Der US-Schriftsteller John Irving blickt auf die Polarisierung seiner Heimat. Foto: /laif

Der Schriftsteller John Irving über Geister, schwangere Klapperschlangen, das Duell Biden – Trump und den rechten Kulturkampf gegen die Woke-Bewegung.

John Irvings Romane sind von einer zupackenden Sinnlichkeit. Zupacken kann der Schriftsteller auch selbst. Zum Interview über wilde Tiere, Gespenster und den Kampf der radikalen Rechten gegen die Woke-Bewegung erscheint der 81-Jährige 15 Minuten zu spät – weil er auf einer kanadischen Insel noch ein paar Rohre zu reparieren hatte.

 

Herr Irving, schön, dass Sie es doch noch in unseren Zoom-Call geschafft haben. Ist was passiert?

Alles ist gut; ich bin hier auf einer Insel und hatte ein Problem mit den Rohren, um das ich mich kümmern muss. Aber jetzt bin ich da.

Sind Sie auf Ihrer eigenen Insel?

Die Insel gehört meiner Frau Janet; sie ist hier aufgewachsen. Ihr Großvater hat die Insel 1926 beim Pokern gewonnen. Es sind drei Stunden von Toronto und dann noch mal 15 Minuten mit dem Boot bis zu der Insel in der Georgian-Bay-Gegend im Lake Huron. Wir kommen jeden Sommer her. Ich muss öfter mal in die Stadt, habe hier aber einen Ort zum Arbeiten.

Können Sie die Insel beschreiben?

Sie ist nur ein paar Hektar groß. Wir sind die einzigen Bewohner und haben ein paar Blockhütten mit einer Küche, Schlafräumen und Gästezimmern. Etwas abseits davon steht eine Baracke, in der ich schreibe. Was wir oft sehen, sind Hirsche und Nerze, ab und an auch Bären. Die sehen wir fast nur vom Boot aus. Sobald wir anreisen, schwimmt der Bär angewidert auf die nächstgrößere Insel. Unsere ist für ein Miteinander zu klein.

Umso besser, wenn die Bären bereitwillig ausweichen.

Weniger angenehme Inselbewohner sind die Klapperschlangen. Meinen Enkeln bläuen wir immer ein: raus mit den verdammten Kopfhörern und Augen auf den Boden. Hier gibt es viele Schlangen, auch Fuchsnattern. Die mögen wir, weil sie Klapperschlangen fressen. Selbst töten dürfen wir die Klapperschlangen nicht. In Kanada sind sie als bedroht eingestuft – wobei sie auf mich nicht besonders bedroht wirken. Um die großen Seen herum und auf den Inseln sind sie überall.

Wie nah kommen sie den Häusern?

Einmal war eine unter den Stufen zum Waschraum. Das war inakzeptabel; die mussten wir an einen anderen Ort verfrachten. Ein andermal hatte sich eine Klapperschlange die Türschwelle zu meiner Arbeitshütte ausgesucht. Jeden Morgen musste ich sie wegschubsen; ich hatte dafür extra einen langen Stock an die Hauswand gelehnt. Und nur ganz sanft geschubst; sie war schwanger.

In Ihrem neuen Buch kommen auch Geister vor. Hatten Sie schon mal eine Begegnung mit einem Geist?

Ich bin weder religiös noch spirituell. Das Übernatürliche überzeugt mich nicht. Das mal vorweg. Geister kann ich mir nur als unerklärliche, unbegreifliche Wesen vorstellen. Ich habe nie etwas gesehen, das ich als Geist bezeichnen würde. Meine Tochter aber schon. Und auch andere Leute, denen ich vertraue.

Wirklich?

Mit meiner Assistentin war ich zur Recherche bei der Historischen Gesellschaft von Aspen. Wir haben im alten Hotel Jerome geschlafen, das auch im Roman vorkommt, und ich habe absichtlich das Zimmer des einstigen Gründers Jerome B. Wheeler genommen. Wenn ich je einen Geist sehen würde, dann hier. Nichts ist passiert. Aber meine Assistentin – die zwei Etagen weiter oben schlief und eine dezidierte Skeptikerin ist –, die hat einen Geist gesehen: den des Zimmermädchens. Ich nehme Menschen ernst, die so was berichten. Im Hotel Jerome sind so oft Geister beschrieben worden und das auf so ähnliche Weise, dass es mehr als ein Zufall sein muss.

In „Der letzte Sessellift“ schreiben Sie: „Der erste Tod einer geliebten Person verändert die Weise, wie die Zeit fließt.“ In meinem Fall war das die Großmutter. Mögen Sie sagen, wer es bei Ihnen war?

(John Irving spricht den ersten Satz auf Deutsch:) Auch meine Großmutter. Sie wurde 99 Jahre alt. Als ich aufwuchs, war sie unser bester Vorleser. Ihre Stimme gehört zu meinen ersten literarischen Einflüssen. Wenn ein Buch irgendwas taugt, hat sie gesagt, musst du es dir selbst so langsam vorlesen, wie ich es vorlese. Natürlich macht das keiner. Aber Audiobooks, die sie nicht mehr erlebt hat, hätte sie geliebt. Es dauert länger, eins zu hören, als selbst zu lesen. Aber wenn man ein guter Zuhörer ist, versteht man ein Buch besser über die Stimme. Besonders Ich-Erzählungen, weil der Erzähler dann auch eine Figur ist. Natürlich macht ein Ich-Erzähler die Geschichte auch länger – weil er immer erklären muss, warum er alles weiß. Mit einem allwissenden Erzähler wäre „Der letzte Sessellift“ 200 oder 300 Seiten kürzer.

