinge: „Europa ist viel zu normal“, meinte der 65-Jährige, der in Gerlingen lebt, aber den Großteil der Woche in Brüssel verbringt. Aus seiner Sicht, sei gerade für junge Menschen die EU eine Selbstverständlichkeit. In seinen Ausführungen verglich er das Denken der Menschen in Hinblick auf die Europäische Union mit einem Warenautomaten. „Viele meinen, das ist ein Automat, in den ich zwei Euro einwerfe und dann kommen Cola oder Zigaretten im gleichen Wert heraus“, sagte Wieland ärgerlich.

Doch auch von Seiten der Schüler war das Interesse an der Arbeit des CDU-Politikers größer als die vermeintliche Verdrossenheit über Europa. Neugierig waren sie vor allem auf die Antworten des Europaabgeordneten zum Thema EU-Beitritt der Türkei. „Ich bin ein überzeugter Europäer, aber definitiv kein Hurra-Europäer“, sagte Wieland. Seiner Meinung nach müsse man bei Beitritten zur EU sehr vorsichtig sein, das habe gerade das Beispiel Griechenland gezeigt. „Damals war ich noch ganz jung und habe mich noch nicht getraut, dagegen zu stimmen“, erinnerte sich Wieland. Später, als es um den Beitritt von Bulgarien und Rumänien ging, habe er deshalb seinen Fehler wieder gut gemacht und sich gegen einen Beitritt ausgesprochen.

„Ich bin ratlos“

Von der eigentlichen Frage, warum die Jugend sich nicht mit Europa identifiziert, kam das Gespräch im Laufe der 90 Minuten immer mehr ab. Eine Schülerin wollte es deshalb am Ende von Rainer Wieland noch einmal genauer wissen: „Sie können ja sehr überzeugend über Europa reden, aber unser Thema ist eigentlich, warum die Jugend so europaverdrossen ist“, warf sie in die Diskussion ein. Die Antwort bekam sie prompt: „Ich bin ratlos“, sagte Wieland.

Gern würde er sich einmal mit Schülern zusammensetzen, um darüber zu sprechen, was die Politik tun kann, damit sie von der jüngeren Generation wahrgenommen wird. Er lade gern zu einem gemeinsamen Abend mit Jugendlichen ein, um darüber zu sprechen. „Es würde aber vermutlich nur eine Handvoll kommen“, so seine Befürchtung. Aus seiner Sicht ist es nicht nur die Aufgabe von Politikern, an der Idee Europa zu arbeiten. „Aber ich tue gern alles dafür“, sagte Wieland. „Ich mache alles, außer Table-Dance, wenn Sie das wollen“, sagte er und lachte. Seine Botschaft am Ende war deshalb: „Machen Sie selbst Gebrauch davon. Nutzen Sie die Möglichkeiten. Europa ist zu schade, um nur nach Mallorca zu fliegen und zu sehen, dass Sangria dort drei Euro billiger ist.“

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