Von Themeninsel zu Themeninsel: Alexander Kluge im Kreis der Exponate seiner multimedialen Ausstellung im Württembergischen Kunstverein Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Er ist einer der großen Intellektuellen unserer Zeit, dessen Werk über alle Ufer tritt: Der Schriftsteller, Philosoph und Filmemacher Alexander Kluge zeigt in Stuttgart seine „Gärten der Kooperation“ – und betrachtet Emanzipation als Grundprinzip des Lebens.

Stuttgart - Wer sich mit Alexander Kluge unterhält, gerät in einen Sturm. Erzählungen, Anekdoten, Metaphern und Theorien aus allen Disziplinen, aus Geschichte und Naturwissenschaft, aus Philosophie und Religion, aus Oper, Theater, Bildender Kunst, Film und allen anderen Medien fliegen und pfeifen dem Zuhörer um Ohren und Augen. Der Orkan, den der 85-jährige Universalist entfacht, macht keinerlei Anstalten, sich zu legen – und er würde noch immer noch toben, wäre da nicht die Pressekonferenz zu den „Gärten der Kooperation“, die Kluge im Anschluss an unser Gespräch im Württembergischen Kunstverein geben muss.

Herr Kluge, ich habe eine Fotografie mitgebracht, die ich Ihnen zeigen möchte . . .
Ja, gerne. Aber haben Sie in der Ausstellung schon den Filmausschnitt mit Thomas Mauch gesehen? Er heißt „Das Hochdeutsche knistert wie Zeitungspapier, das Alemannische strömt wie das Blut“ – und Mauch, der oft mein Kameramann war und aus Heidenheim kommt, liest darin Schiller, Hölderlin und Hegel auf Schwäbisch. Das klingt unglaublich gut. Es ist ein Plädoyer, dass man Hegel überhaupt nur versteht, wenn man dessen landsmannschaftliche Sprache berücksichtigt. Die Worte sprengen die Grammatik weg – und das Abstrakte seiner Philosophie wird plötzlich ganz gegenwärtig.
Ist das auch Ihr Plädoyer für den Dialekt?
Wir haben Silicon Valley, die Netz-Tüftler mit ihren Erfindungen, die ich achte, weil sie uns manchmal überlegen sind. Aber das Netz ist ein Schriftmedium, dem wir immer wieder mit Selbstbewusstsein unsere Mündlichkeit entgegensetzen müssen. Es ist das Beste an uns Menschen: die lokale Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, der Dialekt, dem wir vertrauen können. Diese Mündlichkeit ist auch dann vom Verschwinden bedroht, wenn wir es gar nicht merken. Nehmen Sie das Pidgeon-Englisch internationaler Konferenzen: Habermas auf Englisch auch noch Hegel interpretieren zu lassen – nichts ist alberner als diese falsche Globalisierung. Hegel braucht das Schwäbische.
Das hört man in Stuttgart gerne.
Mir imponieren die Schweizer. Während bei uns die Spielarten des Deutschen verschwinden, reden sie unter sich nur Schwyzerdytsch. Sie würden sich für verrückt halten, wenn sie es nicht täten. Sie konservieren sogar Begriffe aus dem Mittelalter, weshalb ihre Sprache einen ungeheuren Reichtum aufweist.
Jetzt aber die Porträtaufnahme, die Sie als jungen Mann zeigt.

(Kluge betrachtet die Fotografie: Er als Mittdreißiger, 1966, lächelnd, mit randloser Brille)