Der Tod eines Menschen verändert den Blick auf die Zeit. Was löst die Geburt des ersten Kindes aus? Hat das Ihr Schreiben beeinflusst?

Freilich! (Irving antwortet wieder mit einer deutschen Vokabel.) Bei der Geburt meines ersten Kindes war ich noch Student, aber auch schon Schriftsteller. Mit dem Kind hatte ich mein wahres Thema gefunden: Angst ist Liebe. Im Augenblick der Geburt fühlt man eine unumstößliche Liebe und begreift, dass man noch nie so viel Angst um jemanden hatte. Davon handeln meine Bücher: von der Angst, dass jemand stirbt, den man liebt. Irgendwann wird es passieren. In „Der letzte Sessellift“ spricht Molly – eine Figur, die nicht an Geister glaubt – das aus, was ich selbst über den Verlust denke: „Wen wir lieben, der wird uns verlassen. Wir machen weiter. Ob es Geister gibt oder nicht – wir werden die Toten weiterhin sehen.“ In dem Roman, den ich gerade schreibe, habe ich das zur Kapitelüberschrift gemacht: Fear is Love. Angst ist Liebe.

Ich mache einen Schnitt und komme vom Thema Tod zur Politik. In Florida gilt jetzt ein Gesetz, das LGBTQ-Themen im Schulunterricht verbietet. Werden Ihre Bücher aus Schulbüchereien entfernt?

In Texas hat das Bundesparlament „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ zensiert – weil es von Abtreibung handelt. Abtreibung und alles, was mit LGBTQ zu tun hat, wird für Schüler zensiert. In Florida ist es am schlimmsten, was Schulbüchereien angeht, aber in Texas wurde mein Buch sogar aus allen öffentlichen Bibliotheken verbannt. Die Vereinigten Staaten waren nie vereinigt.

Sondern?

Es ist ein Land, das einen Bürgerkrieg erlebt hat. Als ich in New England aufwuchs, war mir klar, dass man hier ganz anders dachte als im Mittleren Westen oder in den Südstaaten. Die USA sind drei oder vier Länder. Früher fand man auch bei den Konservativen noch aufrichtige, anständige Menschen guten Willens. Im Sozialen waren sie liberal, in der Finanzpolitik konservativ. Es gab mal Republikaner, die sich für Abtreibungsrechte eingesetzt haben. Das ist vorbei. In meiner Lebensspanne war die Polarisierung nie extremer.

Wie bewerten Sie die Lage?

Der Faschismus kommt wieder. Und das nicht nur in Person von Donald Trump. Gucken Sie, was in Europa passiert, wie der Faschismus auch dort wieder stark wird. Es ist Furcht einflößend. Haben die Leute nichts von der Geschichte begriffen? Hört keiner das Echo?

Was fürchten Sie mehr: Donald Trumps dunkles Charisma oder Joe Bidens Alter?

Ich schreibe Romane und bin gut in der Rückschau. Ein Prophet bin ich nicht. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob Biden sein Alter oder die Wahrnehmung seines Alters bewältigt. Ich weiß auch nicht, wie viele verrücke Unterstützer die Republikaner haben. Sind sie noch eine Minderheit oder möchte man das nur glauben? Ich drücke Biden die Daumen; er ist ein guter, anständiger Kerl. Und ich glaube, dass Ron DeSantis gefährlicher als Trump ist. Er hat dieselben bösartigen Ideen, ist aber doppelt so smart. Aber das alles fällt nicht in mein Fachgebiet.

Eine politische Frage, die in Ihr Fachgebiet fällt: Die Rechte findet den Hauptfeind in der woken Bewegung. Macht man es den Ultrakonservativen unnötig leicht, wenn man beispielsweise die Werke von Roald Dahl umschreiben lässt und tabuisierte Begriffe aus Büchern rausredigiert?

Ich bin kein Fan der woken Bewegung. Vieles, was da verlangt wird, ist einfach nur Bullshit. Wokeness ist ein leichtes Ziel. Und Leute, die so bösartig wie rechte Republikaner sind, suchen nach leichten Zielen. Ich glaube also nicht, dass Wokeness der liberalen Sache hilft. Aber diese Debatte ist auch so ziemlich das einzige Gebiet, auf dem Rechte einen echten Anlass zur Klage haben. Also verbeißen sie sich in das Thema – als wäre es ein Problem, dessen Dimension es mit dem wachsenden Faschismus der Republikaner aufnehmen könnte. Vergleichen Sie „Wokeness“ mit der zunehmend antidemokratischen Agenda der Rechten: Hier geht es um intellektuell anstößigen Blödsinn, dort um etwas Schreckliches mit mörderischem Potenzial. Blicken wir auf das, was wirklich wichtig ist.

Info

John Irving
wird am 2. März 1942 im US-Bundesstaat New Hampshire geboren. Schon während des Studiums – bei dem er in Wien auch Deutsch lernt – schreibt er seine ersten Romane. Den Durchbruch bringt 1978 „Garp und wie er die Welt sah“. Irvings Bestseller werden regelmäßig verfilmt; für sein Drehbuch zu „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ wird er mit dem Oscar ausgezeichnet. Im Frühjahr ist sein 15. und dickster Roman erschienen: In „Der letzte Sessellift“ begegnet ein Schriftsteller den Geistern seiner Familie.