Schriftstellerin Bettina Storks hat ihre Kindheit in Fellbach verbracht. Die Bäckerei ihrer Familie dient als Inspiration für ihr nächstes Werk, das 2024 herauskommt, erläutert sie im Interview mit unserer Zeitung. Im September liest sie im Stadtmuseum aus ihrem aktuellen Spiegel-Bestseller „Die Kinder von Beauvallon“.
Mit ihrem aktuellen Buch „Die Kinder von Beauvallon“ hat sie kürzlich die literarischen Weihen erhalten und ist auf die „Spiegel“-Bestsellerliste geklettert. Bettina Storks lebt mit ihrer Familie am Bodensee, aufgewachsen ist die Schriftstellerin jedoch in Fellbach. Die 63-Jährige erinnert sich gerne zurück – und Fellbach, Heimat ihrer Kindheit, spielt im nächsten Roman eine tragende Rolle, wie sie im Interview mit unserer Redaktion verrät.
Frau Storks, Spiegel-Bestsellerautorin, das hört sich gut an, oder?
Ja, diesmal, mit meinem mittlerweile neunten Roman, habe ich es endlich geschafft auf die Liste. Aber das ist eine ziemlich komplizierte Sache. Da werden die Verkäufe in einer Woche in einzelnen Buchhandlungen gezählt. Aber nun habe ich den Bäbber auf dem Buchdeckel, das freut mich enorm.
Und somit genießen Sie in diesen Sommertagen Ihren Erfolg?
Von wegen. Ich bin mittendrin im Schreibprozess für meinen nächsten Roman, das erste Viertel ist fertig, das sind so circa 120 Seiten. Man recherchiert und arbeitet am Plot. Daraus entsteht das Arbeitsexposé von 20 Seiten, an dem ich mich jetzt weiter entlang hangele.
Ihre Romane handelten bisher an den verschiedensten Orten. Kommt irgendwann vielleicht auch mal ihre Heimatstadt Fellbach an die Reihe?
Nicht irgendwann, sondern jetzt. Das Hauptsetting meines nächsten Romans ist tatsächlich die Mozartstraße 1 in Fellbach, wo ich aufgewachsen bin, in der Bäckerei Stuber. Denn ähnlich wie im Roman kommt meine Mutter aus Oberschlesien, mein Vater ist gebürtiger Fellbacher. Sie war Katholikin, er Protestant. Bei der Heirat wurde festgelegt, dass das Kind nur katholisch getauft werden darf, und die Stubers, also die Evangelischen, haben nachgegeben.
Und Ihre eigenen Erinnerungen fließen ein?
Das neue Buch hat tatsächlich ganz starke biografische Züge, und ich begebe mich in eine Zeit meiner Wurzeln. Meine Großmutter kam aus einer Wäscherei in Schmiden, mein Großvater aus einer Bäckerei. Die Bäckerei liegt am Cannstatter Platz, im ersten Stock lebten meine Großeltern, darüber wir und oben Onkel Karl-Manfred, der die Bäckerei übernahm. Das war wirklich ein Mehrgenerationenhaus. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinen Großeltern durch die Weinberge spazieren gegangen bin oder am Kappelberg durch meinen Vater das Radfahren gelernt habe. Oder das Freibad mit seinen wundervollen Bäumen. Vor der Haustür war die Straßenbahn-Haltestelle, wir sind oft nach Cannstatt oder Stuttgart gefahren. Und ich erinnere mich noch genau, wie das ganze Haus nach Brezeln geduftet hat, das ist eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen, deswegen kann ich bis heute an keiner guten Brezel vorbei gehen.
Und dieses Haus mitten in Fellbach ist die Grundlage fürs neue Buch?
Es ist die Inspiration für die Geschichte, in der meine Protagonistin, die so um die 50 Jahre alt ist, zurückblickt auf das Leben ihrer Großmutter in einer Zeit, in der eben auch zwei Welten aufeinander prallen. Ich habe mich zum ersten Mal getraut, es ist ziemlich emotional, auf seine Kindheit zurückzublicken. Schreibtechnisch braucht es viel Erfahrung, damit es nicht zu romantisierend wird.
Ich habe mir alles in Fellbach auch noch mal angeschaut und mich gefragt: Warum sieht die Mozartstraße noch genauso aus wie damals? Dort stehen keine SUVs. Es ist eher so ein zurückhaltender Wohlstand, den man gerne verbirgt. Da wohnen auch noch dieselben Leute, oder ihre Enkel, die sind hier geblieben. Und man spürt noch viel von der protestantischen Prägung.
Sie sind ja sehr genau in der Recherche.
Das ist mein Anspruch. Ich klopfe immer wieder die historischen Realitäten ab. Ich spüre den damaligen Wegen nach, lese Bücher aus jener Zeit. Mich beschäftigt die Erinnerungskultur, dieses Mal die deutsche Besatzung in Polen. Ich war schon oft in Krakau, eine Freundin lebt dort seit 30 Jahren – und bemühe mich, den damaligen Zeitgeist aufzuspüren. Im August geht’s noch mal nach Krakau.
