Der Seniorensprecher Gerhard Fürst fühlt sich wohl zwischen seinen jungen Lehrerinnen. Wiebke (2. v. l.) und Antonia (3. v. l.) unterrichten ihn im Fach Musik. Foto: Jacqueline Fritsch

Am Fanny-Leicht-Gymansium unterrichten Schüler Senioren – und das seit 53 Jahren. Der soziale Arbeitskreis lebt von freiwilligen Schülern und Senioren, die zweimal pro Woche gemeinsam lernen.

Vaihingen - Gerhard Fürst drückt mit 78 Jahren noch einmal die Schulbank. Regelmäßig lässt er sich am Fanny-Leicht-Gymnasium von Schülern in den Fächern Literatur, Geografie, Musik und Geschichte unterrichten. „Es erinnert mich an meine Schulzeit“, erzählt er.

Den sozialen Arbeitskreis (SAK) am Fanny-Leicht-Gymnasium gibt es seit 53 Jahren. Freiwillige Schüler der Klassen acht bis zwölf unterrichten dabei jeden Mittwoch- und Freitagnachmittag Seniorengruppen in den verschiedenen Fächern. Neben Latein und Sport stehen auch Informatik- oder Handy-Kurse auf dem Stundenplan. Vor 53 Jahren hat die damalige Physiklehrerin Ruth Schneider den sozialen Arbeitskreis (SAK) ins Leben gerufen. Vergangene Woche hat sie mit dem SAK-Team gemeinsam ihren 93. Geburtstag gefeiert.

Schüler investieren viel zeit in die Vorbereitung

Fürst erzählt, dass die Arbeit im SAK zu Beginn noch eine andere war als heute. „In den ersten Jahren haben Schüler alte oder kranke Menschen besucht und an Weihnachten etwas gesungen.“ Mit der Zeit habe sich aus dem Kreis der Schüler die Idee entwickelt, Wissen an Senioren weiterzugeben. Dabei können laut Fürst nicht nur die Senioren etwas lernen. „Wenn die Schülerlehrer sich noch einmal mit dem, was sie selbst gelernt haben, auseinandersetzen und es den Senioren erklären, bleibt viel mehr Inhalt hängen. Vielleicht hilft das auch beim Abitur.“ Wenn der Extra-Unterricht wirklich bei der Vorbereitung aufs Abitur helfen sollte, könnte zumindest die 17-jährige Antonia ganz entspannt auf die anstehenden Prüfungen sehen. Sie unterrichtet nämlich bereits seit der achten Klasse Musik. Zusammen mit ihrer Mitschülerin Wiebke investiere sie „relativ viel Zeit“ in die Vorbereitung der Stunden. „Langsam wird es schwierig, neue Themen zu finden“, sagen die Mädchen. Beide gehen in die zwölfte Klasse, unterrichten also bereits seit vier Jahren. Die Unterrichtsthemen dürfen die sogenannten Schülerlehrer frei wählen. Während des Unterrichts schaut auch kein Lehrer in den Kursen vorbei. Das ist Sache der Schüler.

Um Schülerlehrer zu werden, müssen die Gymnasiasten mindestens die Note zwei in dem Fach haben, das sie unterrichten wollen. „Es gibt auch Ausnahmen“, meint Gerhard Fürst, „aber eher selten“. Wer noch nicht in der achten Klasse ist, darf zwar noch keinen Unterricht geben, kann sich aber bereits im sogenannten „kleinen SAK“ engagieren. Dort bereiten Schüler der Klassen fünf bis sieben zum Beispiel Ausflüge oder Veranstaltungen vor. Im Mittelpunkt steht beim SAK immer die Interaktion zwischen der jungen und der alten Generation. „Das gängige Vorurteil, dass Alt nicht mit Jung kann und Jung nicht mit Alt, wollen wir widerlegen und das Gegenteil beweisen“, sagt Fürst.

Senioren bringen Lebensweisheiten in den Unterricht ein

Dass diese Zusammenarbeit gut funktioniert, beweist das 53-jährige Bestehen des Arbeitskreises. Gerhard Fürst erzählt, dass die Senioren bei einigen Themen doch etwas mehr wüssten oder anders in Erinnerung hätten als die Schülerlehrer. „Zum Beispiel in Geschichte: Einige haben den Zweiten Weltkrieg ja noch miterlebt“, sagt der 78-Jährige. „Die jungen Leute haben eben das Wissen und die Alten die Erfahrung. Da muss man manchmal auch sehr Rücksicht nehmen aufeinander.“

Beliebte Fächer werden im sozialen Arbeitskreis auch in unterschiedlichen Niveaustufen angeboten. Zum Beispiel gibt es drei Englischkurse, die auf die Vorkenntnisse der Senioren aufbauen. Das Angebot werde nicht nur von Vaihinger Senioren gut angenommen. Rund 150 Senioren werden von circa 50 Schülerlehrern unterrichtet. „Manche kommen auch von Leinfelden-Echterdingen rüber“, erzählt Gerhard Fürst, der selbst bereits seit elf Jahren engagiert im SAK dabei ist und als Seniorensprecher die Interessen der älteren Generation vertritt. „Ich wollte ein bisschen Verantwortung übernehmen“, erklärt er. „Die Zusammenarbeit mit jungen Menschen ist einfach toll.“

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