Sehr hübsch, wie gestern, sehr gegenwärtig. Das Alter merke ich nur daran, dass ich heute keine Brille mehr brauche.
Was empfinden Sie sonst noch dabei?
Die Aufnahme erinnert mich an meine Zusammenarbeit mit meiner kürzlich verstorbenen Schwester. Sie war die Dichterin in der Familie, ich war als Aufschreiber nur ihr Gehilfe. Meine Schwester spielte die Hauptrolle der Anita G. in „Abschied von gestern“ und gewann mit ihrer darstellerischen Spontaneität beim Filmfestival in Venedig den Hauptpreis für uns beide: den ersten „Goldenen Löwen“ für Deutschland seit „Jud Süß“, dem schrecklichen Hetzfilm der Nazis aus dem Jahr 1944. Pol und Gegenpol: das war ein starkes Gefühl.
b>„Der Darm war klüger als der Kopf“
Eines der Themen Ihrer Ausstellung ist Emanzipation: Fühlen Sie sich heute, mit 85 Jahren, emanzipierter als damals, als Sie 34 waren?
Hinter Ihrer Frage steckt eine darwinistische Vorstellung, als unterliege auch die Emanzipation einer Evolution. Ich glaube, das funktioniert anders: Emanzipation ist etwas, das in jedem von uns steckt, jederzeit. Wir Menschen sind sehr alte Lebewesen. Die Billiarden von Zellen, die Sie und ich miteinander herumtragen, gibt es seit undenklichen Zeiten. Und sie sind von sich aus rebellisch. Sie gehorchen nicht. Ein Beispiel aus der Ausstellung: Ein Kampfpilot will ein Haus im Irak bombardieren, wo er Terroristen vermutet. Doch sein Darm spielt ihm einen Streich. Er macht sich aus Nervosität in die Hose und verreißt das Steuer, weshalb die Bombe ihr Ziel verfehlt – und die Hochzeitsgesellschaft, die in Wirklichkeit in dem Haus war, ist gerettet. Der rebellierende Darm war klüger als der Kopf – und das fünfminütige Video dazu heißt: „Der Darm denkt“.
Denken auch andere Organe?
Die Emanzipation steckt überall, in den Fußsohlen, in der Haut, im Zwerchfell: Wenn etwas ganz Autoritäres auf Sie zukommt und Sie trotzdem lachen müssen, können Sie dieses Lachen nicht bezwingen. Da ist ein Eigensinn in uns, den wir lieben und kultivieren müssen: in „Gärten der Kooperation“, wie ich das nenne. Wenn Sie das tun, den ungehorsamen Eigensinn pflegen, als Form der Glückssuche, kommt Freiheit und Emanzipation als Ergebnis heraus.
Lachen als Zwerchfell-Emanzipation: zeigen Sie deshalb in der Ausstellung auch Charlie Chaplin, der über ein Hochseil balanciert und dabei von einer Horde kleiner Äffchen gestört wird?
Auch ich finde diese Zirkusnummer sehr komisch, sehe sie aber in einem anderen Zusammenhang: Die Vernunft ist eine Balance-Tier. Sie ist keine Rechthaberin, die sagt: Das ist wahr, das ist falsch. Sie hat mit dem Geklapper des Verstands nichts zu tun. Vernunft kommt aus dem Herzen und sucht, wie Chaplin auf dem Seil, nach Gleichgewicht. Ich glaube auch nicht an die Idee, dass man aus willentlicher Anstrengung vernünftig handelt. Vernunft muss Ihnen von Herzen Lust machen. Im Übrigen ist diese Vernunft immer etwas, das zwischen zwei Menschen entsteht: Robinson braucht seinen Freitag, um auf der Insel zu überleben.
In unserem Gespräch fällt mir, wie schon so oft, Ihre Stimme auf: Sie ist ruhig, sanft, freundlich, zärtlich. Es ist nicht die Stimme eines Kämpfers.
Da täuschen Sie sich. Ich kämpfe ziemlich viel, aber ich kann mit der Stimme meiner Schwester kämpfen. Ich muss nicht drängen, fordern, schreien, überhaupt nicht, so könnte ich keinen Kampf gewinnen. Ich kann ihn nur gewinnen, wenn ich Sie gewinne – als mein Gegenüber. Herzliche Vernunft entsteht durch Inklusion: Zwei Menschen senken ihre Ich-Schranken und nehmen den anderen in sich auf. Dann bildet sich eine Plattform zwischen Ihnen, die durch jedes Gespräch reicher wird, weshalb auch nichts mehr Spaß macht als der gelungene Austausch in einem Dialog.
Gilt das auch für die Liebe, diese Spezialform des Austauschs?
Gerade da. Nirgends zeigt sich die Herzlichkeit der Vernunft klarer, unverstellter und unabweisbarer als in der warmherzigen Intimität zweier Menschen.

Das Gespräch führte Roland Müller.

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