Dann können wir uns also in ein paar Wochen oder Monaten auf ihr nächstes Werk freuen?
Nein, nein, ich muss das Manuskript bis Anfang nächsten Jahres abliefern. Das wird dann mit dem Plotlektorat abgestimmt, dann folgt das Sprachlektorat, da geht’s um Formulierungen und den Stil, aber da lassen mir die Verlage viele Freiheiten. Und im Oktober 2024 ist die Veröffentlichung.
Das dauert ja noch über ein Jahr!
Ach, für mich geht das wahnsinnig schnell. Der Veröffentlichungsprozess der Verlage dauert einfach, das muss ja auch in deren Katalogen aufgenommen werden und so weiter.
Am 19. September sind Sie in Fellbach zu einer Lesung.
Ja, im Stadtmuseum als Begleitprogramm zur Ausstellung „Et voilà“ im Rahmen des Europäischen Kultursommers. Dort stelle ich meinen aktuellen Roman „Die Kinder von Beauvallon“ vor, da geht es um die wahre Geschichte des kleinen französischen Dorfes namens Dieulefit, dessen Bewohner im Zweiten Weltkrieg mehr als tausend Flüchtlingen und jüdischen Kindern Schutz gewährten.
Lesungen finden Sie anstrengend, haben Sie vor fünf Jahren mal gesagt, als Sie im Fellbacher Kunstvereinskeller waren. Mögen Sie denn keine Lesungen?
Das stimmt nicht mehr. Ich habe in meinen bisher 40 Lesungen inzwischen eine gute Routine entwickelt. Ich ergänze den Abend gerne mit schönen Präsentationen, mit Fotos von meinen Protagonisten, Kunstwerken oder Insiderkenntnissen zu den Schauplätzen, historischem Originalmaterial. Doch Lesungen sind aus einem anderen Grund eine zweischneidige Sache: Es reißt einen raus aus dem Arbeitsprozess, wenn man etwa in den hohen Norden fährt, dann sind drei Arbeitstage weg, da gerät man aus dem kreativen Rhythmus. Aber sonst mache ich gerne Lesungen.
Apropos Störungen im Arbeitsprozess, wie geht der denn voran?
Am Anfang steht ein Impuls, ein Satz, den es in Form zu bringen gilt. Aber nach neun Romanen weiß ich: Schreiben ist zwar eine zwanghafte Angelegenheit. Aber die Muse küsst nicht. Inspiration fällt nicht vom Himmel, sie ist das Produkt von Arbeit. Wenn’s gut läuft, komme ich auf acht Seiten am Tag. In fünf Stunden schaffe ich heute mehr als früher in acht. Ich komme meinen eigenen Fehlern schneller auf die Schliche. Und bei einer Blockade weiß ich: Irgendwann löst sie sich auch wieder. Man muss in den Rhythmus kommen, damit die Leser das Buch inhalieren, damit sie mit den einzelnen Figuren mitfiebern, das ist mein Ziel.
Hätten Sie nicht Lust, mal einen richtigen Wälzer mit 1000 Seiten auf den Markt zu werfen?
Das geht gar nicht. Ich komme, jedenfalls bisher, stets bei 420 bis 460 Seiten raus, diese Länge ist in mir drin, warum auch immer, das scheint in meiner Schreib-DNA so angelegt zu sein.
Literarische Spätzünderin
Kindheit
Bettina Storks, 1960 in Waiblingen geboren, kommt aus der bekannten Fellbacher Bäckereifamilie Stuber. 1969 zog sie mit ihren Eltern an den Stuttgarter Marienplatz, wo ihre Eltern ein Café übernahmen. Von 1996 bis 2008 lebte sie in Leonberg und seitdem in Bodman am Bodensee.
Studium
In Freiburg und Tübingen studiert sie Neuere deutsche Literaturgeschichte, Romanistik und Kulturwissenschaften und promoviert über die Prosa Ingeborg Bachmanns. Viele Jahre ist sie als Redakteurin „in einem baden-württembergischen Staatsbetrieb“ tätig.
Späte Berufung
Literarisch ist Bettina Storks durchaus eine „Spätzünderin“, beginnt erst nach einem Stipendium im Jahr 2008 mit dem Schreiben belletristischer Texte. 2016 erscheint ihr Debüt „Das Haus am Himmelsrand“. Die Liebe zu Frankreich spielt eine große Rolle in ihren Texten. In zwei Büchern beschäftigt sie sich mit (Liebes-) Paaren: mit Dora Maar und Pablo Picasso sowie Ingeborg Bachmann und Max Frisch.
Lesung
Ihren Spiegel-Bestseller „Die Kinder von Beauvallon“ stellt sie am Dienstag, 19. September, 19 Uhr, im Stadtmuseum Fellbach im Rahmen der Ausstellung „Et voilà“ vor.