Schüler führen Schüler – hier durch die Willi-Baumeister-Ausstellung. Foto: Fritzsche

Beim Projekt Face to Face werden Schüler der Kräherwaldschule als Kunstführer ausgebildet.

S-Nord/S-Mitte - Diese Bilder hat Willi Baumeister Mauerbilder genannt“, sagt Tjörvi Lederer. „Warum, meint ihr, hat er sie so genannt?“ Die Gruppe Neuntklässler, die um ihn herum steht, überlegt kurz. Dann kommen die Vorschläge: „Weil er Mauer als Untergrund benutzt hat!“ – „Weil das Gemalte aussieht, wie aus verschiedenen Formen zusammengesetzt!“ „Ja, das stimmt alles“, sagt Tjörvi. „Es gibt aber noch einen weiteren Grund: Baumeister hatte enge Verbindungen zur Architektur. Er wollte, dass Bilder nicht nur an der Wand aufgehängt werden, sondern sich an den Raum anpassen, Teil davon werden.“

Ein Vormittag im Kunstmuseum am Schlossplatz: Eine Klasse aus dem Katharinenstift nimmt an einer Führung durch die aktuelle Sonderausstellung „Willi Baumeister International“ teil. Geführt werden sie jedoch nicht von Erwachsenen, sondern von drei Zwölfklässlern der Waldorfschule am Kräherwald – Max Reinold, Ann-Catherine Weise und Tjörvi Lederer, alle 18 Jahre alt. Möglich macht dies das Projekt „Face to Face“, das von Gabriele Hiller, Kunstpädagogin an der Kräherwaldschule, und Nicole Deisenberger aus der Abteilung Kunstvermittlung im Kunstmuseum organisiert wird, mittlerweile zum vierten Mal.

Begegnung auf Augenhöhe

„Die Schüler, die zu Kunstführern ausgebildet werden, beschäftigen sich damit, wie sie Verantwortung übernehmen, wie sie eine eigene Form finden“, sagt Nicole Deisenberger. Die Nachfrage war anfangs eher gering, erinnert sie sich: „Es gab oft Vorbehalte, ob die Kinder in einer solchen Führung überhaupt etwas lernen.“ Das sei aber mittlerweile kein Problem mehr: „Die Jugendlichen begegnen sich auf Augenhöhe, was oftmals besser funktioniert als klassische Führungen.“ Für die Schüler der Kräherwaldschule ist es zudem keine Verpflichtung, sondern ein freiwilliges Angebot, sich zu Kunstführern ausbilden zu lassen. Gabriele Hiller erklärt: „Ich biete das für die 11. und 12. Klassen an, viele machen auch mehrmals mit.“

Und das, obwohl ein erheblicher Aufwand den Führungen vorangeht: die auserwählte Ausstellung wird mehrmals besucht, außerdem machen die angehenden Kunstführer eine klassische Führung mit. „Dann erarbeiten wir alternative Methoden, wie man an die Sache herangehen könnte, wie man die Schüler einbeziehen kann“, erklärt Hiller. Der Nachwuchs stellt die Dramaturgie seiner Führungen selbst zusammen.

So auch Max, Ann-Catherine und Tjörvi. Das hört sich nach viel Arbeit in der Freizeit an – die drei sehen das jedoch gelassen. Das eigene Kunstinteresse motiviert sie. „Man schaut ein Bild ja anders an, wenn man es präsentieren und erklären soll“, sagt Max. So ist die Führung der drei auf jene Werke ausgelegt, die sie selbst interessant finden: „Was glaubt Ihr, wie alt ist Willi Baumeister auf diesem Selbstporträt“, fragen sie . 48 oder 51 Jahre, schätzen die Katharinenstiftler. „Er war 21 Jahre alt“, löst Tjörvi unter erstauntem Raunen auf.

Lehrerin und Schüler sind zufrieden

Beim Bild „Wind“ von 1951 sollen die Schüler eine Minute still sein, das Bild auf sich wirken lassen und dann ein Wort aussuchen, das ihrer Meinung nach zu dem Bild passt. Kurz ist es mucksmäuschenstill, dann kommen die Wörter: „zerfetzt“, „mystisch“, „Nacht“, „Verwirrung“. Tjörvi erklärt: „Das Bild zeigt nicht einen definitiven Aspekt, sondern kann verschieden interpretiert werden.“ Auch Nachfragen seitens der Neuntklässler sind kein Problem. „Wie lange hat Baumeister denn für ein Bild gebraucht?“ „Schwer zu sagen“, sagt Max. „Das fragen wir uns auch.“ Tjörvi ergänzt: „Baumeister hat eben lange gelebt und viel gearbeitet.“

Das Konzept der Führung auf Augenhöhe scheint aufzugehen: Die Neuntklässler beteiligten sich rege an der Führung. Auch ihre Lehrerin ist begeistert: „Ich finde, das machen die drei wirklich gut“, sagt Eva Koberstein. Max, Tjörvi und Ann-Catherine freuen sich im Gegenzug darüber, dass die Neuntklässler mitmachen: „Wir hätten noch viel mehr erzählen können.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: