Bei einem Wettbewerb hat ein Team des Theodor-Heuss-Gymnasiums mit einem französischsprachigen Film und einem Theaterstück Preise abgeräumt. Die Werke handeln davon, wie sich Jugendliche im Internet radikalisieren. Was hat die Schüler zu dem Projekt motiviert?
Hugo lässt niemanden an sich heran. Immer verzweifelter versuchen seine Freunde, ihn zu erreichen. Die an ihn gerichteten Worten prallen jedoch ein ums andere Mal an Hugos Kopfhörern ab. Eine digitale Filterblase hat den Jugendlichen fest im Griff, er driftet zunehmend in Richtung Rechtsextremismus ab.
Das ist eine Szene aus dem französischsprachigen Theaterstück „Liberté, Egalité, Diversité“, für das fünf Schülerinnen und Schüler des Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) einen Preis gewonnen haben. Die 16-jährigen Nele Mauser, Yasin Küz, Erich Kämpf und Pauline Thym sowie die 15-jährige Delia Crapanzano belegen den bilingualen Zug der Schule, bei dem Unterricht in Fächern wie Geografie und Geschichte auf Französisch stattfindet. Zusammen haben sie nun zum dritten Mal in Folge an dem Bundeswettbewerb Fremdsprachen teilgenommen. Gruppen reichen dort einen medialen Beitrag ein, den eine Jury bewertet. „Das war für uns das letzte Jahr, in dem wir mitmachen konnten“, erzählt Mauser. „Deshalb wollten wir uns diesmal ein Thema vornehmen, das uns wirklich beschäftigt.“
Aus Film wird Theaterstück
Nach Rücksprache mit ihrer Französischlehrerin Margarete Schmid beschloss die Gruppe, sich damit auseinanderzusetzen, wie sich Jugendliche im Internet radikalisieren. „Die Gefahren durch den gesellschaftlichen Rechtsruck sind sehr präsent“, sagt Mauser dazu. Im Französischunterricht vertieften sich die fünf in die Thematik und erarbeiteten sich Materialien, die ihnen Schmid gestellt hatte. Basierend darauf schrieb Mauser dann während der Weihnachtsferien ein Drehbuch auf Französisch. Anschließend drehte die Gruppe einen zehnminütigen Film. Er handelt von Hugo, der im Internet von rechtsextremen Inhalten in den Bann gezogen wird. Das besorgt seine Freunde. Sie versuchen, ihn mit unterschiedlichen Strategien davon zu überzeugen, dass er auf dem falschen Weg ist. Einer probiert es mit faktenbasierten Argumenten, eine meidet den Konflikt, eine andere sucht ihn. Aber nichts davon dringt zu Hugo durch.
Für den Film erhielt die Gruppe einen Landespreis und eine Einladung zum „Sprachenfest“ in Ravensburg. Außerdem sollten die Schülerinnen und Schüler für die Veranstaltung ihr Werk zu einem Theaterstück weiterentwickeln und live aufführen. „Wir haben ein paar Sachen hinzugefügt, damit die Geschichte auf der Bühne besser funktioniert, zum Beispiel die Szene mit den Kopfhörern“, sagt Mauser. Die Erzählung spannte sich nun während einer Partie des Kartenspiels Uno auf. Küz sagt: „Das Theaterstück ist uns noch besser gelungen als der Film.“ Die Jury wählte die Gruppe beim Bundespreis auf den zweiten Platz.
Künstliche Intelligenz als Herausforderung
Nach Meinung der Lehrerin der Gruppe zeigt das Projekt, welche Vorzüge der Fremdsprachen-Unterricht hat. Schmid sagt: „Es geht nicht nur darum, stumpf Vokabeln zu pauken. Eine Sprache zu lernen, hilft vor allem, den eigenen Horizont zu erweitern.“ Man beschäftige sich mit fremden Kulturen und denke dadurch über viele Themen anders nach. Dieser Aspekt ist Susanne Lin-Klitzing zufolge in der heutigen Zeit besonders wichtig. Die Vorsitzende des deutschen Philologenverbands sagt: „Künstliche Intelligenz stellt den Fremdsprachen-Unterricht vor ein Legitimationsproblem.“ Programme wie Chat GPT könnten reine Kommunikation brillant simulieren. An den Schulen müsse deshalb die von Schmid angesprochene Horizonterweiterung im Vordergrund stehen. Dieses Ziel werde auch mit dem Sprachenwettbewerb verfolgt, sagt der in Baden-Württemberg dafür zuständige Paolo Vetrano. Er fügt hinzu: „Die Schülerinnen und Schüler sollen sich dadurch über die Schule hinaus für andere Sprachen begeistern.“ Ihm ist allerdings bewusst, dass durch solche Projekte vor allem Jugendliche gefördert werden, die ohnehin schon besonders motiviert sind und sich mit dem Sprachenlernen leicht tun.
Die Schülerin Thym jedenfalls freut sich über die Möglichkeit, sich mit gesellschaftlichen Themen beschäftigen zu können. Sie sagt: „Sprachen ermöglichen es, in eine andere Kultur einzutauchen.“ In ihren Werken hat sich die Gruppe des THG auf den Rechtsextremismus in Frankreich konzentriert. „Die grundsätzliche Thematik lässt sich aber auf Deutschland und auf alle anderen Länder übertragen“, fügt Thym hinzu. Das hätten nicht zuletzt die Ergebnisse der zurückliegenden Europawahlen gezeigt.
Mit Blick auf die politische Entwicklung sagt Mauser: „Wir wollten nicht zu pessimistisch sein, aber auch nicht die Botschaft vermitteln, dass nach ein bisschen Reden alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen ist.“ Das Theaterstück endet damit, dass die Uno-Karte, auf der alle Farben des Spiels abgebildet sind, auf den Boden fällt. Sie repräsentiert die Diversität. Der sich radikalisierende Hugo hebt die Karte auf – und gerät ins Nachdenken. Sein Radikalisierungsprozess ist damit noch nicht gestoppt, aber es ist vielleicht ein erster Schritt auf dem Weg dorthin.
Esslinger Sprachtalente
Preis
An dem Bundeswettbewerb Fremdsprachen nehmen Schülerinnen und Schüler entweder einzeln bei einer Prüfung oder als Team mit einem medialen Beitrag teil. In der Kategorie Team hatten in diesem Jahr landesweit 95 Gruppen und bundesweit 1711 Gruppen ein Werk eingereicht. Die Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums gewannen für ihren Film einen Landespreis und für ihr Theaterstück den zweiten Bundespreis. Der erste Preis ging an eine Schule aus Vaihingen/Enz.
Förderung
Wer sich für den bilingualen Zug am Theodor-Heuss-Gymnasium entscheidet, hat ab der siebten Klasse zunächst das Fach Geografie, danach Geschichte und schließlich Gemeinschaftskunde auf Französisch. Im zehnten Schuljahr werden sogar alle drei Fächer auf Französisch unterrichtet. Durch zusätzliche Wochenstunden soll besonderer Wert auf die Sprachförderung gelegt werden.